Fahrgäste auf der Strecke von München nach Weilheim sind genervt.

Pendler sind sauer

Ärger um Werdenfelsbahn: Ein Tag im Zug

München – Zu eng, zu unbequem – vor allem aber zu spät: Die Werdenfelsbahn zwischen München und Garmisch-Partenkirchen steht in der Kritik. Mit dem neuen Fahrplan und den neuen Zügen häufen sich die Beschwerden. Die Pendler sind sauer. Eine Betriebsinspektion.

„Ich bin so richtig angeranzt!“ Die Frau, die das sagt, rutscht unruhig auf ihrem Sitz im Zugabteil hin und her. Sie ist Pendlerin, 49 Jahre alt, kommt aus Böbing im Kreis Weilheim-Schongau. Jeden Tag fährt sie in der Werdenfelsbahn zwischen München und Weilheim, morgens und abends. Und jeden Tag ist sie stinksauer.

Ein einziges Mal – so oft war die Geschäftsfrau in letzter Zeit pünklich im Büro. Sie musste Termine absagen, verpasste wichtige Meetings. Nun ist sie auf dem Heimweg, sie ist immer noch geladen, denn es ist später geworden als sonst: Die Frau hat die am Morgen verlorene Arbeitszeit nach Feierabend nacharbeiten müssen. Ihr reicht’s.

Studentin Jenny Wenng wartet in Weilheim.

Seit dem 15. Dezember gibt es Ärger mit der Werdenfelsbahn. Da wechselte der Fahrplan, und die Bahn bekam neue Züge. Jetzt werden täglich Störungen gemeldet auf der viel genutzten Pendler-Strecke zwischen München und Garmisch-Partenkirchen. Die Folge: massive Verspätungen. „Bisher erreichten wir meistens eine Pünktlichkeit von über 90 Prozent“, sagt Franz Lindemair, Sprecher der Deutschen Bahn in Bayern. „An acht Tagen allerdings lagen wir zuletzt drunter.“ Einmal waren es sogar weniger als 70 Prozent. „Das ist nicht zufriedenstellend.“ Hinzu kommt, dass ein Zug erst ab sechs Minuten Verspätung als unpünktlich gilt.

Nils Kühn, 24, lehnt am Stehtisch im Imbiss des Weilheimer Bahnhofs und wartet auf seinen Zug nach Hause – er wohnt in München. „Mir gehen langsam die Überstunden aus“, sagt er mit einem sarkastischen Lächeln: Er gleicht damit die Verspätungen aus. Er und die Verkäuferin hinter der Theke kennen sich bereits bestens. Vom vielen Warten.

Kühn fährt täglich morgens mit der Werdenfelsbahn von Pasing nach Weilheim. Dann geht es zu Fuß Richtung Trifthof, wo er als Werbetechniker arbeitet. Ein gemütlicher Spaziergang war das lange nicht mehr. Wegen der Verspätungen muss der junge Mann neuerdings sprinten, damit er noch rechtzeitig zur Arbeit kommt. Das klappt nicht immer. „In der Woche vor Weihnachten war ich morgens insgesamt zwei Stunden zu spät“, sagt Kühn. Das gab Ärger. Seine Überstunden: futsch. Heute hat er wieder 20 Minuten verloren. In Starnberg qualmte ein Zug und legte den Verkehr lahm.

Fahrgäste auf der Strecke von München nach Weilheim

„Die Bremse hat geklemmt“, erklärt Bahnsprecher Lindemair. Schon in Tutzing bildete sich Qualm unterm Zug, in Starnberg musste er dann gestoppt werden. Eine von vielen Störungen mit den neuen Zügen. An einem Tag blieben gleich drei Fahrzeuge liegen. „Das war unser schwärzester Tag“, sagt Lindemair. Er erinnert sich ungern an diesen 16. Dezember. Dennoch: Er glaubt an die neuen Züge. „Wir versuchen alles, um die Probleme zu beheben“, verspricht Lindemair.

Aber was sind das für Probleme? Im Bahn-Betriebswerk München-Pasing lässt sich Antonia von Bassewitz, Chefin von DB Regio Oberbayern und damit Herrin über die Werdenfelsbahn, auf den blau gepolsterten Sitz eines zur Routine-Inspektion abgestellten Werdenfels-Expresszugs fallen. Sie nestelt ein Blatt aus der Klarsichthülle, das sie dann aber gleich achtlos beiseite schiebt. Sie will frei reden. „Das Wichtigste sind die Fahrgäste.“ Das sagt die Bahn-Chefin gleich mehrmals. Und dass sie endlich, endlich einen stabilen Betrieb garantieren will.

Seit dem Betriebsstart am 15. Dezember ist Antonia von Bassewitz im Dauereinsatz. In der Weihnachtszeit hatte sie genau einen Tag frei. Schon morgens um sechs treiben sie die Störungsmeldungen, die ihr auf das Handy gespielt werden, aus dem Bett. Beim Neujahrsskispringen in Garmisch-Partenkirchen fuhr die Bahn Sonderschichten. Und die Bahn-Chefin bangte und hoffte. „An diesem Tag hat es super geklappt.“ Es gibt auch positive Nachrichten von der Werdenfelsbahn.

Unter dem Zug leuchten Industriemechaniker gerade den Zug-Unterbau aus – Radsätze, Bremsbeläge und solche Dinge. Alles niegelnagelneu, hier liegt nicht das Problem. Antonia von Bassewitz versucht erst gar nicht, die Lage schönzureden. Drei Hauptprobleme gibt es, bekennt sie offen.

Problem eins: Es gibt Störungen „bei der Abstellung“. Gemeint ist: Die Züge werden über Nacht meist in Mittenwald oder Garmisch geparkt. Die Rechner fahren runter. Wenn der Lokführer dann frühmorgens starten will, stürzt der Computer ab. „Das kostet uns bis zu 30 Minuten.“ Jetzt legt das DB-Personal nachts Zusatzschichten ein, um die Züge zu überprüfen.

Problem zwei: der Rauhreif. Eiskristalle an der Oberleitung führten dazu, dass sich der Frühzug mitten unter der Fahrt ausschaltete – ein Spannungsabfall im System. Offenbar ist der neue Zug ein Sensibelchen, denn bei den alten, lokbespannten Zügen ist das nie passiert. Fürs Erste fährt jetzt in der Früh eine sogenannte Putz-Lok die Strecke ab, ihr Stromabnehmer fegt den Reif von der Oberleitung.

Wegen Problem Nummer drei hat die Bahn gerade laut um Hilfe gerufen – am Donnerstag hat der Zughersteller Bombardier einen Trupp Techniker in Gang gesetzt, der von Hennigsdorf bei Berlin zum Notfalleinsatz nach München-Pasing anreist. Seine Aufgabe: Er soll herausfinden, warum die neuen Züge namens Talent 2 nicht problemlos aneinander kuppeln.

100 Mal am Tag werden Züge an- und entkuppelt. Dass das Probleme geben könnte, war im Probebetrieb nicht absehbar, versichert Antonia von Bassewitz. Die Störungen treten überwiegend dann auf, wenn drei Triebzüge verbunden werden.

Jetzt wird es kompliziert: Für die sogenannte Dreifach-Traktion gibt es eine eigene Software, die erst im November genehmigt wurde. Zu kurz offenbar für seriöse Testläufe. Außerdem waren in der neuen Software auch Daten eingespielt, die wichtig sind, damit der Talent 2 auf dem Netz der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) fahren darf. War das der Draufsetzer, der das System kollaps-anfällig machte?

Dem Bahnpendler werden solche Details egal sein. Einige Passagiere wünschen sich schon die alten, verlässlicheren Modelle zurück. 25 der neuen Züge sind derzeit im Einsatz. 37 sollen es insgesamt werden. Die übrigen konnte der Hersteller noch nicht liefern. Nun denkt die DB daran, vorübergehend einige Talent 2-Züge zurückzuziehen und zeitweise wieder mehr lokbespannte Gebrauchtfahrzeuge auf die Strecke zu schicken. Alt, aber solide.

Es ist aber auch eine Last mit dem neuen Talent 2. Sogar der Piepston, der warnt, wenn die Türen schließen, ist schon kritisiert worden. Zu laut, zu aufdringlich, heißt es. Hier wird Antonia von Bassewitz doch ärgerlich. „Der Warnton ist Standard und Vorschrift.“

Die Sitze seien hart und es ist eng in den neuen Zügen, schimpfen indes zwei junge Fahrgäste, Elena Hartmann, 22, und Lena Fischer, 20, aus Peißenberg, und rutschen auf ihren Sitzen herum. Die Beiden sind auf dem Heimweg von ihrer Berufsfachschule in München. Vor allem aber gibt es nicht genug Platz für Gepäck, ärgern sich die jungen Frauen weiter und zeigen auf die wenigen Gepäckablagen, die nur über bestimmten Sitzen angebracht sind – nicht aber über ihren.

Gedrängt sitzen die beiden mit ihren großen Schultaschen auf dem Schoß auf ihren Plätzen. Die jungen Frauen haben gerade die Sitzgruppe erwischt, in deren Mitte ein kleiner Tisch befestigt ist. Eine Karte mit dem Werdenfelser Streckennetz ist aufgedruckt. „Der Tisch ist ja praktisch. Aber wenn man ihn nicht braucht, kann man ihn nicht wegklappen“, schimpft Lena. Wenigstens haben sie einen Sitzplatz, sagen die zwei und schauen sich um. Jeder Platz ist besetzt, viele Passagiere müssen stehen.

3700 Sitzplätze hat die Werdenfelsbahn zu den Berufsverkehrs-Zeiten zwischen sechs und neun Uhr zwischen Weilheim und Tutzing jetzt vorzuweisen. Vorher waren es nur 3000. Zwischen Kochel und Tutzing fahren neuerdings anstatt 37 Zügen stolze 56, sagt Lindemair. „Nach unseren Erkenntnissen sind die Störungen schuld an den mangelnden Sitzplätzen. Die Leute stauen sich. “ Man habe ja im vorhinein Zählungen durchgeführt und auch mehr Passagiere eingeplant.

Wäre mit einem anderen Betreiber alles besser? Neben der DB Regio hatten sich mehrere Konzerne darum beworben, künftig die Werdenfelsbahn betreiben zu dürfen: Die ÖBB, Benex aus Hamburg und Veolia gingen am Ende leer aus. Die Hoffnung Norbert Moys vom Fahrgastverband Pro Bahn, dass zum Ende 2013 bei der Werdenfelsbahn vieles besser werden soll, hat sich bisher nicht erfüllt.

Hoffnungsvoll sind auch die Pendler. Sie werden sich die Verspätungen wohl erst einmal gefallen lassen. Sie müssen. „Wir sind auf den Zug angewiesen“, sagen die beiden Schülerinnen aus Peißenberg. Auch für Nils Kühn gibt es keine Alternative. Auf Dauer früher aufzustehen nur wegen den Verspätungen der Bahn? Das sieht er nicht ein.

Jenny Wenng, eine 21-jährige Studentin, hat eine andere Idee: Sie will bald wieder mit dem Auto fahren. Sie sitzt am Weilheimer Bahnsteig – und wartet. Heute hat der Zug nach München fünf Minuten Verspätung. „Das ist bei der Bahn ja quasi pünktlich“, sagt die Weilheimerin mit einem Augenzwinkern.

Mittlerweile findet sie die Verspätungen der Züge fast lächerlich. „Irgendwas ist immer“, sagt Wenng. Sie schimpft auch über mangelhafte Informationen am Bahnsteig. Aber es bringe nichts, sich aufzuregen, sagt die junge Frau. Angst hat sie vor den nächsten Wochen – Prüfungszeit an der Hochschule. „Dann muss ich wohl eine Stunde früher aufstehen, damit ich sicher pünktlich bin.“

Carolin Nuscheler und Dirk Walter

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