„Es kostet halt Geld“ – Daniel Scheerer fordert, alle alten Stellwerke nachzurüsten.
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„Es kostet halt Geld“ – Daniel Scheerer fordert, alle alten Stellwerke nachzurüsten.

„Ich werde nicht mehr ruhen“

Mutter kommt bei Zugunfall ums Leben - Sohn mit drastischer Forderung

  • Dirk Walter
    vonDirk Walter
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Daniel Scheerer hat bei einem Zugunglück seine Mutter verloren. Über die Änderung einer Richtlinie will er die Deutsche Bahn zur Nachrüstung alter Stellwerke zwingen. Das erinnert an den Kampf David gegen Goliath.  

  • Bei einem Zugunfall in Aichach kamen zwei Menschen ums Leben, darunter eine 73-jährige Reisende.
  • Der Sohn der Toten fordert eine Änderung der Sicherheitsvorschriften.
  • Er will auch den Bahnkonzern zu zerschlagen.

München/Aichach – Am 7. Mai 2018 gegen 21.20 Uhr näherte sich ein Zug der Bayerischen Regiobahn (BRB) dem Bahnhof Aichach. Doch weil ein Fahrdienstleiter die Weiche falsch stellte, fuhr der Zug auf Gleis 2 ein – wo schon ein Güterzug stand. Es kam zur Kollision. Der 37 Jahre alte Triebfahrzeugführer der BRB war vermutlich sofort tot. Ebenso starb eine 73-jährige Reisende – die Mutter von Daniel Scheerer. 

Die Umstände waren äußerst tragisch: Inge Scheerer war mit ihrem Ehemann am Vortag in Augsburg bei einer Familienfeier, der Erstkommunion des Enkels, gewesen. Anders als ihr Mann reiste sie nicht sofort zurück, sondern blieb noch einen Tag bei einer Freundin. Ihr Mann wollte sie am Bahnhof abholen – und sah dann entsetzt, wie die beiden Züge zusammenstießen.

Sohn der Toten setzt sich für Änderung von Sicherheitsvorschriften ein: „Ich werde nicht mehr ruhen“

Der Tod der Mutter ließ Daniel Scheerer nicht ruhen. Dabei ging es ihm weniger um die Bestrafung des 24 Jahre alten Fahrdienstleiters – er erhielt eine zehnmonatige Freiheitsstrafe zur Bewährung – als vielmehr um eine grundlegende Änderung von Sicherheitsvorschriften. „Ich werde nicht mehr ruhen, bis sich die DB AG um einen sicheren Betrieb kümmert“, sagt der Münchner.

Der Informatiker hat sich die Eisenbahn-Bau- und -Betriebsordnung angesehen. Das ist eine Art Grundgesetz für die Bahn, die aus dem Jahr 1967 stammt. Scheerer fordert, die sogenannte EBO so neuzufassen, dass die Bahn zur Modernisierung von über 1000 mechanischen Stellwerken gezwungen werde. Im Moment erlaube die alte EBO nach wie vor den Betrieb der alten Anlagen. „Ergebnis sind sich häufende folgenschwere Unfälle auf eingleisigen Strecken“, schrieb Scheerer in einer Petition, die er beim Deutschen Bundestag eingereicht hat. Obwohl die Eingabe nur 650 Unterstützer fand, ist sie nun in der parlamentarischen Beratung eingespeist und wird demnächst beraten.

Zugunglück in Aichach: Bahn blieb nach Unglück nicht untätig

Untätig geblieben ist die Bahn nach dem Unglück von Aichach und einem Beinahe-Unfall bei Utting am Ammersee jedoch nicht. Im vergangenen Jahr begann ein bundesweites Programm zur technischen Nachrüstung von älteren Stellwerken. Bislang prüfte der Fahrdienstleiter mit einem Blick auf die Strecke, ob ein Gleis frei ist. Diese visuelle „Räumungsprüfung“ soll durch Technik ergänzt werden – eine Gleisfreimeldeanlage warnt, wenn eine Fahrstraße in ein bereits besetztes Gleis gestellt wird.

Das Stellwerk Utting wurde bereits umgestellt, die Umrüstung des Stellwerks Aichach begonnen, teilt die Bahn mit. 90 Millionen Euro umfasst das Umrüstungsprogramm, das reicht für 600 Stellwerke, die bis 2023 modernisiert werden sollen. Scheerer ist das zu wenig. Was ist mit den anderen Stellwerken, fragt er sich. Außerdem könne in die Züge auch eine Kollisionswarnung eingebaut werden. „Das kostet halt Geld.“

Gemeinnützige Verwaltung: Sohn will Bahnkonzern als Aktiengesellschaft zerschlagen

Er hat aber noch weitergehende Ansätze zur Reform der Bahn. In seiner Petition schlägt er vor, den Bahnkonzern zu zerschlagen. Als Aktiengesellschaft investiere die Bahn „eher in gewinnsteigernde Projekte (...) als in Sicherheitsmaßnahmen“. Die Infrastruktur – also Gleise, Signale, Stellwerke – müssten gemeinnützig verwaltet und das Eisenbahnbundesamt als Kontrollbehörde unabhängig vom Bundesverkehrsministeriums neu aufgestellt werden.

Große Hoffnungen, dass er mit seinen weitreichenden Vorschlägen Gehör findet, hat Scheerer wohl selber nicht. Er habe keine Partei im Rücken, nicht einmal einen Verband. „Ich bin ja wirklich ganz allein“, sagt er. 

In Bielefeld ereignete sich nun auch ein tragisches Zug-Unglück: Eine Regionalbahn erfasste ein eineinhalb-jähriges Mädchen.

Dirk Walter

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