Söders Mär über Photovoltaikland Bayern: Netzbetreiber alarmiert

Die Zukunft der Stromerzeugung heißt erneuerbare Energien. In Bayern bremsen den Ausbau allerdings bürokratische Hürden und das veraltete Netz.
München – Dass Deutschland dringend einen neuen Strom-Mix braucht, ist nicht erst seit dem Ukraine-Krieg samt Wegfall des russischen Gases klar. Vor allem in puncto Klimaschutz braucht es den Ausbau an erneuerbaren Energien. Das gestaltet sich in Bayern besonders im Bereich Windkraft in den vergangenen Jahren äußerst schwierig. Dennoch wird Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nicht müde, den Freistaat als absoluten Zubau-Meister darzustellen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit.
Bayerisches Netz ächzt unter dem massiven Zubau von Photovoltaikanlagen
Sicher, Bayern steht beim Ausbau von Photovoltaikanlagen gut da. Doch der Sonnenstrom-Freistaat hat ein Problem. Das Netz ist anscheinend nicht für so viele Anlagen ausgelegt. Netzbetreiber sprechen beispielsweise beim BR von „bayernweiten Netzengpässen“. Grund ist der schleichende Ausbau. Der schwäbische Netzbetreiber LEW Verteilnetz sagt, es bräuchte das Dreifache an Photovoltaik, was bisher am Netz ist, um die gesteckten Klimaziele zu erreichen. Dafür würden aber nur noch sieben Jahre Zeit bleiben. 2030 ist dabei das Stichjahr.
Sieben Jahre würden aber bereits die Genehmigungsverfahren für den Netzausbau in Bayern benötigen, sagt die Netze ODR im Nördlinger Ries (Landkreis Donau-Ries) dem BR. Die Leitungen zu verstärken, wäre eine kurzfristigere Lösung, so der technische Vorstand Sebastian Maier. Aber auch hier gibt es Probleme. Grundsätzlich wären die Masten bereits vorhanden. Und neue Kabel könnten dort auch schnell gezogen werden. Aber bürokratische Hürden und Bürgerproteste würden solch einen Ausbau immer wieder verzögern. Beispiel: Beim Schwesterunternehmen Netze BW hatte man zweieinhalb Jahre auf einen Gerichtstermin am Oberlandesgericht in Mannheim warten müssen, bis ein Einspruch einer Bürgerinitiative behandelt wurde. „Der Termin hat dann eine Stunde gedauert“, sagt Sebastian Maier. Der Einspruch sei abgewiesen worden.
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Alte Technik und langwierige Genehmigungsverfahren bremsen den Ausbau aus
Und so kann es einem ergehen wie Axel Günthner aus Oettingen im Landkreis Donau-Ries, der gerne eine 300-kW-Photovoltaikanlagen auf dem Hallendach seines Eisen- und Sanitärgroßhandels gebaut hätte. Die Netze ODR musste ihm allerdings absagen. Grund: Das Stromnetz in der Region sei bereits ausgelastet. „Ich glaub, mir haut’s den Vogel raus“, war seine erste Reaktion auf die Absage, verriet er dem BR.
Zu solchen Engpässen kommt es aber nicht nur in Schwaben. So heißt es von der N-energie Netz GmbH in Nürnberg: Die Kapazitäten im Stromnetz des Unternehmens seien bei viel Sonnenschein „weitgehend ausgereizt“. Und selbst wenn man endlich bauen oder erneuern könnte, wie im Fall von Netze ODR, muss man häufig veraltete Technik einsetzen. „Wir würden heute nicht mehr im Einleiter-System bauen, sondern im Doppelleitersystem, also zwei Seile nebeneinander und könnten so die doppelte Leistung übertragen“, sagt Maier. Dafür müsste man aber mit dem Genehmigungsverfahren wieder von vorne beginnen. Maier fürchtet, dass das wieder sieben Jahre dauern könnte. „Das heißt, ich baue jetzt mit der veralteten Technik aus.“
Die Regierung scheint das Problem erkannt zu haben und stockt ihre Stellen für die Genehmigungen aus. 100 neue Mitarbeiter sollen die Verfahren beschleunigen. Ob das reicht, wird sich zeigen. Maier sagt dazu zum BR: „Wir müssen weg von einer ‚Geschwindigkeit Bürokratie‘ und hin zu einer ‚Macher-Geschwindigkeit‘.“ Die Dauer der Genehmigungsverfahren müsse sich halbieren.
Bayern ist beim Ausbau der Windenergie Deutschlands Sorgenkind
Ein weiteres Problem, das in der Grafik von Söder sofort ins Auge sticht, ist der Ausbau an Windenergie. Ganze 14 neue Windräder wurden im vergangenen Jahr im Freistaat errichtet. Bundesweit waren es 551. Bayern und Baden-Württemberg hätten bezogen auf ihre Landesfläche besonders wenig neue Leistung installiert, sagte der Präsident des Bundesverbands Windenergie, Hermann Albers. Und von der Opposition im Landtag muss sich Söder ebenfalls Kritik anhören. Bayern entwickle sich immer mehr zu Deutschlands Sorgenkind Nummer eins bei der Windenergie, kritisierte der Energieexperte der Grünen-Landtagsfraktion, Martin Stümpfig. Bezogen auf seine große Fläche müsste das Land eigentlich ein Vielfaches leisten, betonte er.
Grund für den zögerlichen Ausbau sind unter anderem die immer noch geltende 10H-Abstandsregel in Bayern. Die wurde zwar vergangenes Jahr gelockert, dennoch seien für dieses Jahr nur 25 Anlagen in der Pipeline – also beantragt und noch nicht genehmigt. Bis die über 500 bis 1000 Windräder, die Söder in verschiedenen Reden angekündigt hatte, errichtet werden, dürfte es also noch dauern. Tatsächlich liegt Bayern beim Gesamtbestand an Windkraftanlagen bezogen auf die Fläche auf dem letzten Platz aller deutschen Flächenländer, mit einer kumulierten Leistung von lediglich 37 Kilowatt pro Quadratkilometer – der Bundesschnitt liegt bei 162. (tel mit dpa)
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