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Das Seniorenheim Inzell eröffnete 2007 und hatte 136 Pflegeplätze. Als die Behörden den Betrieb untersagten, brauchten 74 Bewohner einen neuen Platz. Einige wurden am letzten Tag in Krankenwagen abtransportiert.

Prozess um Mängel-Heim

Aktenschlacht um das Leid der Bewohner

München/Inzell – Das Landratsamt Traunstein machte vor gut einem Jahr ein Heim in Inzell dicht, jetzt wehrt sich der Heimbetreiber. Ein Papierkrieg vor Gericht, in dem es oft um Details und selten um das Leid der Senioren geht.

Die Bewohner haben sie numeriert, der Einfachheit halber. B 4, die Seniorin, deren Zahnputzbecher verschimmelt auf dem Nachttisch stand. B 11, der schmale Senior mit der Wunde am Gesäß, der den ganzen Tag in seinen Exkrementen rumliegen musste. B 8, die Diabetes-Patientin, die nur mit Glück eine Unterzuckerung überlebt haben soll.

Ein Papierkrieg, eine Aktenschlacht findet statt an diesem Donnerstag im Sitzungssaal 7, Verwaltungsgericht München – es geht darum, ob die Behörden das Pflegeheim der H&R Senioren Heimbetriebsgesellschaft in Inzell (Kreis Traunstein) zurecht geschlossen haben. Die Klägerin sieht sich als „Opfer eines Feldzugs gegen Anbieter preiswerter Heime“. H&R ist für günstige Tarife bekannt und betreibt bundesweit 18 Einrichtungen, darunter Häuser in Schliersee und Augsburg. Auch dort hatten Ämter Pflegemängel angemahnt, auffallend häufig wechseln Mitarbeiter und Führungskräfte.

Der Fall Inzell sorgte 2011 für Schlagzeilen. Über Monate hinweg hatten Heimaufsicht und Medizinischer Dienst der Krankenversicherung die Einrichtung aufgesucht – und immer wieder gravierende Mängel festgestellt. Auch Mitarbeiter, Ärzte, Bewohner und Angehörige beschwerten sich. Die Heimaufsicht ordnete einen Aufnahmestopp an, doch es änderte sich nichts. Also untersagte das Landratsamt den Betrieb. Weil H&R die Frist bis 1. Oktober 2011 ausreizte, dann seine Mitarbeiter abzog, musste das Landratsamt in größter Eile verbleibende Senioren anderswo unterbringen.

Dass bayerische Behörden einem Heim den Betrieb untersagen, ist extrem selten. Umso energischer scheint H&R beweisen zu wollen, dass das Landratsamt falsch liegt. Und so sitzen am Donnerstag nicht nur zwei Anwälte, zwei Geschäftsleitungen und der Qualitätsmanager im Sitzungssaal, sondern sogar Aufsichtsratsvorsitzender Wolfgang Hamma. Auf der Gegenseite ein Dutzend Vertreter von Heimaufsicht, Gesundheitsamt und Regierung von Oberbayern.

In einem Regal stehen drei Reihen Leitzordner, der Rest liegt in einem großen Wäschekorb. „Die Menge der Akten spricht für sich“, sagt der Vorsitzende Richter Albrecht von Fumetti. Jede Anordnung, jeder förmliche Bescheid der Behörde sei mit einer Klage gekontert worden. Erst am Dienstag gingen elf weitere ein: „Wir kommen kaum noch nach.“ Und so müssen sich die Richter an diesem ersten Verhandlungstag auf die gravierenden Vorwürfe beschränken. Eine Auswahl: Senioren sollen kaum zu trinken bekommen haben. Der Blutverdünner Marcumar bei Schlaganfallpatienten sei entgegen ärztlicher Anweisung einfach nicht verabreicht worden. Bettlägrige mit einem großen Risiko, sich wund zu liegen (Dekubitus), seien nicht richtig gelagert worden. Eine Pflegerin habe beim Wechseln eines Urin-Katheters den Schlauch über den Boden schleifen lassen – und ihn danach ohne Desinfektion wieder angeschlossen. Betäubungsmittel, die ohne Nachweis eines Rezepts verabreicht worden seien. Bettgitter, die hochgezogen waren, obwohl kein richterlicher Beschluss vorlag. Der verschimmelte Becher. Die alte Frau mit der Unterzuckerung. Der Mann in der dreckigen Windel. Die Liste schwerer Vorwürfe ist lang.

Richter von Fumetti steht vor einem Problem: „Was wirklich war, können wir nicht nachvollziehen. Wir müssen uns auf die Dokumentation stützen.“ Doch die Pflegekräfte in dem Heim haben ihre Arbeit offenbar nur lückenhaft schriftlich festgehalten. Wie Vertreter der Behörden einstimmig aussagen, wurden Dokumente oft nachgereicht – was bei der Kontrolle noch fehlte, stand Wochen später plötzlich in den Akten. Die H&R-Anwälte und die hektisch in ihren Unterlagenbergen wühlende Geschäftsleiterin zerpflücken die meisten Vorwürfe, entschuldigen Auffälligkeiten mit einem komplizierten Dokumentationssystem oder Schusseligkeit der Pfleger: „Das weckt große Zweifel an der Glaubwürdigkeit“, kommentiert von Fumetti. Mehr als einmal verdreht er die Augen, schüttelt den Kopf.

Erst nach 18 Uhr ist der Prozesstag vorbei. Am Morgen hatte einer der H&R-Anwälte gesagt: „Wir sind nicht hier, um den Eindruck zu erwecken, die Einrichtung war ein Spitzenheim.“ Heute soll eine Entscheidung fallen.

Carina Lechner

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