Albtraum für Hochzeitspaar

Während Trauung: Pfarrer stirbt in der Kirche

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Seeon - Es ist mit das Schlimmste, das einem am Hochzeitstag passieren kann: Bei der Trauung eines deutsch-italienischen Paares im Kloster Seeon ist der Pfarrer (47) gestorben.

Andrea Wittmann spielt seit ihrem zwölften Lebensjahr auf mehreren Gottesdiensten pro Woche: Trauerfeiern, Taufen, Hochzeiten. Die bekannte Kirchenmusikerin hat die Feierlichkeiten nicht gezählt – doch an diese eine wird sie sich ein Leben lang erinnern. Am Samstag saß die 39-Jährige für ein deutsch-italienisches Brautpaar an der Orgel in der Klosterkirche St. Lambert von Kloster Seeon, als der 47 Jahre alte Pfarrer während des Hochzeitsgottesdienstes am Altar zusammenbrach und starb. „Es war schrecklich“, sagt die Musikerin.

Schon vor einem Jahr hatte das Brautpaar Kontakt zu Andrea Wittmann aufgenommen. Die Braut stammt aus Osnabrück, ihren Mann hatte sie beim Studium in Florenz kennengelernt. Die Hochzeit sollte in der geografischen Mitte stattfinden – im Kloster Seeon im Chiemgau (Landkreis Traunstein). Die idyllische Anlage, die bis auf die Kirche dem Bezirk Oberbayern gehört, ist beliebt bei Brautpaaren, dort ist man spezialisiert auf Hochzeiten.

Die deutsch-italienische Trauung ist perfekt vorbereitet, die Braut mit ihren blonden, hochgesteckten Haaren und einem weißen Kleid bildhübsch – nur dass es an diesem Samstagnachmittag regnet, scheint den Plan von der Traumhochzeit, zu der knapp 100 Gäste gekommen waren, zu trüben.

Weil es draußen eher kühl ist, wundert sich Andrea Wittmann über die Begegnung mit dem Pfarrer, der die internationale Trauung zusammen mit einer australischen Priesterin halten soll: Sie trifft den Geistlichen Grzegorz Wieczorek vor dem Gottesdienst für letzte Absprachen in der Sakristei. Dort fällt der Organistin auf, dass der 47-Jährige, den sie schon öfter getroffen hat, stark schwitzt: „Er hatte Schweißperlen auf der Stirn“, erinnert sie sich später. Vermutlich fühlt er sich zu diesem Zeitpunkt schon unwohl. Als Andrea Wittmann ihm den Vorschlag macht, vor dem Start der Zeremonie mit den Gästen ein Lied zu proben, lehnt er ab: „Wir fangen gleich an“, sagt Wieczorek. Es sind die letzten Worte, die er mit der Organistin wechselt.

Andrea Wittmann geht zur Empore hoch, der Gottesdienst geht los. Es ist 15 Uhr. Erst der festliche Einzug mit Kirchengeläut, ein Gebet, das erste Lied: Laudato si. Die Organistin hört, dass Pfarrer Wieczorek mitsingt. Er steht hinter dem Altar, links von ihm das Brautpaar. Die Musik verklingt, er fängt an zu beten – und hört mitten im Satz auf. Die Kirchenmusikerin sieht, wie der korpulente Mann nach vorne kippt, direkt vor das Brautpaar, er schlägt mit dem Kopf auf dem Steinboden auf. Die Gäste schreien erschrocken auf, einige stürmen zu dem Pfarrer. Andrea Wittmann rennt die Treppen hinunter, auf dem schnellsten Weg zur Rezeption des Kultur- und Bildungszentrums Kloster Seeon. Dort ruft sie den Notarzt an und schnappt sich den Erste-Hilfe-Koffer. Zurück in der Kirche sieht sie, wie Ersthelfer den leblosen Pfarrer in die stabile Seitenlage gebracht haben, eine Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzdruckmassagen durchführen. Wenig später trifft der Notarzt ein. Die Musikerin kümmert sich in der Sakristei um die aufgelöste Braut und deren Familie: „Die waren völlig durcheinander“, erzählt sie.

Weil die Hochzeitgesellschaft von weit her angereist war, entscheidet sich das Paar, die Trauung fortzusetzen – allerdings in der Nebenkirche St. Maria zu Bräuhausen. Der örtliche Pfarrer Dekan Hans Huber springt spontan ein, zu Beginn spricht er ein Gebet für Grzegorz Wieczorek. Dann vermählt er das Paar.

Der 47-Jährige ist offenbar an einem Herzinfarkt verstorben. Die Polizei, die zusammen mit der Staatsanwaltschaft bis 21.30 Uhr im Kloster war, hat keine Zweifel an der natürlichen Todesursache, ein Hausarzt bescheinigte das amtlich. Der im polnischen Krakau geborene Pfarrer war vor zwei Jahren nach Rosenheim gekommen. Er gehörte der polnischsprachigen Katholischen Mission an. Er war 20 Jahre Seelsorger in Rom, weshalb er im Raum Rosenheim und im Chiemgau ein gefragter Mann für italienische Hochzeiten war. Wie das OVB berichtet, zelebrierte er auch Gottesdienste in Holzkirchen und Bad Tölz. Die Trauer bei der Polnischen Mission ist groß: „Unser Mitbruder ist leider viel zu früh von uns gegangen“, sagte deren Leiter, Ignacy Zajac, gestern.

Carina Lechner und Ludwig Simeth

Rubriklistenbild: © dpa

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