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Das Kreuz geht voran: Die Wallfahrer des Bayerischen Pilgerbüros auf dem Weg von Heiligenstatt nach Altötting - Weihbischof Wolfgang Bischof (rechts) geht in zweiter Reihe.

Pilgern nach Altötting

Auf dem Weg zum lieben Gott

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Altötting – Der Weg zum lieben Gott beginnt an Gleis 26 am Münchner Hauptbahnhof. Die Fahrkarte kostet 25 Euro, und die Reise führt tief hinein in das „Herz Bayerns“. Das Gepäck: Sorgen, Gebete und eine große Portion Dankbarkeit. Eine Wallfahrt nach Altötting.

Brezen vom Bischof: Weihbischof Wolfgang Bischof verteilt die Wegzehrung.

Samstag, kurz vor halb 9. Der Bischof packt die Butterbrezen aus. „Leib und Seele gehören zusammen“, brummt er gut gelaunt mit tiefem Bariton, reicht einer Frau eine Breze, dann schiebt er sich weiter durchs Zugabteil der Südostbayernbahn. Weihbischof Wolfgang Bischof, 54, Vollbart, ist an diesem Samstagmorgen nur am Kollar, dem weißen Stehkragen, und Bischofsring als Geistlicher zu erkennen. Er trägt dunkle Hosen, Funktionsjacke und Trekkingschuhe. Alles andere wäre unpraktisch. Bischof Bischof und seine Schäfchen, 45 an der Zahl, sind auf dem Weg von München nach Altötting. Sie sind auf Wallfahrt.

Das „Herz Bayerns“, wie sie Altötting im Volksmund nennen, schlägt in einer Gemeinde, in der auf nicht ganz 13 000 Seelen rund eine Million Besucher pro Jahr kommen. Die meisten von ihnen sind Wallfahrer, Gläubige, die zur Schwarzen Madonna in der Gnadenkapelle pilgern. Der Strom beginnt vor Ostern, am größten ist er zu Pfingsten. Dann bringen mehrere tausend Menschen den Ort an die Grenzen seiner Kapazitäten. „Altötting ist der bayerische Klassiker, die größte Pilgerstätte Deutschlands“, sagt Irmgard Jehle. Die 58-Jährige muss es wissen. Sie begleitet seit 40 Jahren Pilgergruppen an die Wallfahrtsorte dieser Welt, nach Rom, Lourdes, an den Lago Maggiore. Diese Gruppe begleitet sie – wie schon seit fünf Jahren acht Tage vor Ostern – zur Dankwallfahrt nach Altötting.

Jehle, hellblaue Augen hinter einer randlosen Brille, ist Mutter dreier Kinder, promovierte Theologin und Reiseleiterin beim Bayerischen Pilgerbüro mit Sitz in München, das gerade sein 90-jähriges Bestehen feiert. Sie schreibt Pilgerführer, bildet Reiseleiter aus und schart mit ihrer herzlichen Art und enormem Fachwissen begeisterte Pilger um sich. Heute sind ihr Mann und ihr Sohn dabei, helfen beim Organisieren. Der Sohn wird beim Dankgottesdienst zum feierlichen Abschluss der Wallfahrt Orgel spielen.

Nicht nur deshalb ist die Fahrt wie ein Familientreffen. Obwohl nicht jeder jeden kennt, sind die Pilger eine eingeschworene Gemeinschaft. Jeder hat ein, zwei andere schon auf einer Wallfahrt getroffen. Man kommt aber auch so ins Gespräch. „Die Unterhaltungen sind mit das Wichtigste“, sagt Jehle. „Darum beten wir nicht durchgehend, wenn wir laufen. Eine Wallfahrt braucht einen angemessenen Anfang, sie braucht das Gebet und das Gefühl, anzukommen. Und sie braucht das Gespräch.“

Die älteste Wallfahrerin der Gruppe läuft flott voran, direkt hinter Bischof und Kreuz, an der Spitze der Gruppe. Nebenbei verrät sie, dass sie bald ihren 86. Geburtstag feiert und selbst Reiseleiterin war. 99 Mal ist sie in Lourdes gewesen, „das 100. Mal will ich noch schaffen, wenn der da oben mich lässt“, sagt sie und zeigt lachend zum Himmel. Der Jüngste ist 38, aber auch kein Neuling. Kein geringerer als Papst Benedikt XVI. hat Daniel Hauber zum Pilger gemacht. Seit dessen Deutschlandbesuch 2006 ist der Gärtner aus Dachau mehrmals unterwegs gewesen, in Fatima oder auf dem Jakobsweg nach Santiago di Compostela. „Die einen erholen sich auf Mallorca, die anderen machen eine Pilgerreise“, sagt er. Für ihn ist die Fahrt nach Altötting eine Gelegenheit, mit sich selbst ins Reine zu kommen. „Ich habe keine glorreiche Vergangenheit“, gesteht er. „Aber das zählt hier nicht, ebenso wenig wie die Nationalität oder die Hautfarbe. In dieser Atmosphäre kann ich meine Gedanken vor Gott tragen.“

An "heiliger Statt", in Heiligenstatt, beginnt die Pilgerfahrt.

Ehe es soweit ist, steht den Pilgern noch ein Fußmarsch bevor. Über Feldwege mit feinem Schotter, vorbei an frisch gepflügten Äckern, das Kreuz, das ein Sekretär des Bischofs trägt, im Blick. Die tatsächliche Wallfahrt beginnt in Heiligenstatt. Die kleine Gemeinde, in der der Zug nur dann hält, wenn man es beim Zugführer anmeldet, liegt fünf Kilometer westlich von Altötting und ist eigentlich der ältere Wallfahrtsort. „Schon 100 Jahre bevor Altötting populär wurde, sind die Menschen nach Heiligenstatt gepilgert“, erzählt Irmgard Jehle. Dann geschah 1489 im Nachbarort das erste Wunder, es folgten weitere, schnell lief Altötting Heiligenstatt den Rang ab. Nur der Kreuzweg erinnert daran, dass es einmal anders gewesen ist. Wer von Heiligenstatt nach Altötting pilgert, läuft den Weg streng genommen rückwärts, beginnt bei der letzten Station, der Kreuzigung Jesu.

Das war das Erste, das Siegfried Herz, 74, bei seiner allerersten Wallfahrt nach Altötting aufgefallen ist. „Die meisten merken das gar nicht“, sagt er. „Die Leut’ schauen einfach viel zu wenig hin.“ Herz wohnt in Planegg und pilgert immer gemeinsam mit seiner Frau. Sie bilden die Schlusslichter der Gruppe. „Solang ich noch gut zu Fuß bin, will ich solche Fahrten mitmachen“, sagt er und schwingt den schwarzen Regenschirm, den er als Gehstock benutzt. Er kommt nicht, wie so viele, mit einer Bitte nach Altötting. „Ich hab’ immer unverschämtes Glück in meinem Leben gehabt. Immer die richtigen Menschen getroffen, bin immer gesund gewesen. Das ist eine Dankwallfahrt“, erklärt er. „Man kann doch auch amal Dankschön sagen.“ Dankschön sagen, das ist das eine. Mit einem schweren Packerl nach Altötting kommen das andere. Oder mit einem Versprechen.

Maria Fuhr, 62, hat etwas versprochen. Die Frau aus der Nähe von Mainz hat sich und der Muttergottes geschworen, dieses Frühjahr nach Altötting zu kommen. Trotz einer verpfuschten Operation, die viele weitere nach sich zog. Langsam aber stetig schiebt sie sich auf dem Feldweg voran, dem Ziel entgegen. Maria Fuhr läuft an Krücken, die Kiesel knacken unter den Gumminoppen der Gehhilfe. Ihr Bruder ist mit dem Auto in der Nähe, sicherheitshalber, falls sie es nicht schafft. Gepilgert wird in ihrer Familie schon immer, es gehört einfach dazu. Auch, dass sie ihr Wort hält und heute mitläuft, obwohl sie mit dem Zug bis Altötting hätte fahren können, gehört für sie dazu. „Wenn man sein Wort gibt, kann man es nicht brechen.“ Auch wenn sie unter Schmerzen laufen muss. Sie wird Altötting zu Fuß erreichen. Beim Dankgottesdienst mit den anderen Pilgern wird sie eine Kerze anzünden und im Stillen beten, bitten, danken.

Während manche Pilger in sich gekehrt sind und ihre Anliegen mit sich und dem Herrgott ausmachen wollen, haben andere das Bedürfnis zu reden. Hermann Auer kennt das nur zu gut. Seit 16 Jahren führen er und seine Frau zwei Devotionalienläden in Altötting. Bei ihm bekommen die Pilger Kerzen, Rosenkränze, und wer möchte ein offenes Ohr. „Für manche sind wir mehr Seelenklempner und Auskunftsgeber als Verkäufer“, sagt der 68-Jährige. Schlimme Schicksale bekomme man mit, hier am Fuß der Stiftspfarrkirche am Kapellplatz. Aber auch Geschichten, die Hoffnung machen. „Wenn Großeltern, die für den sterbenskranken Enkel gebetet haben, wiederkommen und eine Kerze zum Dank aufstellen wollen, das freut einen“, sagt er.

Altötting lebt von seinen Wallfahrern, profitiert von den Pilgern. Seien es die Cafés und Gastwirtschaften, die Geschäfte, freilich auch die Kirchen. Franz Auer ist seit 2012 Mesner der Gnadenkapelle, dem zentralen Anlaufpunkt der Pilger, und für den „heiligen Bezirk“ am Kapellplatz verantwortlich. Bei ihm können die Pilger auch Messen bestellen, eine für sechs Euro. In Spitzenzeiten werden mehrere hundert am Tag bestellt. Den Trubel – vor allem, wenn die Kapuzinermönche die großen Fußwallfahrten am Ortsrand empfangen – sind die Einheimischen gewohnt. „Wer nach Altötting zieht, weiß, was hier los ist“, sagt Auer. Er erlebt die Pilger dann, wenn sie zu ihm in die mit dunklem Holz getäfelte Sakristei der Kapelle kommen. Vor allem, wenn weibliche Pilger Messen bestellen, wird viel geratscht und gescherzt. Wer sagt, dass die Stimmung auf einer Wallfahrt bierernst sein muss?

Auch als Reiseleiterin Irmgard Jehle ihre Schäfchen in der Abendsonne zur Abfahrt versammelt, ist die Stimmung ausgelassen, die Pilger sind gut gelaunt. Brezen vom Bischof gibt’s auf der Rückfahrt nach München zwar keine mehr. Dafür hat jeder seinen persönlichen Altötting-Moment im Gepäck.

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