Alle zwei Wochen stirbt eine Sprache

München - Am Montag ist der Tag der Muttersprache. Mythen, Gedichte, Sprichwörter, ganze Dialekte geraten für immer in Vergessenheit. Auch Bairisch gilt offiziell als „gefährdet“.

Als Marie Smith Jones nicht mehr aus dem Schlaf erwachte, starb an diesem Januartag auch eine Sprache. Sie war die letzte Frau auf Erden, die Eyak beherrschte.

1918 in Alaska geboren, wuchs Marie Smith Jones in einer Zeit auf, als ihr Indianerstamm schon fast ausgelöscht war. Im Laufe ihres langen Lebens gebar sie neun Kinder. Die Mutter lehrte sie Englisch, nicht Eyak. Das ist nützlicher, dachte sie. Als sie ihre Entscheidung später bereute, war es zu spät. Mit ihrem Tod 2008 geriet auch die Sprache des einst stolzen Stammes in Vergessenheit.

Alle zwei Wochen geschieht eine solche Geschichte aufs Neue. Statistisch verschwindet laut der UNESCO an jedem 14. Tag eine Sprache. Etwa 6000 gibt es noch, knapp die Hälfte ist vom Aussterben bedroht. In Deutschland gibt es nach Schätzungen der Vereinten Nationen 13 gefährdete Regional- und Minderheitssprachen. Darunter Nordfriesisch, Ostfränkisch, Jiddisch – und Bairisch.

Die Gründe für das weltweite Aussterben sind vielfältig. Die Globalisierung ist einer davon, sagt Thomas Reinhardt, Ethnologe an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Neue Technologien tragen dazu bei, dass einzelne „Weltsprachen“ sich zunehmend ausbreiten.

„Selbst bei einer Demonstration in Ägypten sieht man heutzutage Transparente mit englischer Aufschrift, damit CNN die Botschaft auch verbreiten kann“, sagt Reinhardt. Je näher die Welt zusammenrückt, desto wichtiger wird es, in einer Sprache zu sprechen. Kriege und Vertreibung tun ihr Übriges, vernichten Völker und ihre Wörter. Und?, könnte man fragen. Was soll daran so schlimm sein, wenn Sprachen verschwinden?

Doch Worte sind mehr als ein Mittel zur Kommunikation. Sie tragen ein kulturelles Erbe, sind Ausdruck von Identität. „Sprachen beeinflussen unser Weltbild“, erklärt Reinhardt. Sie sind wie Netze, die mit unterschiedlichen Maschen über die Wirklichkeit geworfen werden, schrieb die Linguistin Heidrun Pelz.

„Ich habe viele Amerikaner getroffen, die auf unser deutsches Wort ,Gemütlichkeit‘ neidisch sind“, berichtet Reinhardt. „Das lässt sich in keine andere Sprache richtig übersetzen.“ Doch was man nicht in Worte fassen kann, das kann man bestenfalls diffus denken – jedoch nie aussprechen.

Die Vielfalt der Sprachen bedeutet eine Vielfalt der Gedanken, ein Reichtum an Sichtweisen auf die Welt. Variation ermöglicht Kreativität. „Jede Kultur hat ihren eigenen Wert“, betont der Ethnologe. Ein Schatz, den es zu bewahren gilt.

So wie das Bairische, das von der UNESCO im „Atlas der Bedrohten Sprachen“ aufgeführt wird. Häufig bleibe bei Dialekten zwar die Sprachmelodie erhalten, sagt Reinhardt, aber viele Begriffe gingen mit der Zeit verloren. Dennoch will er das Bild nicht zu schwarz malen. „Zu meiner Schulzeit war Dialekt noch verpönt, heute wird er oft als charmant empfunden.“ Bairisch gelte bei den meisten Deutschen als sympathisch. Allgemein erlebe die Mundart eine Aufwertung, sagt der Ethnologe. „Dialekt ist ein bisschen so, als würden wir uns in eine Decke kuscheln und eine Tasse heiße Schokolade trinken.“

Thomas Schmidt

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