Josef Kiening sitzt vor der Karten mit den Gebieten, die er schon erforscht hat
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Schnüre auf der historischen Karte zeigen, welche Gebiete schon erforscht sind. Ahnenforscher Josef Kiening hat eine Internetseite mit der Geschichte von tausenden Familien aus dem Münchner Nordwesten erstellt.

Faszination Ahnenforschung

Josef Kiening spürt seit 30 Jahren Familiengeschichten auf - mit all ihren Kuriositäten

  • Claudia Schuri
    vonClaudia Schuri
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Josef Kiening ist ein Spurensucher: Seit über 30 Jahren betreibt er Ahnenforschung und hat eine Online-Datenbank mit vielen tausend Namen aufgebaut. Die Arbeit, sagt er, habe seine Sicht auf die Geschichte verändert – und sie geht weiter.

Josef Kienings lange Reise in die Vergangenheit begann mit einem Hochzeitsgeschenk: Als sein Onkel aus Hattenhofen (Landkreis Fürstenfeldbruck) im Jahr 1937 heiratete, bekam er vom Pfarrer eine Ahnentafel geschenkt. Lange Zeit blieb die Tafel in Vergessenheit, doch 1985 schickte Kienings Cousine ihm eine Kopie davon. Bis ins Jahr 1750 reichten die Ahnen zurück – und Josef Kienings Neugier war geweckt. „Nach den Vorfahren meiner Mutter wollte ich auch die Vorfahren meines Vaters wissen“, sagt er. Das Problem: Der Vater wuchs bei seiner Mutter in Freising auf und hatte seinen Vater nie kennengelernt. Also musste er tiefer in die Forschung einsteigen. Und auch bei der Familie der Mutter gab es viel zu untersuchen – denn diese hatte neun Geschwister.

Inzwischen hat Kiening, der in Lochhausen lebt, längst die Geschichte seiner Familie aufgedeckt – und nicht nur das: Der 79-Jährige hat eine große Internet-Datenbank aufgebaut. Sortiert nach Orten, Namen und Hofnamen sind dort inzwischen 176 720 verheiratete Personen und 131 073 Kinder aus den Landkreisen Dachau, Fürstenfeldbruck, Freising, München, Friedberg und der Pfarrei Hahnbach in der Oberpfalz erfasst. Die Geschichte von rund 12 000 Häusern wurde ausgewertet. Geburts- und Sterbedaten sind auf der Seite genauso zu finden wie Informationen zu Hochzeiten, Kindern und Hofgrößen.

Als Kiening in den 80er-Jahren mit der Familienforschung begann und sich mit Gleichgesinnten austauschte, war er als Programmierer der Einzige, der einen Computer besaß. Also erstellte er ein Programm und notiert seitdem auch die Ergebnisse von anderen Forschern. „Jeder, der mir seine Ahnentafel gab, bekam dafür meine Ergebnisse“, erklärt er. Ein besonderer Glücksfall waren für Kiening die Informationen des Arztes Hans Welsch, der schon um 1930 begonnen hatte, die Familiendaten in 14 Pfarreien im Kreis Dachau zusammenzufassen. Nach Welschs Tod betreute der Historiker Gerhard Hanke den Nachlass, forschte weiter und stellte Kiening Material zur Verfügung. „Ich bekam päckchenweise Fotokopien, ohne dass er dafür Geld verlangt hätte“, sagt er. „Er hat sogar viele Daten für mich in die Schreibmaschine getippt, da er seine Handschrift nicht für lesbar hielt.“ Im Laufe der Zeit ist die Sammlung auch dank der Daten weiterer Helfer immer gewachsen.

„Meine Sicht auf die Geschichte hat sich durch die Familienforschung radikal geändert.“

Josef Kiening

Die Stammbäume reichen häufig bis etwa 1650 zurück. Eine wichtige Quelle waren Steuerlisten. Doch: „In den Steuerbüchern stehen nur die Namen der Männer, denn sie waren die Steuerzahler“, erklärt Kiening. Notar-Urkunden sowie Pfarrbücher mit Verwandtschaftsangaben würden meist ab dem Jahr 1670 beginnen, erklärt er. „Vorher war das Chaos des 30-jährigen Krieges.“ Und nach dem Kriegsende habe der Wiederaufbau zunächst noch einige Zeit gedauert. „Auch ein Pfarrer brauchte ein Dach über dem Kopf und eine Gemeinde, von deren Spenden er leben kann.“

Kriege, Krankheiten, Seuchen – anhand der Namen lassen sich viele Familienschicksale erahnen. „Meine Sicht auf die Geschichte hat sich durch die Familienforschung radikal geändert“, sagt Kiening. Da gab es zum Beispiel Georg Pöltl, der zwischen 1647 und 1716 insgesamt 27 Kinder mit zwei Frauen hatte – nur sieben überlebten. Oder Matthias Mayr, der zwischen 1732 und 1760 achtmal geheiratet hat, weil so viele Frauen gestorben sind. Doch auch ein paar ungewöhnliche Rekorde sind auf der Internetseite zu finden: Von Georg Wastian, der ungefähr 1580 in Prittlbach im Kreis Dachau gelebt hat, sind zum Beispiel rund 9640 Namen verzeichnet. Umgekehrt gibt es ebenfalls im Dachauer Land einem Bauernbuben – sein Name wird aus Datenschutzgründen nicht verraten –, bei dem 6000 Vorfahren identifiziert sind.

Die Datenbank wird regelmäßig weiter ergänzt. „Kürzlich verurteilte mich ein Forscherkollege zu lebenslänglicher Familienforschung“, erzählt der 79-Jährige amüsiert. Denn: Wenn jemand nach jahrelanger Arbeit mit einer Kiste voller Ordnern mit Informationen komme, „dann kann ich doch nicht sagen, wirf es weg“, findet er. „Dann muss ich wohl oder übel den Berg abtippen und in meine Daten hineinknüpfen.“

Inzwischen ist sein System zwar schon alt, doch rund 10 000 Personen können noch aufgenommen werden. „Dann ist die absolute Kapazitätsgrenze erreicht“, sagt Kiening. „Das dürfte für mich reichen.“ Pro Jahr kann er rund 1000 Personen eingeben – und es gibt schon wieder neue Arbeit: Aktuell kümmert sich Josef Kiening vor allem um die Pfarrei Emmering (Kreis Fürstenfeldbruck) und die Schlosskuratie Schleißheim. Eine Freundin forscht außerdem gerade zu Jesenwang (Kreis Fürstenfeldbruck) – und auch diese Ergebnisse will Kiening in seiner Sammlung aufnehmen.

Die historischen Daten

von Josef Kiening sind im Internet kostenlos auf der Seite www.genealogie-kiening.de zu finden.

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