Marinela sitzt auf einem Stuhl und lächelt in die Kamera
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Die unbezahlbare Marinela: Die 53-jährige Rumänin arbeitet seit sechs Jahren in Deutschland. Und fürchtet, dass sie nach dem Mindestlohn-Urteil nun keine Einsätze mehr bekommt.

„Häusliche Pflege kann sich niemand mehr leisten“

Angst vor dem Pflege-Schwarzmarkt: Rumänische Helfer fürchten nach Mindestlohn-Urteil um ihre Einsätze

  • Katrin Woitsch
    VonKatrin Woitsch
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Das Bundesarbeitsgericht hat vor Kurzem entschieden, dass ausländischen Pflegekräften und Haushaltshilfen ein Mindestlohn zusteht. Doch nicht alle osteuropäischen Frauen sind dankbar für dieses Urteil. Einige fürchten, deshalb bald gar keine Arbeit mehr zu haben – weil sich keine Familie mehr die Pflege leisten kann.

Marinela ist Rumänin. Und ausgebildete Krankenschwester mit Zusatzqualifikationen. Seit sechs Jahren arbeitet sie in Deutschland als Haushaltshilfe, unterstützt Angehörige bei der Pflege. Nicht jeder Einsatz ist schön, sagt sie. Manche sind härter als andere. Manchmal sind die Nächte kurz und die Tage lang. Manchmal wird sie während eines Einsatzes zu einer Art Familienmitglied und der Abschied fällt schwer. Eines aber haben alle Einsätze gemeinsam: „In Rumänien würde ich in meinem Beruf nie so viel verdienen“, sagt die 53-Jährige. So denken auch viele ihrer Kolleginnen. „Sie können ihren Kindern dank der Arbeit in Deutschland eine gute Ausbildung ermöglichen.“ Drei Monate arbeitet Marinela in Bayern, dann ist sie drei Monate in Rumänien und lebt dort von dem, was sie verdient hat. Sie ist mit diesem Leben glücklich, sagt sie. Sie liebt ihren Beruf – auch an den anstrengenden Tagen.

So zufrieden wie sie sind nicht alle osteuropäischen Helferinnen. Eine Bulgarin, die nach eigenen Angaben rund um die Uhr eine 90-jährige Seniorin gepflegt hatte, war vor das Bundesarbeitsgericht gezogen – und hatte dort Recht bekommen. Die Richter entschieden, dass ihr ein Mindestlohn zusteht – auch für die Bereitschaftszeiten (wir berichteten). Es ist ein Grundsatzurteil – mit gravierenden Folgen.

Als Marinela davon erfuhr, bekam sie Angst. „Spinnt die?“, habe sie im ersten Moment gedacht, erzählt sie. Denn eine 24-Stunden-Pflege nach Mindestlohn ist für kaum eine Familie bezahlbar. Dann wären bei Acht-Stunden-Tagen mit Fünf- oder Sechs-Tage-Wochen drei bis vier Kräfte nötig. Alle müssten bei der Familie untergebracht und verpflegt werden. Und nur für die Pflege würden schnell 10 000 Euro monatlich zusammen kommen. Für viele Familien wäre die einzige Möglichkeit, sich häusliche Pflege noch leisten zu können, osteuropäische Kräfte auf dem Schwarzmarkt einzustellen, fürchtet Marinela. Und für diese Kräfte sind die Arbeitsbedingungen deutlich schlechter, als für die Kräfte, die wie Marinela von Agenturen vermittelt werden.

Ich verdiene in Deutschland viel mehr, als ich in Rumänien verdienen könnte. Dort sind die Arbeitsbedingungen viel härter.

Marinela

Zwar sind ihre Arbeitstage oft länger als acht Stunden, berichtet sie. Aber sie kann selbst entscheiden, ob  die Rahmenbedingungen so sind, dass sie den Einsatz übernehmen möchte. Gibt es Probleme mit einer Familie, kann sie sich an ihre Chefin wenden, die Agentur vermittelt ihr dann  einen neuen Einsatz und kümmert sich um alles. Auch mit ihrem bisherigen Verdienst war Marinela zufrieden, sagt sie. „Es ist so viel mehr, als ich in Rumänien verdienen könnte.“ Dort möchte sie nicht mehr arbeiten, sagt sie. „Die Bedingungen sind viel härter – für sehr wenig Geld.“ Wie viele ihrer Kolleginnen fürchtet sie, dass sie sich bald zwischen Schwarzarbeit oder Arbeit in Rumänien entscheiden muss, wenn ihre Agentur keine Aufträge mehr für sie hat. „Aber es gibt auch andere Stimmen“, sagt sie. „Einige haben sich gefreut, als sie von dem Urteil erfahren haben.“ Marinela glaubt, dass sie die Folgen nicht einkalkuliert haben.

Vermittelt wird Marinela bei ihren Einsätzen von der Augsburger Agenur Vis-à-Vis. Jan Roth, der das Unternehmen mit seiner Mutter führt, berichtet, dass die Arbeitsverträge schon vor einigen Monaten angepasst wurden. „Seit das Urteil in erster Instanz fiel.“ Die Arbeitszeit der Kräfte ist auf maximal 44 Stunden pro Woche beschränkt. „In der Realität ist sie natürlich oft höher – aber die Frauen entscheiden selbst, welche Bedingungen für sie in Ordnung sind. Und die Arbeitszeit und das Leistungssprektrum wird mit den Kunden explizit besprochen.“ Auch wenn die Agentur die Preise zunächst nicht ändern wird (das Urteil ist richtungsweisend, aber noch keine Gesetzesänderung), werden auf die Familien höhere Kosten zukommen, erklärt Roth. Weil mehr Helfer eingesetzt werden müssen, um die Arbeitszeiten einzuhalten. „Leisten kann sich das vermutlich keiner“, sagt auch Roth.

Seine Agentur arbeitet bereits mit selbstständigen Betreuungskräften. Sie können unterstützend angefordert werden, die Agentur vermittelt sie genau wie die festangestellten Kräfte. Nur gelten für sie keine Mindestlohn- und Arbeitszeitregelungen. Auch andere Dienstleister kann die Agentur hinzuziehen, um Familien zu entlasten, erklärt Roth. „Wir bemühen uns, für jede Situation Lösungen zu finden“, sagt er.

Österreich arbeitet bereits seit 14 Jahren mit selbstständigen Kräften als Unterstützung für die Frauen aus Osteuropa. Sie haben keinen Anspruch auf Überstunden, werden aber versichert und angemeldet, es gibt dafür Subventionen vom Staat, erklärt Roth, der auch im Vorstand des Bundesverbandes für häusliche Betreuung und Pflege (VHBP) sitzt. „In Deutschland hat die Politik bisher die Augen vor dem Problem verschlossen“, sagt er. Das Urteil zum Mindestlohn erhöhe nun den Druck, im Pflegesystem etwas zu verändern.

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