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Wenn aus Genuss Sucht wird. 15 Prozent der Menschen über 60 haben einen riskanten Alkoholkonsum.

„Ich habe das Alleinsein nicht vertragen“

Alkoholismus im Alter: Wenn Senioren anfangen zu trinken

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München - Ein Gläschen hier, ein Fläschchen da – auch ältere Menschen trinken gerne und häufig. Wenn der Partner stirbt oder das Arbeitsleben endet, wird bei manchen daraus eine gefährliche Sucht. Wie bei Frau Goldt.

Auf der anderen Straßenseite verkaufen sie den Todfeind. Er ist flüssig und steht in Regalen, sie verkaufen ihn als Wodka zu 7,49 Euro oder weniger. Wenn Frau Goldt aus dem Fenster ihres fein eingerichteten Arbeitszimmers schaut, kann sie den Todfeind fast sehen. Es gibt ihn gegenüber im Supermarkt, es gibt ihn an fast jeder Ecke und das ist ein Teil des Problems. Denn Frau Goldt, Anfang 70, ist seit einigen Jahren trockene Alkoholikerin. Das Trinken hat sie erst im Alter richtig begonnen. Das ist ungewöhnlich. Aber nicht selten.

Es gibt ein gut hundert Jahre altes Gedicht, das Menschen wie Frau Goldt würdigt. Darin heißt es: „Wenn du einem geretteten Trinker begegnest, dann begegnest du einem Helden. Es lauert in ihm schlafend der Todfeind. Er bleibt behaftet mit seiner Schwäche und setzt seinen Weg fort. In einer Umgebung, die ihn nicht versteht.“ Die Zeilen und ihre Bedeutung werden auch in diesem Text noch eine Rolle spielen. Aber vor dem Ende der Sucht steht ihr Anfang.

Draußen scheint die Sonne. Drinnen erzählt Frau Goldt, die man sich nur schwer als Trinkerin vorstellen kann, wie das war mit dem Alkohol und ihr. Die Wohnung ist liebevoll eingerichtet, Notenständer, Gemälde, ein herrlich knarrender Boden. Vor sieben Jahren ist Frau Goldts Mann schwer erkrankt, zwei Hirntumore, einen davon konnte man operieren. Als nach seinem Tod alle Formalitäten erledigt sind, beginnt sie nach vielen Jahren der Abstinenz, über die ihr Mann gewacht hatte, wieder zu trinken. Hauptsächlich harte Sachen, manchmal auch Sekt, um alles Negative zu vergessen.

Frau Goldt bricht zusammen, kommt zur Entgiftung in eine Suchtklinik. Weil sie das Alleinsein nicht verträgt, zieht sie in die Nähe ihres Sohnes, der aber mit den Alkoholproblemen seiner Mutter nicht klarkommt. Eine ambulante Therapie hilft ihr, nach einem Jahr scheinen alle Probleme aufgearbeitet zu sein. Frau Goldt ist sich ihrer Sache sicher. So sicher, dass sie meint, wieder kontrolliert trinken zu können. Ein häufiges Muster bei alkoholkranken Menschen. Es führt in die Katastrophe, Frau Goldt wird rückfällig.

Das Alleinsein. Die fehlenden Aufgaben nach der Pensionierung. Gerade bei älteren Menschen sind das weit- verbreitete Gründe dafür, ein Glas mehr zu trinken. Und dann vielleicht noch eins. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen nennt Zahlen: 15,4 Prozent der Menschen über 60 haben demnach einen riskanten Alkoholkonsum. Männer deutlich mehr als Frauen. Das Bundesministerium für Gesundheit geht von rund 400 000 Betroffenen aus. Wie viele abhängig sind und wie viele die Dinge noch mehr oder weniger im Griff haben? Schwierig zu sagen. Alkoholismus im Alter ist ein Thema, das gesellschaftlich nicht wirklich diskutiert wird.

Dabei sind die körperlichen Auswirkungen sehr gefährlich. Die Leber verfettet, es kann sich eine Leberzirrhose entwickeln. Die Haut ist großporig und gerötet. Das Gedächtnis kann deutlich schlechter werden. Dr. Antje Müller hat – als Oberärztin an einer psychiatrischen Tagesklinik für ältere Menschen in Hamburg – täglich mit diesen Auswirkungen zu tun. „Viele Alkoholkranke kommen nach Stürzen zu Hause letztlich zu uns“, sagt sie. „Die meisten fangen nach einer Trennung oder dem Verlust des Partners an zu trinken. Aber es gibt auch Paare, bei denen beide alkoholabhängig sind.“

Wenn es ums Trinken geht, spielt bei vielen älteren Menschen auch ein anderer Aspekt eine Rolle: Sie vertragen den Alkohol schlechter als früher. Der Körper ist länger beschäftigt mit dem Gift. Und auch die Wechselwirkungen mit Medikamenten sind ein Problem – zumal viele ältere Menschen oft bedenklich viele Pillen schlucken. Auch vermeintliche Helfer wie „Doppelherz“ oder „Klosterfrau Melissengeist“ enthalten Alkohol.

Frau Goldt, die Bach und Händel liebt, hat viel nachgedacht über die Gründe für ihren Fall. „Einsamkeit und ein geringes Selbstwertgefühl“, sagt sie im Rückblick. Auch während ihrer Berufsjahre als Lehrerin war sie einige Male an der Grenze zum Absturz, jedenfalls wenn sie alleine und überfordert war. Zum Glück gab es immer noch die Arbeit, das Funktionieren. Irgendwann aber kündigte der Wecker am Morgen keine neuen Aufgaben an. Sondern nur den Beginn des nächsten Tages in ihrer stillen Wohnung. Frau Goldt wurde zur Spiegeltrinkerin, brauchte immer einen gewissen Alkoholpegel im Blut. Drei Mal in ihrem Leben trank sie rasch eine Flasche Schnaps, um ihrem Leben ein Ende zu bereiten.

Bei solchen Mengen ist die Sache eindeutig. Aber wo genau beginnt Sucht? Beim täglichen Stamperl Kirschgeist am Mittag? Beim dritten Bier vor dem Fernseher? Für viele Suchtexperten sind andere Fragestellungen wichtiger: Braucht man den regelmäßigen Alkoholkonsum, um klarzukommen? Gibt es Entzugserscheinungen und eine Neigung dazu, beim Trinken die Kontrolle zu verlieren?

Bei diesen Fragen geht es um Verhaltensmuster, die sich oft über Jahrzehnte herausgebildet haben. Viele fragen sich: Warum sollte nun nicht mehr in Ordnung sein, was früher alle gemacht haben? Deshalb ist es so schwer, abstinent zu bleiben. „Bei älteren Menschen gilt das besonders“, sagt Psychiaterin Dr. Antje Müller. „Menschen sind Gewohnheitstiere. Das schleicht sich ein.“ Bei der Behandlung versuchen die Ärzte und Therapeuten deshalb, den Menschen neuen Lebensmut zu geben. Neue Aufgaben, neue Strukturen, damit sie im alten Umfeld nicht einfach wieder trinken.

Denn nach dem Entzug ist der Todfeind nicht verschwunden. Auch Peter Huber trägt ihn in sich. Der Berufsschullehrer war viele Jahre alkoholabhängig und spricht offen über diese Zeit. Anders als Frau Goldt möchte er in der Zeitung nicht mit einem anderen Namen genannt werden. Huber, ein Mann mit wachem Lehrerblick, kann gut erklären, was der Alkohol mit einem anstellt. Der gereizte Magen, ständig diese leichte Übelkeit, die Glocke über dem Kopf. „Als Suchtkranker lernt man auch Schauspielerei“, erzählt er beim Treffen in einem Münchner Café.

Heute berichtet Huber den Zehntklässlern in der Suchtprävention, wie er im Zuge familiärer Probleme langsam abgedriftet ist. Fünf Halbe, sechs Halbe, sieben Halbe am Tag. Irgendwann steht er auch mitten in der Nacht auf, um ein Bier zu trinken. In der Schule sagt keiner was, auch wenn manche Kollegen sehen, was los ist. Vor sieben Jahren schüttelt ihn schließlich seine Frau. Der Alkohol oder ich. Sie bringt ihn in die Klinik zur Entgiftung. Er lässt sich bringen. Die anschließende ambulante Therapie hilft. Seitdem ist Huber trocken.

Aber natürlich gibt es hundertprozentige Sicherheit nicht. Peter Huber meidet Abende im Bierzelt komplett, auch weil die Leute mit zunehmender Zeit einfach zu viel Blödsinn reden. Kriegt man alles mit, wenn man bedächtig an seiner Apfelschorle nippt. Und nicht nur das Bierzelt ist ein heikler Ort. Der Todfeind ist tief verankert in der Öffentlichkeit, er prostet Peter Huber und Frau Goldt zu, von Plakaten und aus der Fernsehwerbung. Der Todfeind steht im Supermarkt an der Kasse, klein und günstig. Alkohol ist überall – das merkt man erst dann richtig, wenn man unter allen Umständen auf ihn verzichten muss.

Was aber kann man tun, um nicht rückfällig zu werden? Frau Goldt und Peter Huber gehen jede Woche in die Selbsthilfegruppe. Die Bedeutung dieser Runden ist gerade für ältere Menschen mit einem Alkoholproblem groß. „Man lernt dort neue Leute kennen, es gibt ein Telefonnetz für schwierige Situationen“, erläutert Dr. Antje Müller, die Psychiaterin aus Hamburg. Auch um überhaupt Hilfe zu bekommen, sind die Gruppen wichtig. Denn gerade ältere Alkoholabhängige müssen häufig selbst aktiv werden, um ihre Sucht in den Griff zu kriegen. Auf Ältere zugeschnittene Therapieangebote sind selten. Angehörige, Hausärzte oder Mitarbeiter von Pflegediensten erkennen oft nicht, wenn etwas nicht stimmt.

Auch bei Frau Goldt dauert es einige Jahre, bis sie die richtige Hilfe erfährt. Mit ihrem Sohn hat sie lange nicht richtig sprechen können über den Schnaps und die Hilflosigkeit. Nach ihrem Umzug findet Frau Goldt endlich die passende Selbsthilfegruppe für sich. Bei der Vorstellung eines internationalen Forschungsprojekts mit dem Namen „elderly“ ist sie anwesend und beantwortete geduldig die Fragen der Journalisten. „Elderly“ widmet sich besonders alkoholbezogenen Problemen und Störungen älterer Menschen. Es geht darum, wieder sinnvolle Aktivitäten zu finden. Lebensfreude zu entwickeln. Aber auch: Mit dem Alter und seinen Einschränkungen umgehen zu lernen.

Heute freut sich Frau Goldt über die Freiheit, die sie durch das Leben ohne Alkohol gewonnen hat. Über einen hübsch bearbeiteten Stein, ein schönes Gemälde, die richtige Sinfonie zur richtigen Zeit. Fragt man sie nach der passenden Strategie, um nicht vom Alkohol abhängig zu werden, spricht die Lehrerin aus ihr: „Menschen müssen das Verzichten lernen – am besten schon in der Schule.“ Das aber ist ein Auftrag an zukünftige Generationen. Die Gegenwart beschreibt die Hamburger Psychiaterin Dr. Antje Müller wie folgt: „Alkoholismus ist eine seelische Erkrankung – die häufigste in Deutschland.“

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