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Alois Glück stand sechs Jahre an der Spitze des Zentralkomitees der Katholiken.

Interview

Nach sechs Jahren: ZdK-Präsident Alois Glück hört auf

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München - Alois Glück legt sein Amt als Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken nieder. Unsere Zeitung sprach mit ihm unter anderem über Vertrauensverluste und die Rolle der Frau in der Kirche.

Am Freitag legt Alois Glück sein Amt als Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) nieder. Der 75-jährige Oberbayer, lange Jahre an führender Stelle in der CSU tätig, hatte sich 2009 vom ZdK in die Pflicht nehmen lassen – weil die Bischöfe einen bereits gewählten Kandidaten hatten durchfallen lassen. Der überzeugte Katholik, der nach Jahrzehnten der Politik kürzer treten wollte, sprang als Nothelfer ein. Und sorgte in schwierigen Zeiten der Kirche für eine Annäherung zwischen Kirchenvolk und Bischöfen. Wir sprachen mit ihm zum Ende seiner Amtszeit.

Das waren sechs Jahre, die es in sich hatten, Herr Glück. Eine erfolgreiche Mission?

Es war eine spannende und wichtige Arbeit. Es war unvorhersehbar, dass es in eine ganz wichtige Phase unserer Kirche fiel – beginnend mit dem Schock des sexuellen Missbrauchs. Das war aber gleichzeitig eine so tiefe Erschütterung, dass viele Verkrustungen aufgebrochen sind. Ich glaube, hier konnte das ZdK viel für den Weg der Kirche in Deutschland in den letzten Jahren beitragen – sowohl durch unser Drängen als auch durch unsere Integrationskraft.

Sie haben den Missbrauchsskandal schon genannt. Damit verbunden ist ein Vertrauensverlust, dazu kommen Verratsfälle im Vatikan, Finanzaffären. Was hat Ihnen am meisten zu schaffen gemacht?

Am meisten hat mir zugesetzt, dass viele Katholiken, die ein großes Vertrauen zu ihrer Kirche haben oder hatten, dadurch schwer getroffen und schwer irritiert wurden. Persönlich war mir nie fremd, dass es im kirchlichen Bereich auch Abgründe gibt. Aber ich habe nirgendwo sonst in meinen jahrzehntelangen Aktivitäten in verschiedensten Bereichen erlebt, dass ganz Großartiges und Abgründiges so nah beieinander liegt wie in der Kirche. Deswegen hat es mir immer wieder Leid getan um die Katholiken, die damit nicht zurecht kommen können. Natürlich tut es mir auch für die Kirche insgesamt Leid. Aber man muss auch sagen: Wirklich Neues kann sich erst entwickeln, wenn es Krisen gibt und der Leidensdruck groß genug wird.

Was hat sich geändert?

Der Skandal mit dem sexuellen Missbrauch ist zum Ausgangspunkt geworden für einen sehr fruchtbaren Prozess der inneren Veränderungen der Kirche. Die offenkundigen Skandale in der Kurie waren die Voraussetzung dafür, dass ein Papst Franziskus gewählt wurde. Damit wurde eine Weltbischofssynode ermöglicht, in der erstmals in den Gemäuern des Vatikans die Lebenswirklichkeiten in den verschiedenen Regionen der Welt so offen und ehrlich besprochen wurden, wie es jetzt möglich wurde, weil der Papst ein Kämpfer für angstfreie Kommunikation ist.

Haben Sie in den vergangenen sechs Jahren jemals mit dem Gedanken gespielt, hinzuwerfen?

Nein, aufgeben ist nicht meine Sache.

Aus der Politik kennen Sie schärfste Konflikte und waren gestählt für heftige Debatten. Was ist anders im katholischen Milieu?

Mir ist schon sehr zugute gekommen, dass ich es gewohnt war, in Spannungsfeldern zu leben und damit umzugehen. Anders ist im kirchlichen Bereich, dass viele Diskussionen „unterirdisch“, in einer ganz schlechten Gesprächs- und Diskussionskultur verlaufen, weil es nicht die entsprechenden Strukturen, die Transparenz und das Betriebsklima gibt für offene Gespräche und Mitwirkungsmöglichkeiten. Nur auf der Basis dieser Intransparenz sind Entwicklungen möglich wie in Limburg, wenn spezielle personelle Konstellationen hinzukommen. Deswegen ist die wirksamste Vorbeugung gegenüber solchen Entwicklungen: Transparente Strukturen für die Entscheidungsprozesse und auch transparente Begründungen für die Entscheidungen. Und dann werden wir auch wieder Menschen für die Mitarbeit in der Kirche gewinnen können, die heute sagen: „Anstatt für eine folgenlose Beratung mit undurchsichtigen Verläufen setze ich meine Energie lieber dort ein, wo ich wirklich gestalten kann.“ Ich bin oft erschrocken auch über das Ausmaß an Diffamierung und anonymen Kampagnen, die es in der Kirche gibt. Aber das hängt genau mit diesen Strukturen zusammen.

Hier konnte ja der Dialog des ZdK mit den Bischöfen einiges aufbrechen.

Zu Beginn waren viele Themen tabu. Ein Schlüsselerlebnis war für mich die erste Zusammenkunft des Dialogtreffens in Mannheim. Rund 350 Personen aus allen Diözesen, nach recht unterschiedlichen Kriterien ausgewählt, wir als ZdK-Vertreter eine Minderheit. Und dann gab es ein Ausmaß an Übereinstimmung über die Situation unserer Kirche und notwendigen Veränderungen, wie ich es nie für möglich gehalten habe. Das war mir eine große Bestätigung für unsere Arbeit, nämlich dass das ZdK nicht nur eine lästige Minderheit von sogenannten „Reformkatholiken“ ist. Sondern dass wir in der Tat eine große Mehrheitssehnsucht der Katholiken richtig verstanden und vertreten haben. In Mannheim waren acht Bischöfe anwesend – bei der Schlussveranstaltung in Würzburg waren es 21 Diözesanbischöfe. Das ist ein deutlicher Beleg für einen positiven Veränderungsprozess.

Und jetzt redet man offener?

Wichtig ist natürlich eine Veränderung in den inneren Beziehungen, weil nur dadurch ein offeneres Gesprächsklima möglich ist. Nicht zuletzt aufgrund unserer Arbeit und der der Frauenverbände hat die Bischofskonferenz die Rolle der Frau in der Kirche verändert: dass nämlich außerhalb der Weihe alle Leitungsfunktionen in der Kirche für Frauen zugänglich sein müssen. Oder das neue Dokument der Bischofskonferenz zur Pastoral mit dem Leitbild „Gemeinsam Kirche sein“: Vor vier Jahren wäre undenkbar gewesen, dass die Bischofskonferenz ein Leitbild entwickelt, in dem die Gemeinsamkeit der Getauften und Gefirmten in den Mittelpunkt gestellt wird. Das sind für mich wichtige Entwicklungsprozesse hin zu synodalen Strukturen, die der Papst ja sehr betont. Jetzt ist die Frage, wie werden wir das Miteinander von Klerikern und Laien weiter gestalten. Es bleibt die Kernfrage: Wie können wir den Menschen heute die Botschaft des Evangeliums zugänglich machen? Darum geht es im Kern – nicht dass die Kirche das beste Bildungs- oder Sozialwerk ist.

Papst Franziskus ist ein Hoffnungsträger – warum ist der innerkirchliche Widerstand in Rom so groß? 

Es gibt natürlich Widerstand, was die Strukturen in der Kurie betrifft. Seine Wirksamkeit würde ich aber nicht begrenzen auf das, was sich in der Kurie abspielt. Man muss sehen, was sich erlebbar in der Weltbischofssynode getan hat: Es finden Veränderungen und Lernprozesse statt. Diese theologischen neuen Entwicklungen werden weiterwirken. Prinzipiell hat er schon wichtige Dinge verändert in den Finanzstrukturen. Aber es gibt noch viele Probleme. Ein Organismus, der über Jahrhunderte nur für sich selbst gelebt hat und undurchsichtig ist: Das ist eine Herkulesarbeit, den wirksam zu verändern. Trotzdem glaube ich an eine positive Eigendynamik. Selbst wenn der Papst morgen sterben würde – das, was er freigesetzt hat an neuer Lebendigkeit, offenbar völlig angstfrei und mit viel Gottvertrauen, das würde weiterwirken.

Die Widerstände gegen kirchliche Reformen sind nach wie vor groß

Kommen wir zur Flüchtlingsthematik: Sind Sie hier mit dem Engagement der Kirche zufrieden?

Die Kirche ist vielfältig engagiert – in Pfarreien, Helferkreisen, in der Zurverfügungsstellung von Räumen. Es geht aber nicht nur um materielle Hilfe. Wir müssen Anwälte sein der Würde des Menschen. Jeder hat Anspruch darauf, mit Respekt behandelt zu werden. Wir müssen uns auch gegenüber denen in unserem Land klar positionieren, die Hass und Gewalt vertreten. Da gibt es gesellschaftliche Strömungen in unserem Land, die gehen bis in die Kirchen hinein.

Haben Sie Sorge, dass die Zahl der Flüchtlinge unser Land überfordern könnte?

Selbstverständlich müssen wir den Zustrom begrenzen. Wir können nicht alle aufnehmen, die aus nachvollziehbaren Gründen die Sicherheit und die Zukunftsperspektiven unseres Landes suchen. Wir müssen für die Aufnahme einen Prioritätenkatalog erstellen. Es stellt sich die Frage, wie viele Menschen können wir innerhalb welcher Zeit wirklich integrieren? Hier müssen wir in der Kirche und in der Politik die Bedeutung des Engagement für den einzelnen Menschen besser verbinden mit der Aufgabe des Staates, das Recht und die Ordnung in unserem Land so zu gestalten, dass wir auch auf Dauer ein stabiles Gemeinwesen haben. Wenn wir heute aufgrund der hohen Zahl der Menschen, die in kurzer Zeit kommen, nicht mehr in der Lage sind, wirklich zu erfassen, wer zu uns kommt, sind das Alarmsignale im Hinblick auf die politische Verantwortung. Hier braucht es notwendige Veränderungen. Wir brauchen eine Gesamtschau der Verantwortung und dürfen das nicht gegeneinander ausspielen.

Heute kandieren zwei Politiker für Ihre Nachfolge: Maria Flachsbarth (CDU), Staatssekretärin im Bundesagrarministerium, und der nordrhein-westfälische CDU-Landtagsabgeordnete Thomas Sternberg. Die katholischen Laien bleiben also unter politischer Führung.

Es braucht in jedem Fall Menschen, die die öffentlichen und politischen Mechanismen verstehen. Das ZdK ist ja nicht nur eine innerkirchliche Veranstaltung, es geht ja um das gesellschaftspolitische Engagement.

Jetzt ist wieder eine Frau an der Reihe?

Das wird die Wahl entscheiden. Da will ich keine Prognose geben.

Sie gelten ja als geübter Visionär: Wo steht die deutsche katholische Kirche in zehn Jahren?

Sie wird zahlenmäßig noch deutlich geringer werden. Aber sie wird auch immer wieder neue Aufbrüche erleben. Und es wird sich noch vieles in den Strukturen ändern müssen.

Einen Alois Glück ohne ein Amt, ohne eine Mission kann man sich nicht vorstellen. Wo werden Sie sich künftig tummeln?

Nach etwa 50 Jahren unterwegs sein im öffentlichen Raum möchte ich mehr Freiraum für mein privates Leben, vor allem für die Familie, haben. Wieder mehr fotografieren, mehr in die Berge gehen, die für mich leider Gottes immer höher werden (lacht). Aber es gibt Felder, für die ich mich weiter engagiere: Die Auseinandersetzungen mit geistigen Entwicklungen, die Hospizarbeit und der Ausbau der Palliativmedizin.

Wie ist Ihre Gemütslage heute?

Sehr entspannt. Ich habe eine wichtige Zeit des Engagements und der Bereicherung an Erfahrungen und Einsichten erlebt. Es ist aber auch ein Stück Erleichterung. Ich bin mit mir im Reinen und hoffe, wenigsten einen kleinen Schritt weiterzukommen in meiner Lebensvision einer engagierten Gelassenheit.

Claudia Möllers

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