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Die Obdachlosigkeit droht vielen Flüchtlingen. Sie finden nach der Anerkennung keine bezahlbare Wohnung.

Wohnungsnot

Vielen Flüchtlingen droht die Obdachlosigkeit

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München - Durch die beschleunigten Asylverfahren drängen immer mehr Menschen auf den sowieso schon angespannten Wohnungsmarkt. Die meisten Städte und Gemeinden sind darauf noch nicht vorbereitet.

Christina Fürst ist eigentlich ständig auf Wohnungssuche. Das hängt mit ihrem Engagement im Asylhelferkreis in Olching (Kreis Fürstenfeldbruck) zusammen. Und damit, dass immer mehr Flüchtlinge in ihrer Gemeinde leben, die anerkannt sind und längst aus ihrer Unterkunft ausziehen dürften – wenn sie eine Wohnung finden würden. „Momentan sind in Olching etwa 120 anerkannte Flüchtlinge in dieser Situation“, sagt Fürst. Die meisten von ihnen sprechen noch nicht gut genug Deutsch, um selbst auf Wohnungssuche gehen zu können. Und selbst wenn es die sprachlichen Probleme nicht gäbe, hätten sie kaum Chancen, sagt Fürst. Sie hat oft Ausflüchte von Vermietern gehört, wenn sie sagte, dass sie die Wohnung für eine Flüchtlingsfamilie suche. Viele fürchten, dass die Miete nicht gezahlt wird, vermutet Fürst. Eine unbegründete Sorge. Die Miete wird erstmal vom Jobcenter übernommen, bis die Menschen Arbeit gefunden haben und auf eigenen Beinen stehen können.

Doch ohne Unterstützung schaffen die meisten Flüchtlinge den Schritt in die Selbstständigkeit nicht. Vielen droht nach der Anerkennung sogar die Obdachlosigkeit. Sie dürfen zwar in der Regel noch bis zu einem Jahr in den staatlichen Unterkünften bleiben, doch die Situation auf dem Wohnungsmarkt verschärft sich durch die steigenden Asylbewerberzahlen und die beschleunigten Verfahren immer mehr – besonders in den Städten. Und auch die Plätze in den Unterkünften werden dringend für neue Flüchtlinge gebraucht. Sobald die Asylbewerber anerkannt sind, sind nicht mehr der Landkreis, sondern die Städte und Gemeinden zuständig. Und die finden oft keine anderen Unterbringungsmöglichkeiten als in Obdachlosenunterkünften.

„Besonders in den Städten gibt es kaum noch Wohnraum“, sagt Thomas Duschinger, der die Wohnungslosenhilfe für München und Oberbayern koordiniert. Der Wohnungsmarkt ist bereits angespannt. Und die Situation spitzt sich immer mehr zu. Die Anerkennungsquote für Flüchtlinge liegt momentan bei etwa 40 Prozent. „Aber die meisten Wohnungen sind für Flüchtlinge nicht bezahlbar“, sagt Duschinger. Für sie gibt es kaum Möglichkeiten. Und bisher, sagt er, sei gegen dieses Problem noch viel zu wenig unternommen worden.

Jeder zehnte Flüchtlinge dürfte ausziehen, findet aber keine Wohnunt

Vor einigen Monaten hat die Staatsregierung einen Wohnungspakt Bayern beschlossen. Bis 2019 sollen 28 000 staatlich finanzierte oder geförderte Mietwohnungen geschaffen werden. Die dafür bereitgestellten Fördermittel von 2,6 Milliarden Euro reichen aber weitem nicht aus, kritisierte Ulrich Maly (SPD), der Vorsitzende des Bayerischen Städtetags und Nürnberger Oberbürgermeister. Er fordert ein Präventionsprogramm gegen Obdachlosigkeit.

Aktuell gibt es in den oberbayerischen Unterbringungseinrichtungen etwa 1500 sogenannte Fehlbeleger – Flüchtlinge, die ausziehen dürfen, aber keine Wohnung finden. Das ist etwa jeder zehnte Bewohner. Dazu kommt, dass Flüchtlinge nach der Anerkennung das Recht haben, ihre Familien nachzuholen. In Landsberg am Lech gab es diese Fälle bereits. Noch konnten dort alle Flüchtlinge untergebracht werden. Aber Bürgermeister Mathias Neuner (CSU) ist Realist genug, um zu wissen, dass das immer schwieriger werden wird. Deshalb hat sein Stadtrat bereits beschlossen, ein neues Obdachlosenheim zu bauen und zusätzlich Container aufzustellen. Nicht nur für anerkannte Flüchtlinge – für alle Menschen, die keine Wohnung finden oder bezahlen können. „Es ist sehr wichtig, keine Unterschiede zu machen“, findet Neuner. Um den sozialen Frieden nicht zu gefährden. Doreen Höltl sieht das ähnlich. Sie ist im Fürstenfeldbrucker Rathaus für Obdachlose zuständig. Auch dort werden alle Wohnungssuchenden gleich behandelt – als „Fürstenfeldbrucker Bürger“, betont sie.

In Fürstenfeldbruck hat man schon vor einem Jahr auf das drohende Wohnungsproblem reagiert und ein Projekt gestartet. Dort mietet die Stadt für Personen, denen die Obdachlosigkeit droht, Wohnungen an. Befristet auf ein oder zwei Jahre. Damit hat die Stadt bisher nur gute Erfahrungen gemacht, berichtet Höltl: „Wenn das Mietverhältnis positiv verläuft, stehen die Chancen gut, dass der Mietvertrag danach auf den Namen der Bewohner abgeschlossen wird.“

Katrin Woitsch

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