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Geschniegelt und gestriegelt, glücklich vom Bergluft schnuppern und wohlgenährt kommen die Almkühe zurück ins Tal. In Bayern und im Allgäu beginnt morgen der Almabtrieb. Die meisten Tiere bleiben noch bis zum Michaelistag, 29. September, auf den Almen, bevor die Senner die Hütten winterfest machen

Almabtrieb: Schluss mit Sommerfrische

Oberstaufen - Sie sind hübsch zurecht gemacht und perfekt herausgeputzt. Geschmückt für ihren großen Auftritt. Oft kommen Tausende, um die Almkühe beim Almabtrieb zu bewundern. Im Tal werden die Tiere bereits sehnsüchtig erwartet.

Heute kommen wieder Tausende Besucher nach Oberstaufen im Oberallgäu. Aber nicht, weil ein Rockstar ein Konzert gibt. Die Stars, auf die hier alle warten, laufen auf allen Vieren und haben keine Zehen, sondern Hufe. Schon um 8.30 Uhr geht es los. Die ersten Fans sind noch viel früher da, um gute Plätze zu ergattern. Bis zum Mittag werden dort 16 Herden mit insgesamt rund 1000 zum Teil geschmückten Tieren erwartet. In Pfronten wird den Kühen noch eine weitere Nacht auf den Bergweiden gegönnt: Am Samstag gegen 9.30 Uhr trudeln nach und bis zu 500 Rinder in Pfronten ein. Denn es ist wieder Viehscheid-Wochenende. Musik gibt es bei dem größten Ostallgäuer Alpabtrieb natürlich auch – allerdings keine Rock- sondern zünftige Blasmusik.

Die Tiere kommen nach ihren 100 Tagen Sommerurlaub auf der Alm zurück ins Tal. Auf dem Scheidplatz in Pfronten übergeben die Hirten und Senner die Rinder wieder ihren Besitzern.

Der Viehscheid im Allgäu ist jedes Jahr ein Publikumsmagnet. In Oberbayern heißt das Abschiednehmen von den Bergen Almabtrieb und wird nicht so öffentlich gefeiert wie im Allgäu. Feste Termine gibt es hier kaum – die Senner auf den Almen wollen spontan entscheiden, wann der richtige Tag für den Abstieg ist. „Es geht auch darum abzuwarten, wann das Wetter am besten passt“, sagt Hermann Mauer, der in Rosenheim für die Almwirtschaft zuständig ist. Aber Mauer kennt noch einen anderen Grund, wieso die Termine in Oberbayern nicht so publik gemacht werden: „Die Bauern wollen den ganzen Tohuwabohu nicht. Der Rummel ist nicht gut für die Tiere, die werden dann ganz unruhig.“ Ein Landwirt stimmte 2010 seinen Termin mit dem Fremdenverkehrsamt ab – heuer will er nicht mehr. Zu viel Aufregung für die Tiere. Eine Tradition gibt es schon so lange, wie es die Abtriebe gibt: das „Fuikl“-Basteln. Fuikl heißt im Berchtesgadener Land der Kopfschmuck der Tiere, den ihnen die Senner für den Abstieg verpassen. „Aber nur, wenn während der Sommerfrische alles gutgegangen ist“, betont Experte Mauer. Ist einem Mensch oder einem Tier in dieser Zeit etwas passiert, verläuft der Abstieg schmucklos. Heuer trifft das auf mehrere der Almen in Maurers Gebiet zu.

Die Tiere hatten einen Feind, der keine Kompromisse macht: den Blitz. „Vergangenes Jahr haben wir überdurchschnittlich viele Tiere durch den Wolf verloren, heuer wegen Blitzeinschlägen“, sagt Mauer. Erst am Mittwoch war er auf der Herrenalm in Oberaudorf, wo vor zwei Wochen eine Kuh vom Blitz erschlagen wurde. „Allein im Raum Miesbach hat der Blitz vier Kühe erwischt.“ Sonst machte das Wetter den Almwirten in Maurers Gebiet keine großen Probleme. Nur auf der Jochalm zwischen Kochel- und Walchensee war nicht immer klar, dass eigentlich Sommer ist. „Achtmal hat’s auf dem Jochberg geschneit. Das ist kein Spaß für Senner und Tiere“, sagt Hermann Mauer.

Generell haben sich manche Senner das Leben auf der Alm heuer scheinbar leichter vorgestellt als es ist, vermutet der Experte: „Wir mussten sechsmal einen Nachfolger finden, weil der Hirte vor Ort nicht mehr wollte.“ Im Durchschnitt kommt ein Sennerwechsel in der Saison nur zweimal vor.

Von Christiane Breitenberger

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