Familie Breuninger in der russischen Zwangs-Heimat: Das Foto von Karl (links), Emma und den Eltern Helmut und Mathilde wurde 1953 aufgenommen.

Vor 70 Jahren

Verschleppt in Stalins Reich

Germering/Moskau - Für tausende Menschen in Deutschland ist der 22. Oktober 1946 ein wichtiges Datum. An diesem Tag wurden deutsche Spezialisten und ihre Familien in die UdSSR verschleppt. Auch Karl Breuninger aus Germering musste seine Kindheit in der Sowjetunion verbringen.

In der Nacht des 22. Oktober 1946 wird Familie Breuninger von Fremden geweckt. Ein sowjetischer Funktionär steht in der Wohnung in Ost-Berlin, er erklärt Helmut Breuninger, dass seine Firma in die Sowjetunion verlegt werde. Und dass er künftig dort arbeiten wird. Der Familienvater fragt: „Was passiert, wenn ich nicht mitgehe?“ Da wirft der Herr nur einen Blick auf die Soldaten neben ihm.

Erinnerungen an die Kindheit in der Fremde: Karl Breuninger mit seinem alten Segelschiff, Bildern und Schulbüchern aus der UdSSR. Er hat sich viel mit den „Spezialisten hinter Stacheldraht“ beschäftigt, betreibt auch eine Homepage (www.karlist.net). 

Karl Breuninger, heute 72, war damals ein Kind, er kann sich an diese Szene nicht erinnern – er kennt sie nur aus den Erzählungen seines Vaters Helmut. Denn diese Nacht im Oktober 1946 hat das Leben der Familie auf den Kopf gestellt. Helmut Breuninger, ein Physiker und Spezialist für Fluggeräte, wurde wie tausende Experten samt seiner Familie aus der Sowjetisch Besetzten Zone in die UdSSR verschleppt (siehe Text rechts).

Schon am nächsten Morgen fuhren Lastwagen bei den Breuningers vor, im Garten wurden Kisten gezimmert, in die Helfer den Hausrat verpackten und verluden. Als die Lastwagen mit der Familie und ihrem Hab und Gut am Bahnhof ankamen, standen zwei Züge bereit, die Lokomotiven schon unter Dampf. Die Breuningers bekamen einen Güterwagen für ihre Möbel, dann ging die Reise nach Osten los. Das Ziel – kannte keiner.

Karl Breuninger sitzt an seinem Tisch in Germering, Landkreis Fürstenfeldbruck. Er lebt hier seit vielen Jahren, vor ihm liegen Dokumente und Erinnerungsstücke aus der Zeit in der UdSSR. Er hat sie bei allen Umzügen mitgenommen. „Karli ist ohne Mütze durch das Fenster gesprungen.“ Dieser Eintrag steht mit dem Datumsvermerk 4. März 1953 im „Dnewnik“, seinem Schul-Tagebuch. Ein Tadel, der ihm eine „2“ bei der Beurteilung seines Verhaltens einbrachte – die zweitschlechteste Note. „Ich weiß nicht mehr, was ich damals falsch gemacht habe und welche Wirkung es hatte“, sagt der 72-Jährige. „Am Tag darauf ist jedenfalls Stalin gestorben.“

Er hat seine Kindheit in Russland verbringen müssen, weil sein Vater Wissenschaftler war. „Wir wurden Teil der Reparationen, die die Alliierten in Jalta und Potsdam beschlossen hatten“, sagt Karl Breuninger. Sein Vater Helmut arbeitete bei „Askania“ an der Entwicklung von Flugzeugsteuerungen. Die sowjetischen Machthaber bedienten sich in der Besatzungszone an dem, was sie für nützlich hielten. Zum Beispiel bauten sie auf zweigleisigen Bahnstrecken Schienen ab und brachten sie in die UdSSR. Aber vor allem waren die Russen interessiert an dem Wissen der Deutschen in der Rüstungsindustrie. Etwa an Dr. Helmut Breuninger, der eine Art Autopilot entwickelte.

Am 3. November 1946 kamen die Breuningers mit anderen Familien in Kuibyschew an, das frühere und heutige Samara. Dort baute die Sowjetunion ihr Zentrum für die Entwicklung von Flugzeug- und Raketenantrieben auf. „Außer den zwei Zügen mit Askania-Mitarbeitern kamen noch zwei Züge von Junkers in Dessau und BMW in Staßfurt“, das weiß Karl Breuninger aus den Aufzeichnungen seines Vaters. 620 Akademiker und andere Fachleute, insgesamt 2500 Menschen. Neue Heimat: Sowjetunion.

An seine erste Zeit in Russland erinnert sich Karl Breuninger nur vage, an „die Landschaft, die Wolga und den Wolgastrand“. Sein Vater schrieb jede Woche einen Brief an Verwandte in Deutschland, als Lebenszeichen. Die Bedingungen waren anfangs nicht besonders: Die Familie hatte nur ein Zimmer, die Küche nutzte sie gemeinsam mit ihren Nachbarn. Als gut bezahlten Akademikern ging es ihnen noch relativ gut, Mechaniker und Laboranten hingegen konnten sich gerade so über Wasser halten. Dafür gab es für die deutschen Kinder eine eigene Schule. Und weil die Väter mittags mit ihren Familien essen wollten, wurde die Mittagspause in der russischen Firma auf anderthalb Stunden verlängert.

Als Kind mit Radl in der deutschen Siedlung bei Moskau.

1950 kam der erste Umzug der Breuningers, nach Kunzewo, dann Tuschino – beides ehemalige Vororte von Moskau, die inzwischen zur Stadt gehören. Weitere Experten aus Deutschland stießen dazu, die Askania-Leute bauten jetzt Flugsicherungssysteme, Raketen und Radar. In Tuschino wurde eine eigene Siedlung für die deutschen Spezialisten gebaut. Die Holzhäuser waren eine Reparationsleistung aus Finnland und Deutschland. An dieses Zuhause kann sich Karl Breuninger schon besser erinnern: Hier kam seine Schwester Emma zur Welt, am 1. September 1951 wurde er eingeschult. „Unsere Lehrer waren Sowjetbürger“, sagt er. Deutsch war die Unterrichtssprache, Russisch wurde als Fremdsprache gelehrt. „Die wollten, dass wir uns wohlfühlen“, glaubt Breuninger. Die Spezialisten sollten schließlich Leistung bringen.

Deshalb durften die verschleppten Wissenschaftler auch reisen – allerdings mit einem Begleiter. Der achtete darauf, dass man „nicht zu viel erzählte“, wenn man mit Fremden redete. Familie Breuninger machte einmal eine dreiwöchige Rundreise. Mit dem Schiff über Wolga und Oka, mit dem Flugzeug nach Stalingrad, mit dem Flussschiff nach Rostow am Don, mit der Eisenbahn nach Sotschi, mit dem Dampfer nach Jalta und mit dem Bus zurück nach Moskau. Breuninger sagt: „Mein Vater wollte kein Verkehrsmittel auslassen.“

Materiell ging es der Familie in Tuschino nicht schlecht – im Vergleich zu den Sowjetbürgern. Doch Karl Breuninger sagt: „Es war ein Leben im goldenen Käfig.“ Zu Weihnachten bekam er einen Berg von Geschenken, darunter ein kleiner Herd aus Edelstahl, den man mit Esbit oder Holz heizen konnte – ein befreundeter, ebenfalls verschleppter Experte hatte ihn extra für den kleinen Karl gebaut. Ein anderer schnitzte ihm aus einem Stück Brennholz ein Segelschiff, drauf sein Name „Karl“. Breuninger hat sie aufgehoben, auch den Schlitten aus Alu, den es damals in der Sowjetunion gab.

Beim Schlittenfahren.

Die Hoffnung auf eine Rückkehr nach Deutschland gab die Familie dennoch nie auf. Zum Beispiel Mitte der 50er-Jahre, als Konrad Adenauer nach Moskau reiste und die bevorstehende Freilassung aller deutschen Kriegsgefangenen verkündete. Die Siedlung der Spezialisten besuchte Adenauer nicht. Breuninger vermutet: „Uns hat es offiziell wohl gar nicht gegeben.“ Kriegsgefangene seien sie auch nicht gewesen, da sie ja „gezwungen worden sind, freiwillig in die UdSSR zu gehen“, sagt der sprachgewandte Germeringer, der neben Deutsch und Russisch auch Französisch, Englisch und Esperanto spricht. 1956 hieß es erneut, die Spezialisten würden bald entlassen werden – doch wieder wurde nichts daraus, im Gegenteil: Wer nach Westen wollte, sollte nach Suchumi in der Georgischen Sowjetrepublik verlegt werden. Ein Generalstreik, bei dem die Kinder sogar außerhalb der Siedlung Flugblätter verbreiteten, blieb ohne Konsequenzen. „Und dann bekam jede Familie einen Kühlschrank“, sagt Breuninger. Ein Kühlschrank war damals ein Luxusgut, damit sollten die Deutschen beruhigt werden – und dann wurden sie doch nach Suchumi verlagert.

Erst nach einer „Abkühlphase“, in der keine geheimen Projekte mehr bearbeitet wurden, konnte die Familie endlich nach Westdeutschland ausreisen. Karl Breuninger war damals zwölf. Im Sonderzug wurden die Spezialisten und ihre Angehörigen ohne Kontakt zur Bevölkerung durch die DDR gefahren – doch beim Grenzübertritt in Marienborn war die Sache bereits durchgesickert. „Mit einem Gefolge von Journalisten kamen wir nach Friedland. Und ich war damals sogar in der Wochenschau“, erzählt Breuninger. Dort, im südlichsten Zipfel Niedersachsens, startete ein neues Kapitel.

Seine Belobigungsurkunde samt Lenin- und Stalin-Porträts.

Der junge Karl wurde wieder mal eingeschult. Als er am ersten Tag nach seinen Noten gefragt wurde, sagte er, dass er im letzten Zeugnis „nur Fünfer“ hatte. Ein Scherz, denn in der UdSSR war das die beste Note. Nach dem Abitur studierte Breuninger in Stuttgart Physik und arbeitete dann bis 2002 bei Siemens in München in der Nachrichtentechnik. Bayern wurde seine neue Heimat – schließlich ist er sogar gebürtig von hier: Er kam zur Welt, als seine Eltern für einige Wochen dienstlich in Penzing bei Landsberg waren.

Doch seine alte Heimat in Russland hat ihn nicht ganz losgelassen. Seit 1994 engagiert er sich in der „Altenhilfe Moskau“, 2004 reiste er in die russische Hauptstadt und traf seine Lehrerin Sima Petrowna wieder – sie hatte ihm 1953 nach dem Fenstersprung den Tadel ins Jahrbuch geschrieben. Der junge Karli besserte sich als Schüler: Schon zwei Jahre später bekam er eine „Pochwalnaja gramota“ für sein vorbildliches Verhalten. Die Belobigungsurkunde schmücken Hammer und Sichel und die Porträts von Lenin und Stalin. Karl Breuninger hat auch sie aufgehoben.

von Alfred Schubert

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