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Mit der AfD in Deggendorf – deren Spitzenkandidatin im Wahlkreis 17,3 Prozent holte – hat sich Schulleiter Heinz-Peter Meidinger schon zwei Mal gestritten.

Deggendorfs Schulleiter in Sorge

Die AfD – ein Fall für die Schule

  • Dirk Walter
    VonDirk Walter
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Niederbayern ist mit 16,7 Prozent Zweitstimmen plötzlich Hochburg der AfD. In keinem anderen Regierungsbezirk war die Partei so stark. Der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, sieht das mit Sorge.

Deggendorf - In Dörfern wie Mauth (28,1), Prackenbach (26,5), Gotteszell (26,4) oder Patersdorf (26,1) lag die Partei himmelweit über dem bayerischen Landesdurchschnitt. Bester Wahlkreis für die Rechtskonservativen war Deggendorf mit 19,2 Prozent. Der Schulleiter am örtlichen Robert-Koch-Gymnasium und Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, sieht das mit Sorge.

-Herr Meidinger, haben Sie für das gute Abschneiden der AfD in Niederbayern eine Erklärung?

Ehrlich gesagt hat mich das Ergebnis überrascht, deswegen kann ich auch keine spontane Erklärung liefern. Deggendorf ist ja eine normal-bürgerliche Region, die durch radikale Tendenzen bisher nicht besonders aufgefallen ist. Der Niederbayer an sich ist ja eher ein ruhiger Typ.

-Haben Sie persönliche Erfahrungen mit der AfD?

Wir hatten an der Schule zwei unangenehme Vorfälle. Die Kreisvorsitzende der AfD war daran beteiligt, als das Gerücht gestreut wurde, an unserem Gymnasium würden Schüler gezwungen, an Aktionen zugunsten von Flüchtlingskindern mitzuwirken. Es gäbe da Strafarbeiten, hieß es. Auch Dienstaufsichtsbeschwerden gegen meine Lehrkräfte wurden gestellt. Zweitens hat die AfD über Facebook verbreitet, sie sei als einzige Partei zu einer Veranstaltung an unserer Schule mit Bundestagspräsident Lammert nicht eingeladen worden. Dabei hatten wir keine einzige Partei eingeladen, sondern nur die örtlichen Abgeordneten. Aber das zeigt die Masche der AfD, dass sie die Mär in die Welt setzt, sie würde ausgegrenzt, benachteiligt, sogar diskriminiert.

-Spielt die Nähe zur tschechischen Grenze eine Rolle beim Erstarken der AfD, der Andrang der Flüchtlinge? In einem Wahllokal in Deggendorf nahe der Erstaufnahmeeinrichtung hat die AfD-Kandidatin 29,1 Prozent geholt – mehr als der CSU-Mann.

Ich finde es schwierig, einen direkten Zusammenhang zwischen der Grenznähe, Flüchtlings-Zahlen und den AfD-Erfolgen herzustellen. Im Umfeld der Erstaufnahme gab es keinen generellen Anstieg der Kriminalität, temporär gab es allenfalls Klagen wegen Ladendiebstählen, aber das hat sich beruhigt. Klar, die Nähe der tschechischen Grenze bringt gewisse Probleme mit Drogen mit sich. Aber es gibt keine großen sozialen Problemlagen. Ich persönlich denke, dass der AfD-Erfolg weniger durch eine plötzlich aufgetretene radikale Wandlung der Gesellschaft erklärbar ist.

-Sondern?

Da spielen Protesteffekte eine Rolle, die auch wieder abklingen können. Wahrscheinlich ist es schon von großer Bedeutung, dass einige CSU-Wähler den Schwenk ihrer Partei von Merkel-Kritik hin zur Merkel-Unterstützung nicht nachvollziehen wollten. Ein Protestkreuzchen ist eben dann doch schnell gemacht.

-Ist die AfD ein Fall für den Demokratieunterricht an der Schule?

Wir haben zu wenig Politikunterricht an den Schulen und es wird dort zu wenig über Demokratie geredet. Ich würde allerdings der AfD nicht den Gefallen tun, sie als regelrechten Themenblock direkt im Unterricht zu thematisieren. Ich bin mir aber sicher, dass über den erschreckenden Erfolg unter Schülern geredet wird. Das sollte der Lehrer moderieren – übrigens nicht nur im Sozialkundeunterricht.

-Dann wird ja doch viel über die AfD geredet.

Sicher, aber eher als Ausgangspunkt. Schule muss vermitteln, dass einfache Botschaften nicht tragen. Raus aus dem Euro, Grenzen dicht – solche Parolen zum Beispiel. Wir müssen Jugendliche sensibilisieren, damit sie nicht jedem Gerücht, jeden Fake News auf den Leim gehen. Schule sollte Schüler anleiten, den politischen Rattenfängern zu widerstehen. Ich sage: Vorsicht gegenüber allen Parteien, die Hass predigen.

Über die aktuellen Entwicklungen nach der Bundestagswahl berichten wir im News-Ticker.

Das Interview führte Dirk Walter

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