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Beklagt den „Verlust an bestimmten Umgangsformen“: die Akademie-Direktorin Ursula Münch.

Ursula Münch im Interview

„Bis jetzt halten wir die AfD raus“

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Die Akademie für politische Bildung in Tutzing, gegründet 1957 von der Viererkoalition unter dem Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner (SPD), wird 60. Sie ist ein bayerischer „Think-Tank“, der seit 2011 von Ursula Münch geleitet wird. Die Politologin zieht vor dem Festakt im Bayerischen Landtag Bilanz.

Die Akademie ist jetzt 60 Jahre alt. Ist Ihr Ansatz noch der richtige – im gediegenen Rahmen am Starnberger See Vorträge zu hören und über Politik zu diskutieren?

Ursula Münch: Das ist sogar wichtiger denn je. Im Zeitalter der Online-Informationen, wo jeder über jeden anonym herfallen kann, fehlt gerade der Diskurs von Angesicht zu Angesicht. Es geht uns aber nicht ums Belehren. Es geht ums Gespräch. Unser Hauptauftrag ist es, die sogenannten Multiplikatoren zu erreichen – Lehrer, Journalisten, Leute mit Personalverantwortung in Betrieben. Wir bemühen uns auch, Leute zu erreichen, die man im klassischen Politikbetrieb nicht im Blick hat – zum Beispiel haben wir eine Kooperation mit der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau, die sich aus meiner Tätigkeit an der Bundeswehr-Universität entwickelt hat.

Wie halten Sie’s mit der AfD?

Münch: Wir laden keine AfD-Vertreter ein. Bis jetzt halten wir die AfD raus, weil sie weder im Bundestag noch im Bayerischen Landtag vertreten ist.

Das könnte sich bald ändern.

Münch: Warten wir’s ab. Wenn es sich ändert, dann würden wir auch AfD-Vertreter einladen, im begrenzten Umfang. Aber dass wir in der Akademie über die AfD sprechen, ist selbstverständlich. Wir wollen ja verstehen, was ihre Anhänger bewegt.

Sie sprechen über die AfD, aber nicht mit ihr?

Münch: Ausgrenzen wollen wir sie nicht – es sei denn, AfD-Vertreter äußern sich hier offen antidemokratisch. Dafür würde ich ihnen hier kein Forum geben. Ich habe ja auch nicht ständig die Linkspartei hier, sie werden nur in Ausnahmefällen eingeladen – als es um die Opposition im Bundestag ging, war das so.

Wie schätzen Sie die AfD ein?

Münch: Die AfD ist im Grunde uneins, ob sie vor allem die Ränder des politischen Spektrums besetzen soll oder regierungsfähig sein will – darum kämpft die Partei gerade intern. Wenn sich diejenigen durchsetzen, die den Rand vertreten, ...

Sie meinen den Kreis um Björn Höcke ...

Münch: Ja. Wenn dieser Flügel alleinbestimmend wäre, dann würde ich die AfD als rechtsextrem bezeichnen.

Bekommen Sie auch Hassmails?

Münch: Manchmal – wenn ich mich im Fernsehen oder Rundfunk zu bestimmten Themen äußere. Meistens beantworte ich so etwas nicht, sondern klicke es weg. Ich wundere mich manchmal über den Verlust an bestimmten Umgangsformen und über die Neigung zum Egomanentum – dass man selber meint, alles zu durchblicken und die anderen als Idioten abqualifiziert. Ich bin aber noch optimistisch gestimmt – vielleicht ist das nur ein augenblicklicher Extremausschlag, vielleicht pendelt es sich wieder ein.

Erhalten die Schüler in Bayern genug politische Bildung?

Münch: Es ist ausbaufähig. Sozialkunde muss im Gymnasium einen gewissen Stellenwert haben – eine Stunde pro Woche reicht nicht aus. Sozialkunde heißt übrigens nicht, dass wir die Schüler mit Fragen langweilen, wie groß der Deutsche Bundestag ist und ähnliches mehr. Das vermittelt kein politisches Urteilsvermögen. Es geht darum, verständlich zu machen, dass verschiedene Gruppen von Personen höchst unterschiedliche Interessen haben können und dass Politik erforderlich ist, um die notwendigen Kompromisse zu erreichen. Das ist manchmal mühsam, man kann also nicht einfach durchregieren. Über Politik kann man übrigens auch im Englischunterricht reden. Warum sollte man sich dort nicht mit dem politischen System der USA beschäftigen? Schüler sollten auch an Politiksimulationen teilnehmen.

Was ist das?

Münch: Schüler oder Studenten übernehmen verschiedene Rollen, als Europaabgeordnete oder als Minister europäischer Länder und diskutieren über aktuelle Themen, zum Beispiel über die Europäische Datenschutzgrundverordnung. Man lernt etwas über Europa und über Politikgestaltung. So etwas bietet sich in den Schulen auch in den Tagen vor den Sommerferien an, wo so vieles stattfindet, nur oft leider nichts Gescheites mehr – ich spreche hier als Mutter. Wenn ich mir überlege, wie viele Filme da in den Klassen angeschaut werden, um die Zeit totzuschlagen – das könnte man sinnvoller nutzen.

Würden Sie sagen, dass das politische Interesse der Jugendlichen nachgelassen hat?

Münch: Nein, es steigt an. Es äußert sich allerdings anders. Für mich war es ein großes Ereignis, dass ich an den ersten Wahlen zum Europäischen Parlament teilnehmen durfte.

Im Ernst?

Münch: Ja. Das fand ich toll. 1979 war das, ich war erstmals wahlberechtigt.

Ob heute noch viele 18-Jährige zur Europawahl gehen?

Münch: Es sind weniger. Aber der Brexit und die Wahl von Trump haben aufgerüttelt. Auch Jugendliche fragen sich jetzt, was ist denn da passiert? Es entsteht gerade neues Interesse an Politik. Natürlich sollte man sich über Trump nicht einfach nur lustig machen – das wäre zu billig.

Wie können Eltern ihre Kinder politisch auf die Spur bringen. Täglich Tagesschau anschalten?

Münch: Ach, eher nicht. Ich fände es wesentlich sinnvoller, wenn wir die Kinder dazu bringen könnten, täglich Zeitung zu lesen. Ich habe als 13-Jährige begeistert Zeitung gelesen. Das ist heute aber schwieriger.

Warum?

Münch: Das Internet ist natürlich eine große Konkurrenz – ich füge hinzu, es führt zu vermeintlicher Informiertheit. Jugendliche saugen Netz-Nachrichten auf und halten sich für informiert, merken aber nicht, dass ihnen die Hintergründe völlig fehlen. Eine Alternative ist das Gespräch: Ich rede zuhause mit meinen schulpflichtigen Kindern regelmäßig über Politik, über Brexit, die AfD, über einzelne Beispiele, die mit der Abwägung von Sicherheit und Freiheit zu tun haben, über Flüchtlinge – warum nehmen andere europäische Staaten keine Flüchtlinge auf, denen geht es doch auch gut – und schon ist man mittendrin in einer Diskussion.

Das Gespräch führte Dirk Walter

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