Diagnose da: So lange fehlt Müller dem FC Bayern

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Endlich Mieter: Tarik Nazemi hat für seine Familie ein halbes Jahr lang eine Wohnung gesucht. Nun hat die kleine Rona das erste Mal in ihrem Leben ein richtiges Zuhause.  

Angst vor der Obdachlosigkeit

Asylbewerber auf Wohnungssuche: unerwünscht

Garmisch-Partenkirchen/Weilheim/Dachau – In vielen bayerischen Asylbewerberunterkünften leben Flüchtlinge, deren Asylanträge längst anerkannt sind. Sie sollen ausziehen, finden aber keine Wohnung. Einige sind sogar obdachlos geworden.

Tarik Nazemi (Namen geändert) musste alles zurücklassen, als er vor zweieinhalb Jahren mit seiner Frau Ava aus Afghanistan flüchtete. Fast alles. Seine Zuversicht hat er nicht verloren. Er hat sie sich monatelang bewahrt. Egal, wie groß die Hürden waren, die er nehmen musste, um für sich und seine Familie ein neues Zuhause zu finden. Die letzte Hürde war die schwerste. Schwerer noch, als die fremde Sprache zu lernen, eine Ausbildungsstelle zu finden und die Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Tarik Nazemi war einer von mehr als 40 Flüchtlingen, die eigentlich schon lange aus den drei Sammelunterkünften im Kreis Garmisch-Partenkirchen ausziehen dürfen – und die seit Monaten auf Wohnungssuche sind.

Seit Anfang Januar hat der 26-Jährige Wohnungsanzeigen studiert – seit Anfang Januar bekam er Absagen. Obwohl er ein festes Einkommen hat, seit er in einem Autohaus einen Ausbildungsplatz bekommen hat. Und obwohl er etwas hatte, was fast noch wichtiger ist, wenn man in der Fremde ein neues Leben beginnen will: Tarik hat in Garmisch-Partenkirchen eine echte Freundin gefunden. Seine Sprach-Patin Helga Schneider. Sie heißt eigentlich anders, möchte aber nicht, dass ihr Name in der Zeitung steht. Weil das nicht ihre Geschichte ist, findet sie. Sondern die Geschichte einer Familie, die ihr in den vergangenen zwei Jahren richtig ans Herz gewachsen ist.

Damals hat sie Tarik und Ava dabei geholfen, Deutsch zu lernen. Dann hat sie die beiden zu Behörden begleitet, beim Formulareausfüllen geholfen – und nun hat sie monatelang alles getan, um einen Wohnungsbesitzer zu finden, der an Tarik, Ava und die kleine, in Deutschland geborene Rona vermietet. „Wenn ich Vermieter angerufen habe, wollten sie mich sofort auf die Bewerberliste setzen“, erzählt Helga Schneider. „Sobald ich gesagt habe, dass ich die Wohnung für eine Flüchtlingsfamilie suche, war niemand mehr bereit, zu vermieten.“ Das könne man den anderen Mietern nicht zumuten – diesen Satz hat die Garmischerin oft gehört. Und immer wieder hat er sie wütend gemacht. „Es gibt so viele Vorurteile“, sagt sie. Und so wenig Hilfe für Flüchtlinge auf Wohnungssuche. Auch das macht Helga Schneider wütend. „Alle sprechen von den überfüllten Erstaufnahmeeinrichtungen“, sagt sie. „Aber keiner fragt, wie es für die Menschen hier in Deutschland weitergeht, wenn sie eine Aufenthaltserlaubnis bekommen. Dann werden sie mit allen Problemen allein gelassen.“

Garmisch-Partenkirchen ist nicht der einzige Landkreis in Bayern, in dem viele Flüchtlinge mit anerkannten Asylanträgen seit Monaten vergeblich auf Wohnungssuche sind. In Behördensprache werden sie „Fremdbeleger“ genannt, sie blockieren Plätze für neue Asylbewerber in den Gemeinschaftsunterkünften. Plätze, die dringend vergeben werden müssten – denn bis Jahresende müssen die meisten Landkreise mit hunderten neuer Flüchtlinge rechnen.

„Es ist ein Teufelskreis“, sagt Alfred Honisch, Integrationsbeauftragter in Weilheim. Auch dort leben rund 50 Menschen in der Unterkunft, die keine Wohnung finden. Auch dort wird das Problem im Stadtrat immer wieder diskutiert – weil es mit den steigenden Flüchtlingszahlen immer größer wird. „Die Asylbewerber haben auf dem Wohnungsmarkt gegen andere Bewerber keine Chance“, sagt Honisch. „Sie sind auf sich selbst gestellt – und auf den guten Willen von Vermietern angewiesen.“ Eigentlich müssten in den meisten Landkreisen gezielt Sozialwohnungen für sie gebaut werden, sagt der Grünen-Stadtrat. Doch dagegen gibt es in der Bevölkerung oft Widerstand. Honisch hat sich in vielen Landkreisen umgehört und Konzepte gelesen – und er hat festgestellt: Niemand weiß, wie das Problem zu lösen ist.

Anna Binder ist ehrenamtliche Helferin beim Arbeitskreis Asyl in Dachau. Jedes Mal, wenn sie die Unterkunft besucht, wird sie gefragt, ob sie bei der Wohnungssuche helfen kann. Sie kann fast nie helfen. „Es gibt zu viele Bewerber auf dem Wohnungsmarkt“, sagt sie. Einmal hat Anna Binder es schon erlebt, dass eine Frau aus der Gemeinschaftunterkunft in ein Obdachlosenheim ziehen musste, weil sie keine neue Bleibe fand. In Garmisch-Partenkirchen gab es vor kurzem einen ähnlichen Fall. Der Regierung von Oberbayern ist nicht bekannt, dass anerkannte Asylbewerber obdachlos geworden sind, sagt ein Sprecher auf Nachfrage. Aber er betont auch: Die Regierung ist nicht mehr zuständig, sobald die Flüchtlinge Aufenthaltsrecht bekommen haben. Sie bekommen dann Sozialleistungen – aber keine staatliche Unterstützung bei der Wohnungssuche. Das übernehmen vor allem Sozialverbände und Ehrenamtliche. Menschen wie Helga Schneider, die nachts nicht mehr schlafen könnten, wenn sie nicht helfen würden.

„Ich habe die Makler und Wohnungsbaugesellschaften so lange mit meinen Anrufen genervt, bis wir einen Besichtigungstermin hatten“, erzählt sie. Und es hat geklappt: Anfang Juli – nach einem halben Jahr – hat Tarik Nazemi einen Mietvertrag für eine Wohnung in Garmisch-Partenkirchen unterschrieben. Vor drei Wochen ist die Familie eingezogen. Der 26-Jährige besitzt das erste Mal seit Jahren wieder einen Haustürschlüssel. Endlich fühlt es sich nach einem neuen Leben an, erzählt er.

Auf seinem Weg zur Arbeit sieht er jeden Tag die Berge, sie erinnern ihn an seine alte Heimat Afghanistan. Diesen kurzen Moment Heimweh lässt Tarik Nazemi jeden Tag zu. Dann geht er weiter. Zur Arbeit – und seinem nächsten Ziel entgegen: der Festanstellung. Tarik ist zuversichtlich, dass er das schafft. Seine Zuversicht hat ihm bisher über jede Hürde geholfen.

Von Katrin Woitsch

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