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Heinrich Bedford-Strohm sprach von „unfassbaren Hasskommentaren“ im Netz.

Gedenken an Sophia L.

Trauerfeier für getötete Tramperin: Bischof verurteilt Reaktionen im Netz

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Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, hat den Hass in Sozialen Medien scharf kritisiert.

Update 01. August, 14.22 Uhr

Amberg - Bei dem Trauergottesdienst für die vor eineinhalb Monaten getötete Studentin Sophia L. sagte er am Mittwoch, dass es nach dem Verbrechen wegen des marokkanischen Verdächtigen „zu unfassbaren Hasskommentaren“ im Netz gekommen sei.

„Es ist schwer, diesen Hass auszuhalten. Es ist schwer, zu verstehen, wie Menschen in einer solchen Situation ohne jede Rücksicht auf die trauernden Angehörigen zu solchem Hass fähig sind“, sagte der Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern bei der Trauerfeier in der Paulanerkirche in Amberg. Sophias Vater war früher selbst einmal Pfarrer in dieser Kirche. Bedford-Strohm kennt Sophia noch als Studentin aus seiner Zeit als Professor der Universität Bamberg.

Update 31. Juli 2018, 16.36 Uhr

An der Trauerfeier im oberpfälzischen Amberg wird am Mittwoch auch Heinrich Bedford-Strohm, der Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und EKD-Ratsvorsitzende, teilnehmen. Er soll in der Amberger Paulanerkirche die Trauerrede halten. Sophias Vater war früher selbst einmal Pfarrer in dieser Kirche.

Die Familie hat mitgeteilt, dass die Trauerfeier nicht öffentlich sei. Freunde und Angehörige wollten ohne große Aufmerksamkeit der Studentin gedenken und haben die Medien gebeten, dies zu respektieren und von einer Teilnahme an der Trauerfeier abzusehen.

Die in Amberg geborene 28-Jährige wollte Mitte Juni von Leipzig nach Bayern trampen. Dabei soll sie nach den Ermittlungen von einem 41 Jahre alten Lastwagenfahrer mitgenommen und auf dem Weg in Oberfranken getötet worden sein. Die Leiche Sophias wurde Tage später in Spanien gefunden. Dort wurde auch der 41-jährige Marokkaner festgenommen. Die spanische Justiz hat der Auslieferung des Verdächtigen zugestimmt, der Mann wurde allerdings nach Angaben der Polizei noch nicht nach Deutschland gebracht. Auch die Leiche der Studentin wurde noch nicht für die Beisetzung freigegeben.

Ursprungsmeldung

Die traurige Gewissheit für die Familie der vermissten Tramperin Sophia L. kam am Freitag: Die 28-jährige gebürtige Ambergerin ist tot. Das bestätigte ein DNA-Abgleich. Die Familie der Verstorbenen nahm die Nachricht zum Anlass, auf dem Blog findsopphia.blog, auf dem sie ihre verzweifelte Suche nach der Leipziger Studentin vorangetrieben hatten, ein Statement zu posten. Der Adressat: Die Polizei. 

Ob Sophia bei einem schnelleren oder effektiveren Einschreiten der Ordnungshüter gerettet hätte werden können, bleibt für immer unklar. Doch Sophias trauernde Angehörige waren ganz und gar nicht einverstanden mit der Arbeitsweise der Behörden, und machten ihrem Unmut nun Luft. Ihr Ziel: Zukünftige Vermisstenmeldungen sollen anders gehandhabt werden als in ihrem Fall. „Wenn das nächste Mal tief besorgte Menschen zu Ihnen kommen und ihre Tochter als vermisst melden, weil ihr Verhalten dem Gewohnten nicht entspricht, dann wünschen wir uns, dass Sie diese Menschen sofort ernst nehmen und nicht mit Verletzungen reagieren“, heißt es auf der Website. Und weiter: „Und berufen Sie sich nicht auf Verordnungen, die es nicht gibt.“

Großer Vorwurf: Zu viel Zeit verschwendet

Die diensthabenden Behörden hätten viel zu viel Zeit verschwendet, so der Vorwurf: „Wenn das nächste Mal ein Mensch verschwunden ist und es von Anfang an völlig klar ist, dass ein Gewaltverbrechen vorliegen muss, dann streiten Sie sich bitte nicht tagelang mit sich selbst, welche Dienststelle zuständig ist. Wir wünschen uns ernsthafte polizeiliche Ermittlungen, warten Sie nicht, bis Freund*innen und Angehörige aus purer Verzweiflung alles selbst ermittelt haben.“

Der Tipp der Angehörigen lautet wie folgt: „Wenn das nächste Mal verzweifelte Menschen zu Ihnen kommen, dann sprechen Sie mit ihnen, informieren Sie sie und verschweigen Sie ihnen nichts. Sie vergrößern und verlängern ihr Leid nur unnötig. Bringen Sie das nächste Mal dem Opfer, seinen Angehörigen und Freund*innen einfach Ihre ganze Empathie und Ihr volles Engagement entgegen, auch wenn es gerade auf ein Wochenende zugeht.“

So reagiert die Polizei auf die Vorwürfe

Schwere Vorwürfe: Haben es Mitglieder der Polizei im Fall Sophia es zu langsam angehen lassen, weil sie ein entspanntes Wochenende haben wollten? Ein Pressesprecher der Polizei Bayreuth nimmt Stellung: „Die Vorwürfe sind uns bekannt, wir äußern uns aber als ermittelnde Behörde nicht“, sagte er. Zuvor war allerdings die Leipziger Polizei für den Fall zuständig. Die Merkur-Anfrage einer Stellungnahme an das Präsidium läuft.

Die Angehörigen schließen mit einer emotionalen Bitte: „Die Menschen würden Ihnen gerne vertrauen, enttäuschen Sie sie nicht wieder, lassen Sie sie das nächste Mal nicht alleine, folgen Sie Ihrem Motto ‚Dein Freund und Helfer‘.“

Sophias Bruder: „Haben auch wunderbare Polizisten kennengelernt“

Sophias Bruder stellte in einem Tweet klar, dass die Familie während der Suche auch „wunderbare Polizisten“ kennengelernt habe. Grundsätzlich aber gelte: „Mach deine Sache das nächste Mal viel besser, liebe Polizei! Empathie, Einsatz, Mitgefühl sind von Anfang an gefragt.“

Lesen Sie auch: „Hoffentlich wirst du auch weggemessert!“ - Bruder der Tramperin Sophia erhält Hassmails

Der Blogeintrag im Wortlaut

Sehr geehrte Polizei,

weil wir nicht wollen, dass es dem nächsten Opfer und seinen Angehörigen und Freund*innen so ergeht, wie es Sophia und uns mit Ihnen ergangen ist, haben wir ein paar aufrichtige und dringende Bitten an Sie:

Wenn das nächste Mal tief besorgte Menschen zu Ihnen kommen und ihre Tochter als vermisst melden, weil ihr Verhalten dem Gewohnten nicht entspricht, dann wünschen wir uns, dass Sie diese Menschen sofort ernst nehmen und nicht mit Verletzungen reagieren. Und berufen Sie sich nicht auf Verordnungen, die es nicht gibt.

Wenn das nächste Mal ein Mensch verschwunden ist und es von Anfang an völlig klar ist, dass ein Gewaltverbrechen vorliegen muss, dann streiten Sie sich bitte nicht tagelang mit sich selbst, welche Dienststelle zuständig ist. Wir wünschen uns ernsthafte polizeiliche Ermittlungen, warten Sie nicht, bis Freund*innen und Angehörige aus purer Verzweiflung alles selbst ermittelt haben.

Wenn das nächste Mal verzweifelte Menschen zu Ihnen kommen, dann sprechen Sie mit ihnen, informieren Sie sie und verschweigen Sie ihnen nichts. Sie vergrößern und verlängern ihr Leid nur unnötig.

Bringen Sie das nächste Mal dem Opfer, seinen Angehörigen und Freund*innen einfach Ihre ganze Empathie und Ihr volles Engagement entgegen, auch wenn es gerade auf ein Wochenende zugeht.

Liebe Polizei, die Menschen würden Ihnen gerne vertrauen, enttäuschen Sie sie nicht wieder, lassen Sie sie das nächste Mal nicht alleine, folgen Sie Ihrem Motto „Dein Freund und Helfer“,

Sophias Eltern, Eva Karpf, Klara Zeitz, Lukas Hohendorf, Andreas Lösche, Katharina Lösche

im Namen von Sophia, ihren Freund*innen und Angehörigen

Team #findSophia

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