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Ein Stammbaum nach sieben Jahrzehnten: Maria Schinabeck hat dank DNA-Test die Namen ihrer Urgroßeltern erfahren. Doch die hatten viele Kinder. Die 75-Jährige weiß nicht, zu welcher Linie sie gehört.

Ahnenforschung mit Ancestry

DNA-Test führt Maria Schinabeck zu ihrer Familie

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Maria Schinabeck hat ein langes Leben hinter sich. Doch den Anfang davon kennt sie nicht. Sie wurde als Säugling aus einem vom Krieg zerstörten Krankenhaus gerettet. Ihr Leben lang hat sie versucht, ihre Geschichte und ihre Familie zu finden. Erst heute, nach mehr als sieben Jahrzehnten, hat sie zum ersten Mal eine Spur.

Regensburg – Maria Schinabeck ist 14 Jahre alt, als ihre Vergangenheit sie wie eine Lawine überrollt. Sie sieht sich heute noch mit ungläubigem Blick vor ihren Eltern sitzen. Es ist der Tag, an dem Maria Schinabeck erfährt, dass niemand weiß, welchen Namen sie bei ihrer Geburt bekommen hat. Oder wann sie auf die Welt kam. Ihre Eltern versuchen ihr behutsam beizubringen, dass sie adoptiert ist. „Es hat sich angefühlt, als wäre ich erschlagen worden“, sagt sie heute. „Ich war wochenlang wie im Schockzustand.“

Erst nach und nach verstand sie, was sie die Jahre davor nur gewundert hatte. Ihre Tanten hatten sie oft abweisend behandelt, ihre Mitschüler hatten sie manchmal damit aufgezogen, nicht das Kind ihrer Eltern zu sein. Doch wenn sie fragte, bekam sie stets die Antwort: „Du bist unser Kind, wir lieben dich.“ Das Gefühl, von allen belogen worden zu sein, war im ersten Moment das Schlimmste, sagt sie. Erst später merkte sie, dass das Schlimmste ist, keine Wurzeln zu haben.

Maria Schinabeck weiß kaum etwas über den Anfang ihres Lebens. Am 15. Februar 1945 wurde das Krankenhaus in Cottbus bombardiert. Die Verwundeten wurden mit einem Sanitätszug nach Regensburg transportiert. Sie war ein Baby – und in dem Zug. Am Hals und auf einer Handfläche hat sie heute noch Hautverfärbungen, die von Phosphorverbrennungen stammen. Wenn es einen lauten Knall gibt oder ein Düsenjet über ihr Haus rauscht, zuckt sie noch immer zusammen. Das ist alles, was von ihrem ersten Lebensabschnitt geblieben ist. Sie weiß nicht, wer ihre Eltern waren. „Es gab eine Zeit, in der ich mir viele Gedanken gemacht habe, ob sie Kriegsverbrecher oder Nazis gewesen sein könnten.“ Genauso gut könnten ihre Eltern auf der Flucht gewesen sein. Sie weiß nicht, welchen Vornamen sie nach der Geburt bekommen hatte. Die Frauen im Kinderheim in Regensburg tauften sie Maria. Vom Staat bekam sie ein Geburtsdatum zugewiesen: 1. Juli 1943. „Das war geschätzt. Ich könnte auch ein Jahr älter sein.“

Im August 1945 wurde sie adoptiert und wuchs in Regensburg auf. Erst als sie Jahre später erfuhr, dass ihre Eltern nicht ihre leiblichen Eltern sind, wurde die Vergangenheit für sie wichtiger und wichtiger. Maria Schinabeck wandte sich als junge Frau an den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes. Sie erhielt die Nummer „UK – 2031 – weiblich“. Ihr Steckbrief ist in einem dicken Buch abgedruckt. Seite um Seite gefüllt mit Menschen, die nach dem Krieg ihre Familie suchten. Doch bei Maria Schinabeck fehlte jeder Anhaltspunkt.

Sie versuchte, ihr Leben zu leben, ohne ihre Wurzeln zu kennen. Doch weil ihr der Anfang fehlte, musste sie viele Umwege in Kauf nehmen. „Zum Beispiel, als ich heiraten wollte“, erzählt sie. Sie besitzt keine Geburtsurkunde. Ihr Adoptivvater musste persönlich im Landratsamt vorsprechen, erst dann bekam sie einen Termin im Standesamt. Maria Schinabeck ist Ehefrau, Mutter und Großmutter geworden – doch ihre leiblichen Eltern hat sie nie ausfindig gemacht.

Mit ihrer Tochter Marion ist sie einmal ins Krankenhaus nach Cottbus gefahren. „Es gab keine Unterlagen mehr von damals“, erzählt sie. Sie hat die Hoffnung immer wieder verloren – und dann doch wieder mit der Suche nach ihren Ahnen begonnen. „Die Frage, von wem ich abstamme, ist mir nie aus dem Kopf gegangen“, sagt sie.

UK – 2031 – weiblich: Unter dieser Nummer läuft Maria Schinabeck beim Suchdienst des Roten Kreuzes.

Per Zufall hat sie vor einigen Monaten von dem DNA-Test erfahren, den Ancestry, eine Online-Plattform für Ahnenforschung, seit November auch in Deutschland anbietet. Er kostet 89 Euro. Maria Schinabeck hat ihn gekauft, ein Wattestäbchen mit ihrer Speichelprobe eingeschickt – und einige Wochen später einen dicken Umschlag erhalten. Er war gefüllt mit Anhaltspunkten zu genetischen Verwandten. Das erste Mal in ihrem Leben hatte sie eine Spur.

Weltweit haben zehn Millionen Menschen den DNA-Test von Ancestry gemacht, erklärt Sprecherin Alexandra Rudhart. Die Datenbank ist riesig. Im Labor werden die Chromosomen untersucht. „Je höher die Übereinstimmungen, desto höher der Verwandtschaftsgrad“, erklärt Rudhart. Im Fall von Maria Schinabeck hat der Test viele Cousins und Cousinen zweiten Grades herausgefiltert. Alle leben in den USA. Sie kann nun jeden Einzelnen anschreiben. Das ist aufwendig und emotional. Sie benutzt ein Übersetzungsprogramm, um ihre Mails auf Englisch versenden zu können. Oft ist sie einen ganzen Tag damit beschäftigt, zu forschen. „Ich war meinem Ziel noch nie so nah“, sagt sie.

Inzwischen hat sie die Namen ihrer Urgroßeltern herausgefunden. Doch sie hatten neun Kinder, die wiederum auch alle viele Kinder hatten. Deshalb explodiert der Stammbaum in die Breite – und Maria Schinabeck weiß nicht, zu welcher Linie sie gehört. Noch nicht. Denn sie will nicht aufgeben. Aktuell schreibt sie die Linien „Banko“ und „Schlenker“ an. Nicht nur die Treffer aus der Ancestry-Datenbank. Sondern auch lange Listen von Menschen mit diesem Namen, die sie über Google oder Facebook in Deutschland gefunden hat. Wenn einer davon mit ihr verwandt ist, seinen Stammbaum kennt und den DNA-Test machen würde, wäre Maria Schinabeck ihren Wurzeln so nah wie noch nie. Auch wenn sie ihre Eltern nicht mehr kennenlernen kann und keine Antwort auf die Frage bekommt, ob sie nie nach ihr gesucht haben – sie könnte ihren Frieden finden, wenn sie nach 76 Jahren erfahren würde, wie ihr Leben begonnen hat.

Weitere Informationen zu dem Ancestry DNA-Test unter: www.ancestry.de/dna

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