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Ehepaar aus Bayern in Kabul vor Taliban gerettet - sie saßen in der Hauptstadt fest

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Von: Johannes Welte

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Mit anderen Ausländern sitzen die Oberpfälzer Benjamin und Lisa Taubmann  in einem Airbus der Bundeswehr, der am Dienstag in Kabul startete.
Benjamin und Lisa Taubmann sitzen in Kabul im Evakuierungsflugzeug © Shelter Now Germany e.V.

Benjamin und Lisa Taubmann arbeiten für eine Hilfsorganisation in Afghanistan. Sie waren in der Hauptstadt Kabul, als die Taliban diese eroberten. Sie wurden von der Bundeswehr ausgeflogen.

Sulzbach-Rosenberg - Ihm ist ein riesiger Stein von Herzen gefallen, sagt Georg Taubmann (65) aus dem Oberpfälzer Städtchen Sulzbach-Rosenberg. Er und seine Frau Marianne (67) haben Dienstagnachmittag von ihrem Sohn Benjamin (34) und Schwiegertochter Lisa (30) das erlösende Foto per WhatsApp geschickt bekommen: Das junge Paar sitzt in einem Frachtraum eines Airbus A400M der Bundesluftwaffe – sie werden aus der afghanischen Hauptstadt ausgeflogen! Die Bundeswehr hat bis gestern Abend mehr als 400 Menschen aus Kabul ausgeflogen – der Rettungseinsatz nimmt endlich Fahrt auf.

Ehepaar aus Bayern arbeitet für Hilforganisation Shelter Now

Benjamin und Lisa Taubmann sind Mitarbeiter der 1983 von seinem Vater Georg Taubmann gegründeten Hilfsorganisation Shelter Now, die Entwicklungshilfe und humanitäre Unterstützung in Afghanistan und dem Nachbarland Pakistan leistet. Taubmann senior war 2001 bereits einmal Geisel der Taliban.

Die jungen Taubmanns hielten sich seit April in Kabul auf und organisierten dort die Hilfsprojekte von Shelter Now – der Wiederaufbau von zerstörten Dörfern, der Bau von Schulen und Wasserleitungen etc. in den Provinzen.

Die Machtübernahme in Afghanistan durch die Taliban kam für die Taubmanns nicht völlig überraschend: „Wir waren seit Wochen im Krisenmodus“, so Georg Taubmann zur tz. Dass Kabul so schnell fällt, hatte die Helfer dann aber doch überrascht. „Unser Sohn und seine Frau lebten in einem der Häuser, die wir in Kabul gemietet haben.“ Neben den Einheimischen waren sieben weitere Nicht-Afghanen aus Deutschland, den USA und Uruguay für Shelter Now vor Ort. Als Kabul in die Hände der Taliban fielt, herrschte große Unruhe: „Unsere einheimischen Mitarbeiter konnten bei ihren Familien untertauchen. Für Ausländer unmöglich.“

Taliban-Kämpfer durchkämmen mit vollautomatischen Gewehren bewaffnet die Straßen der afghanischen Hauptstadt Kabul
Bewaffnete Taliban streifen durch Kabul © Rahmat Gul/AP/dpa

Schließlich tauchte am Sonntag eine Gruppe von 30 Taliban in der Straße auf, wo Benjamin und Lisa Taubmann wohnen – mit Kalaschnikows im Anschlag, wie Georg Taubmann berichtet. Weiter: „Unser Team hatte einen Paschtunen als Torwächter, der die gleiche Sprache wie die Talibankämpfer sprach. Der erklärte den Bewaffneten, dass alles in Ordnung sei. Sie zogen weiter und plünderten die Häuser der anderen Ausländer im Viertel, die schon geflohen waren.“

Am Dienstag das Rollfeld auf dem militärischen Teil des Flughafens in Kabul, die Menschenmenge vom Montag ist verschwunden.
Das geräumte Rollfeld am Flughafen in Kabul. © Shelter Now Germany e.V.

Die jungen Taubmanns und ihre Freunde wurden schließlich am Dienstagmorgen von der Botschaft per Handy benachrichtigt, dass sie ausgeflogen werden. „Sie sind in alten, unauffälligen Autos durch die Stadt gefahren, die voller Taliban-Kontrollposten war“, so Georg Taubmann. „An einem geheimen Gate wurden erst nur die beiden deutschen und die US-amerikanischen Shelter-Now-Mitarbeiter von US-Soldaten durchgelassen“, berichtet Georg Taubmann. Er hörte die gesamte Zeit am Handy mit, was in Kabul geschah. „Es waren Schreie und Schüsse zu hören.“ Georg Taubmann vermutet, dass es die US-Soldaten, die in die Luft schossen, um die afghanische Menschenmenge vor Ort daran zu hindern, das Gate zu stürmen. Laut Taubmann senior wollten die US-Amerikaner die aus Uruguay stammenden Mitarbeiterinnen einlassen, sie standen schutzlos in der Menschenmenge vor dem Tor. Taubmann senior: „Erst, als sich unsere übrigen Leute weigerten, ohne die beiden in den Flieger zu steigen, durften alle mit.“

Am Flughafen wurde die Gruppe getrennt. Außer Benjamin und Lisa Taubmann wurden alle Shelter-Now-Helfer mit einer Bundeswehr-Maschine nach Taschkent in Usbekistan ausgeflogen und flogen gleich mit einem Airbus der Lufthansa weiter nach Frankfurt. Sie fuhren mit dem Zug weiter und wurden Mittwochabend von Taubmann senior in Regensburg abgeholt. Sie sind jetzt provisorisch im Büro der Hilfsorganisation in Sulzbach-Rosenberg untergebracht.

Ein deutscher Airbus A400M landet mit aus Kabul evakuierten Personen auf dem international Airport Taschkent. Nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan hat die Bundeswehr unter schwierigsten Bedingungen eine Luftbrücke zur Evakuierung von Deutschen und Afghanen eingerichtet.
Der Bundeswehr-Airbus landet in Taschkent/Usbekistan © Marc Tessensohn/Bundeswehr/dpa

Benjamin und Lisa Taubmann saßen erst drei Stunden später in einer US-Maschine, die sie nach Doha, der Hauptstadt des Golfstaates Katar, flog. Von da meldete sich Benjamin Taubmann Mittwochabend bei seinem Vater. Der sagt: „Mein Sohn ist heilfroh, dass sie aus Kabul ausgeflogen wurden. Doch in Doha herrscht blankes Chaos.“ 600 Evakuierte seien in einem Hangar untergebracht, mit je einer Toilette für Männer bzw. Frauen. Taubmann senior: „Und keiner weiß, wann es nach Hause geht.“ Aber: „Hauptsache raus aus Afghanistan.“

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