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Hinter dem Flügel: Gerald Fischer ist in der Erzdiözese für Kirchenmusik zuständig.

Adventsserie: Stille Nacht, klangvolle Nacht

Wo kommen die Weihnachtslieder her? 

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München - Von „Stille Nacht“ bis „Last Christmas“ – unsere Adventsserie beschäftigt sich mit dem Thema Musik. Zum Auftakt: eine Geschichte unserer Weihnachtslieder.

Ein Stichwort genügt und die Melodien graben sich für Stunden oder Tage tief ins Ohr: „Morgen, Kinder, wird’s“... Kennen Sie, oder? Also weiter: „Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!/ Nur wer hat, kriegt noch geschenkt/ Mutter schenkte Euch das Leben./ Das genügt, wenn man’s bedenkt./ Einmal kommt auch eure Zeit./ Morgen ist’s noch nicht soweit.“

Das 20. Jahrhundert war mit wenigem gnädig, auch mit Weihnachtsliedern nicht. Umdichtungen und Parodien, wie diese von Erich Kästner aus dem Jahr 1927, gehören zur Kulturgeschichte des Weihnachtslieds dazu, als moderne, subversive Querschläger einer alten Tradition. Aber was heißt eigentlich alt?

Die erste Spur liegt weit zurück, im Mittelalter. Damals gab es zwar gregorianische Hymnen zur Weihnachtszeit, gesungen von Mönchen, im Gottesdienst, natürlich auf Lateinisch. Den Menschen dieser Zeit war das aber kaum zugänglich, deshalb mischten sich die Hymnen langsam mit deutschsprachigen Kirchenliedern, den „Leisen“. Das wohl früheste Beispiel ist „Gelobet seist du, Jesu Christ“, dessen erste Strophe aus dem Jahr 1380 stammt.

„Das Volk hat sich einfach das gregorianische Material zurecht gesungen“, sagt Gerald Fischer, 62, der die Abteilung Kirchenmusik der Erzdiözese München und Freising leitet. In der damals noch einigen Kirche nahm man das so hin, bis einer das Potenzial in dieser Entwicklung sah: Martin Luther. Der Reformer war nämlich auch Texter und Komponist, an die 30 Lieder gehen auf ihn zurück. Das besagte „Gelobet seiest du, Jesu Christ“ erweiterte er einfach um einige deutschsprachige Strophen. Ein Kunstgriff: Die Leute verstanden die Texte mit einem Mal. „Und die Sprödigkeit der alten Lieder wurde abgelegt.“ Bei Luther, sagt Gerald Fischer, ging’s auf einmal sinnlich zu.

Der Mann schrieb Lieder für den Bauch. Deshalb muss es auch nicht wundern, dass viele Weihnachtslieder im katholischen Gotteslob von ihm stammen. In der jüngsten Ausgabe steht neben den Noten und Texten immer ein „ö“ für ökumenisch. Beim Liedgut ist die Kirchenspaltung längst überwunden.

Auch zu Luthers Zeiten blieben Weihnachtslieder allerdings eine kirchliche Angelegenheit. Das änderte sich erst zaghaft an der Wende zum 19. Jahrhundert, als das Bürgertum wuchs und an Einfluss gewann. Betuchte bürgerliche Familien sangen Weihnachtslieder nun auch zu Hause in der Stube, aus dem Kirchenchoral wurde ein Sololied mit Klavierbegleitung. Auch die Texte änderten sich: Man besang nicht mehr nur die Geburt selbst, sondern die biedermeierliche Kleinfamilie. In „O Tannenbaum“, dessen Textfassung Anfang des 19. Jahrhunderts entstand, geht es nicht mal mehr am Rande um Weihnachten.

Aus dieser Zeit stammt auch das vielleicht bekannteste Weihnachtslied der Welt: „Stille Nacht“. Dessen Entstehungsgeschichte ist oft erzählt worden: Den Text schrieb vor genau 200 Jahren der Pfarrer Joseph Mohr, die Melodie lieferte der Organist Xaver Gruber. Uraufgeführt wurde das Lied im Jahr 1818 in dem österreichischen Örtchen Oberndorf an der bayerischen Grenze. Kaum ein Lied steht so sehr für das bürgerlich-weihnachtliche Idyll wie dieses.

Eine frühe Fassung des vielleicht bekanntesten Weihnachtslieds der Welt: „Stille Nacht“. Der Text entstand vor genau 200 Jahren an der bayerisch-österreichischen Grenze.

Manchen war das bald zu viel der heilen Welt, selbst die Kirche befand: zu kitschig. Die „Stille Nacht“ bot also eine große Angriffsfläche. Vor allem antibürgerliche Kräfte machten sich das zunutze. Ab Ende des 19. Jahrhunderts entstanden sowohl Parodien als auch sozialkritische Umdichtungen des Textes. Ein Arbeiterlied von 1892 wird besonders deutlich. Da heißt es: „Stille Nacht, traurige Nacht,/ ringsumher herrscht Geldsackmacht,/ und man zahlt der Mühe zum Lohn/ nach wie vor nur Hungerlohn,/ steckt den Mehrwert ein.“

Im Arbeitermilieu verbreiteten sich solche Texte rasend schnell, die Anti-Versionen wurden teils sogar auf Schellack gepresst. „Für die bürgerlich-religiösen Kreise war das natürlich wahnsinnig provozierend“, sagt Michael Fischer. Der 48-Jährige ist Direktor am Freiburger Zentrum für Populäre Kultur und Musik und hat über die „Stille Nacht“-Parodien geforscht. Dass dieses Lied, viel mehr als andere, zum Ziel von Parodien wurde, hat natürlich mit seiner Popularität zu tun. Aber auch der Originaltext, sagt Fischer, machte das Lied für die Arbeiterbewegung interessant. In der so gut wie nie gesungenen vierten Strophe heißt es: „als Bruder huldvoll umschloß/ Jesus die Völker der Welt“. Internationalismus im kleinbürgerlichen Gewandt – auch das ist „Stille Nacht“.

Die Umdichtung blieb angesagt. Im Ersten Weltkrieg dichtete man „Stille Nacht, heilige Nacht/ Deutschland hat mobil gemacht!“, die Nationalsozialisten wollten den christlichen Inhalt durch eine völkische Mythologie ersetzen. Das passierte auch mit vielen anderen Weihnachtsliedern. Allerdings blieb auch der sozialkritische Ansatz en vogue, wie die eingangs zitierten Kästner-Zeilen zeigen.

Die Vielfalt nimmt kein Ende, auch heute nicht. Im Radio laufen weihnachtliche Pop-Songs: von US-Klassikern à la Bing Crosby bis zum Dauer-Dröhner „Last Christmas“. Auch ein paar geistliche Lieder sind neu hinzugekommen. „Stern über Bethlehem“ von 1964 ist so etwas wie ein moderner Klassiker geworden.

Trotzdem bleiben die alten Lieder diejenigen mit der größten Strahlkraft, da sind sich die beiden Fischers einig. „Sie sind wie Inseln“, sagt der Kulturwissenschaftler Michael Fischer. „Man zieht sich auf sich selbst zurück, fühlt sich für ein paar Momente wieder wie ein Kind.“ Die Orgel. Der Kerzenduft. Der leise Gesang. So fühlt sie jeder, die stille Nacht.

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