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Ein Amoklauf an der Wirtschaftsschule Freising hätte eigentlich Herbert L. gegolten.

Ehemaliger Lehrer klagt

Ein Amoklauf als „Dienstunfall“

Freising - Der ehemalige Lehrer Herbert L. aus Freising sollte Opfer eines Amokläufers werden. Aber er war am Tattag krank. Am Donnerstag entscheidet sich, ob hier trotzdem ein „Dienstunfall“ vorliegt und L. in den Ruhestand versetzt werden kann.

Im Foyer der Staatlichen Wirtschaftsschule Freising rinnt fast lautlos Wasser aus einem Brunnen. Es ist der Gedenkbrunnen für Klaus Cislak, den Leiter der Staatlichen Wirtschaftsschule Freising, den der ehemalige Schüler Adam Labus im Februar 2002 erschoss. Wasser – es symbolisiert Leben, das einem Lehrer genommen wurde.

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Der heutige Schulleiter Werner Kusch stützt die Arme auf seinen runden Besprechungstisch und redet davon, endlich eine „normale Schule“ sein zu wollen. Aber der Amoklauf sei in Freising gut sieben Jahre danach „sehr präsent“. Der Gedenkgottesdienst jedes Jahr – sehr gut besucht. Das Kondolenzbuch, das nach dem Amoklauf von Winnenden in der Schule auflag – voll geschrieben. „Wir sind nicht gerade erbaut, immer wieder genannt zu werden“, sagt Kusch. Aber, setzt der Schulleiter hinzu, er wisse natürlich, dass die Geschichte seine Schule stets wieder einhole. Und er stelle sich dem. So war es nach Winnenden, so war es nach dem Fall in Ansbach, so ist es auch jetzt.

Herbert L. (64) war Lehrer an der Wirtschaftsschule. Der Attentäter hatte sich nach ihm erkundigt, denn L. war „mit seiner Notengebung daran beteiligt, dass Labus von der Schule flog“, sagt seine Anwältin Gabriele Schenk. Aber L. war krank an jenem 19. Februar 2002, und statt L. erschoss der 22-jährige Amokläufer dann Cislak. Oben im ersten Stock der Schule, wo heute an einer Gedenkwand ein Foto des ermordeten Schulleiters hängt, richtete er sich dann selbst.

L. sah sich danach nicht mehr in der Lage, weiterhin Lehrer zu sein. Er sieht den gescheiterten Angriff auf sich als „Dienstunfall“ und klagt. Bis heute ist L. in psychologischer Behandlung – posttraumatische Belastungsstörung. Und seit nunmehr sieben Jahren zieht sich das Verfahren hin. Es wird wohl am kommenden Donnerstag vor dem Leipziger Bundesverwaltungsgericht einen Abschluss finden. Ein schwieriger Fall.

Für einen Dienstunfall ist eigentlich Voraussetzung, dass sich der Geschädigte am Ort der Schädigung befindet. L. aber war nicht am Ort des Amoklaufs. Dennoch fühlt er sich im Sinne des Beamtenrechts so „angegriffen“, dass ein „Dienstunfallschaden“ vorliegt und er mit vollen Bezügen pensioniert werden sollte. Geht das überhaupt, ein „Angriff“ auf eine nicht anwesende Person? Dies möchte Anwältin Schenk endgültig klären, seit nunmehr sieben Jahren. „Es ist eine grundsätzliche Frage“, sagt sie. „Für jeden normalen Menschen ist klar, dass das ein Dienstunfall war.“ Nur nicht für die Gerichte. L. hat sich durch alle Instanzen geklagt, „dass das ein paar Jahre dauern wird, war meinem Mandanten bewusst“, erklärt die Anwältin. Er ist jetzt ein Beamter im Ruhestand, aber sein Ruhegehalt ist gekürzt. Erst lehnte das Landesamt für Finanzen ab, es gab Urteile beim Verwaltungsgericht und beim Bayerischen Verwaltungsgerichtshof, es gab nicht zugelassene Revisionen und erfolgreiche Beschwerden dagegen – ein Mammutverfahren.

Finanziell geht es um 200, vielleicht 300 Euro im Monat, aber für L. geht es wohl auch um Ehre. Immer, wenn sein Fall behandelt wurde, gab es anonyme Anfeindungen, sogar Morddrohungen. Es schwingt mit, dass L., der nach wie vor in Freising lebt und auch eine Fußballmannschaft mitbetreut, so berufsunfähig nicht sein könne, wie es immer heiße. Anwältin Schenk nennt das absurd. Der heutige Schulleiter Kusch ist L. nur einmal begegnet. Er dürfe das Verfahren nicht kommentieren, sagt er. Aber er wisse von weiteren Lehrern, die nach dem Amoklauf berufsunfähig wurden. Das Kollegium an der Wirtschaftsschule wurde nahezu komplett ausgetauscht – weniger als zehn der 66 Lehrer waren schon 2002 da. Und nicht alle der wenigen, die da blieben, hätten den Amoklauf „verarbeitet“.

Neben dem Gedenkbrunnen für Klaus Cislak liegen seit Schuljahresbeginn Kondolenzblätter für eine Schülerin auf, die bei einem Autounfall starb. Manche Worte hätten auch für Cislak Gültigkeit: „Wir haben dich nicht gekannt“, heißt es in einem Brief. „Aber wir trauern um Dich.“

von Dirk Walter

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