Vom Allgäu nach Oberbayern: Benedikt Wiedemanns täglicher Arbeitsweg führt an den Alpen entlang von Kaufbeuren nach Weilheim.
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Vom Allgäu nach Oberbayern: Benedikt Wiedemanns täglicher Arbeitsweg führt an den Alpen entlang von Kaufbeuren nach Weilheim.

Schlechtes Radl-Zeugnis für Bayern

Kaufbeurer pendelt jeden Tag mit dem Rad nach Weilheim - 56 Kilometer einfach

  • Kathrin Brack
    vonKathrin Brack
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Bayerns Radler stellen dem Freistaat ein schlechtes Zeugnis in Sachen Fahrradfreundlichkeit aus: Nur „ausreichend“ ist die Note, die Bayern beim aktuellen „Fahrradklima“ erhält. Manche Städte und Gemeinden zeigen, wie es besser geht. Und einige Radfahrer setzen sich aktiv für Verbesserungen ein.

Weilheim/München – Zwei Stunden dauert Benedikt Wiedemanns Weg in die Arbeit. Die 56 Kilometer von seiner Heimatstadt Kaufbeuren nach Weilheim, wo er am Gesundheitsamt die „Sondereinheit Corona“ leitet, legt der 29-Jährige mit dem Rennrad zurück. Von Schwaben nach Oberbayern geht’s bergab, heimwärts muss er in die Pedale treten, da stellen sich ihm 560 Höhenmeter in den Weg. Wenn er davon erzählt, halten ihn viele erst für verrückt, sagt er, „aber wenn ich mal nicht mit dem Rad fahre, muss ich mich rechtfertigen.“ Der Kaufbeurer steigt auch im Winter aufs Rad. „Es ist fantastisch, morgens lautlos und allein durch die Wiesen zu rollen,“ schwärmt er.

Dieses Erlebnis gönnt ihm nicht jeder. Denn nicht immer führt seine Tour nur über einsame Nebenstraßen. Immer wieder rauschen Autos viel zu nah an ihm vorbei, schneiden ihn. „Ich versteh das nicht, das ist gefährlich und einfach traurig.“ Auf jeder dritten Fahrt komme es zu einer gefährlichen Begegnung. Oft fehlt es an sicheren Radwegen.

Vielen Radfahrern in Bayern geht es wie Benedikt Wiedemann: Sie sind unzufrieden. Mit dem Ausbau des Radwegenetzes, mit dem Platz, den man ihnen einräumt. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) erhebt alle zwei Jahre das aktuelle „Fahrradklima“, in dem Radfahrer ihre Zufriedenheit bewerten sollen. 230 000 haben dieses Mal teilgenommen.

ADFC: Die meisten Radwege sind in sehr schlechtem Zustand

„Die Erwartungen von Radfahrern werden nach wie vor enttäuscht“, fasst Bayerns ADFC-Vorsitzende Bernadette Felsch die Ergebnisse zusammen. Zwei Drittel der Befragten fühlen sich zudem nicht sicher beim Radfahren. In Schulnoten schafft Bayern einen Durchschnitt von 3,9. Ausreichend.

„Die meisten Radwege sind in die Jahre gekommen und in sehr schlechtem Zustand“, sagt Felsch. Häufig werden Radwege von Falschparkern blockiert – dass das kaum geahndet wird, stört eine Mehrheit der Befragten. Auch die Mitnahmemöglichkeiten in öffentlichen Verkehrsmitteln seien in Bayern mangelhaft. Dabei gibt es große Unterschiede zwischen den Kommunen.

So beheimatet Bayern mit Hof und Kulmbach zwei bundesweite Schlusslichter, hat aber mit Erlangen und Sonthofen auch Vorzeige-Fahrradorte zu bieten. Und mit Oberhaching (Kreis München) eine Gemeinde, die die Note 2,77 und bundesweit Platz 11 geschafft hat. Garmisch-Partenkirchen, das zum ersten Mal in die Wertung aufgenommen worden ist, muss sich dagegen mit Note 4,6 begnügen: Dort seien im Winter die Wege schlecht geräumt, die Umsetzung des Radwegeplans lasse zudem auf sich warten.

Radfahrklima: ADFC fordert Radgesetz

Während der Pandemie sind mehr Menschen aufs Rad gestiegen, „und die Kommunen, die darauf reagiert haben, haben auch bessere Bewertungen bekommen“, so Felsch. Der ADFC fordert ein Radgesetz, das einen Rahmen schafft, damit Städte und Gemeinden in ihren Bemühungen für Radfahrer unterstützt werden.

Benedikt Wiedemann setzt sich im Landkreis Weilheim-Schongau fürs Radfahren ein. Bessere Radwege sind eines seiner Ziele, auch wenn die Umsetzung dauert. Gerade hat Wiedemann den Landkreis für die Aktion „Stadtradeln 21“ angemeldet. Diesen Winter musste er öfter aufs Rad verzichten, es gab zu viel Schnee und Eis, und da ist seine Strecke nicht zu schaffen. „Es soll ja auch Spaß machen,“ sagt er. Er freut sich aber schon darauf, an einem milden Sommermorgen Richtung Oberbayern zu rollen.

Kathrin Brack und Lutz Bäucker

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