Ärztepfusch

Wie das Glück zweier ­Familien zerstört wurde

Chiemgau - Eine ganze Nacht lang hatte sich die hochschwangere Carmen S. in einer inzwischen geschlossenen Privatklinik im Chiemgau vor Schmerzen gekrümmt und vergeblich um einen Arzt gebettelt. Am Morgen war ihr Kind tot.

Es war eine Tragödie, die jeden schockierte: Eine ganze Nacht lang hatte sich die hochschwangere Carmen S. in einer inzwischen geschlossenen Privatklinik im Chiemgau vor Schmerzen gekrümmt und vergeblich um einen Arzt gebettelt. Am Morgen war ihr Kind tot. Jetzt kommt die Sache vor Gericht. Aber das ist nicht alles: Inzwischen läuft ein weiteres Ermittlungsverfahren gegen einen Arzt aus dem Chiemgau wegen eines ebenso unfassbaren Kunstfehlers: Eine Narkosespritze, die in den Bauch einer hochschwangeren Frau gesetzt wurde, soll in den Kopf des Kindes eingedrungen sein.

Die unglaublichen Fehler: Christina-Marie wäre heute vermutlich ein kerngesundes Mädchen und schon auf dem Sprung in den Kindergarten, wenn ihrer Mutter – Carmen S. (44) aus Söchtenau bei Rosenheim – in jener Nacht vom 13. auf 14. Februar 2009 nicht das Recht auf einen Arzt verweigert worden wäre. Von 21 Uhr abends bis 7 Uhr früh ließ man die hochschwangere Frau in ihrem Bett liegen. Obwohl sie sich vor Schmerzen krümmte. Obwohl sie Todesangst hatte. Obwohl sie um einen Arzt flehte …

Im Laufe dieses neunstündigen Martyriums muss die kleine Christina-Marie gestorben sein – zwei Tage vor ihrem Geburtstermin. Denn am 16. Februar sollte das Mädchen per geplantem Kaiserschnitt in der 39. Schwangerschaftswoche geholt werden.

Das Vorgehen der Klinik bezeichnete ein Gutachter im Verlauf des Ermittlungsverfahrens als „fehlerhaft“, „nicht fachgerecht“ und „Verstoß gegen die Regeln der ärztlichen Kunst“. Trotzdem stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen die Zahlung von 2400 Euro ein. Dass der Tod eines Kindes unter diesen Umständen für 2400 Euro zu den Akten gelegt wurde, empfindet Carmen S. als menschenverachtend, empörend und skandalös. Sie hat den Arzt verklagt. Der Zivilprozess beginnt am 19. Juli am Landgericht Traunstein. Fakt ist: Es wurde die ganze Nacht über keine einzige CTG-Kontrolle (Aufzeichnung der kindlichen Herztöne) durchgeführt. Statt den Arzt oder eine Hebamme herbeizurufen, wurden Carmen S. wehenhemmende Tabletten verabreicht – laut Gutachter ein grober Fehler.

In einem weiteren Fall von mutmaßlichem Ärztepfusch an einem ungeborenen Kind steht die strafrechtliche Bewertung noch aus– das Verfahren gegen einen weiteren Arzt aus der Region läuft aber. Dabei geht es um eine haarsträubende Geschichte, die sich im Dezember 2010 im Chiemgau zugetragen haben soll. Einer werdenden Mutter aus dem Raum Wasserburg wurde kurz vor der Geburt eine Lokalanästhesie gesetzt. Dabei traf die Narkosenadel wohl den Schädel des ungeborenen Kindes. Wenig später stellte der Arzt dessen Tod fest.

Als das Kind aus dem Mutterleib geholt wurde, soll man deshalb auf die während einer Lebendgeburt üblichen Überwachungsmaßnahmen verzichtet und den traurigen Akt nach Kriterien abgewickelt haben, die bei einer Totgeburt greifen. Der wohl zweite grobe Fehler. Als die Mutter das Baby zum Abschiednehmen in die Arme schloss, bemerkte sie, dass der Säugling lebte! Heute ist das Kind eineinhalb Jahre alt – und schwer beeinträchtigt.

Im laufenden Ermittlungsverfahren wird nun geprüft, ob die Schäden durch strafrechtlich relevanten Ärztepfusch vor und während der Geburt hervorgerufen wurden. Viel hängt dabei von einem Gutachten ab, das derzeit erstellt wird.

ls

Rubriklistenbild: © dpa

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