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Ein Flugzeug beim Starten – deutlich sichtbar ist die Abgaswolke, die die Startbahn-Gegner sorgt.

Wie gefährlich ist Ultra-Feinstaub?

Angst vor einem unsichtbaren Killer

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Der Feind ist winzig klein, schleicht sich in die Blutbahn und vielleicht sogar ins Gehirn: Die Konzentration von Ultrafeinstaub-Partikeln soll an Flughäfen besonders hoch sein, argwöhnen die Startbahn-Gegner. Noch aber gibt es viel Klärungsbedarf.

München – Mit dem Messgerät P-Trak 8525 ist Reinhard Kendlbacher der schleichenden Gefahr auf der Spur: Zusammen mit seinen Freunden Oswald Rottmann und Wolfgang Herrmann vom Bürgerverein Freising ist er seit dem Frühjahr häufig auf Messfahrt unterwegs. Er klemmt einen Schlauch in das einen Spalt weit runtergelassene Fenster auf der Beifahrerseite, dann filtert P-Trak 8525 die Luft rund um den Flughafen. „Wir haben eine eigene Route ausgearbeitet“, sagt Wolfgang Herrmann. Über 80 Mal waren die vom Bürgerverein schon unterwegs. Bis zu zwei Stunden wird gemessen.

Das Ergebnis dokumentiert der Verein fein säuberlich in Excel-Tabellen und Karten, mit Ergebnissen, die alarmierend klingen: Demnach ist in der Umgebung des Flughafens die Konzentration von Ultra-Feinstaub drastisch, um das 32-Fache, erhöht. In Freising gab es bis zu 14-fach erhöhte Werte, bis zu 48 000 Teilchen je Kubikzentimeter Luft – wenn man eine Normal-Konzentration von 3500 Partikeln je Kubikzentimeter unterstellt. Mit diesen Werten bereichert der Verein die Diskussion um die dritte Startbahn um eine neue Facette: Nicht mehr nur die Zahl der Flüge, der Verlust von Wiesenbrütern oder der Fluglärm stehen neuerdings im Mittelpunkt der Debatte, sondern ein unsichtbares Teilchen mit Killer-Potenzial: UFP – Ultra-Feinstaub-Partikel.

Reinhard Kendlbacher vom Bürgerverein Freising, der bei einer Veranstaltung der Startbahn-Gegner das Messgerät P-Trak 8525 vorstellte.

Staub ist nach verschiedenen Größen klassifiziert: Ein Partikel des aus der Diesel-Abgasdiskussion bekannten Feinstaubs – definiert als PM (particulate matter) 10 – ist hundert Mal größer als ein Ultrafeiner Partikel, der die Startbahn-Gegner so sorgt. Ein Problem: Obwohl in vieler Munde, wird UFP mit amtlichen Messstationen nicht erfasst, wie das Bayerische Landesamt für Umwelt in Augsburg erklärt. An den amtlichen Luftgütestationen würden nur Schadstoffe gemessen, für die in der Bundesimmissionsschutz-Verordnung Grenzwerte genannt sind – UFP gehört nicht dazu. „Das Thema ist einfach noch nicht wissenschaftlich erforscht“, vermutet der Pressesprecher.

„Die ultrafeinen Partikel gelangen über Nase und Lunge bis ins Gehirn“

Der Bürgerverein Freising warnt indes schon vor drastischen Gesundheitsgefahren: „Die ultrafeinen Partikel gelangen über Nase und Lunge bis ins Gehirn“, heißt es in einer Präsentation, die der Verein für Vorträge verwendet: Aufgrund der geringen Größe könnten sie tief in feinste Lungenbläschen und sogar ins Blut diffundieren. Da den Partikeln Schadstoffe aus der Kerosin-Verbrennung wie etwa Aromate, Aldehyde oder halogenierte Kohlenwasserstoffe anhafteten, seien die Folgen auch für Laien leicht auszumalen : Gesundheitsrisiken und Krankheiten aller Art – Bluthochdruck, Schlaganfall, Bronchitis, Atemwegserkrankungen bis hin zu COPD, was für chronisch obstruktive Lungenerkrankung steht. Sogar Lungenkrebs und Leukämie listen die Startbahn-Gegner als mögliche Folgen der UFP-Stäube auf.

Barbara Hoffmann ist Professorin am Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität Düsseldorf. Auch sie hat schon gehört, dass Fluglärmgegner jetzt selbst Messungen veranstalten, auch vor ihrer Haustür am Düsseldorfer Airport. Sie hält das aber nicht für besonders aussagekräftig. „Meist sind sie nicht besonders systematisch ausgelegt“, sagt sie. Eine gut durchdachte, systematische Messkampagne sei „nicht trivial“. Ähnliche Meinungen waren beim jüngsten Treffen der Münchner Fluglärmkommission im Juli zu hören – Messungen seien aufwändig und erforderten Expertenwissen.

Erhöhte UFP-Konzentrationen noch in kilometerweiter Entfernung

Freilich bestehe Klärungsbedarf, betont die Medizinerin Hoffmann. Erste Untersuchungen zu den Flughäfen Los Angeles und Amsterdam zeigten, dass es noch in kilometerweiter Entfernung erhöhte UFP-Konzentrationen gebe. Es gebe auch „deutliche Hinweise“, dass die UFP „sehr toxisch“ seien – stärker als Feinstäube mit größeren Durchmessern. Dazu gebe es Experimente an Zellen und Tieren, aber keine Langzeitstudie unter Menschen, „und das ist eine große Lücke“. Auch die Medizinerin Alexandra Schneider vom Helmholtz-Zentrum München rät zur Vorsicht. Belastungen seien aber wahrscheinlich. Die Freisinger Lungenfachärztin Adelheid Bisping-Arnold geht mindestens zwei Schritte weiter. Sie sieht, wie sie in einem Vortrag beim Bürgerverein betonte, UFP als Auslöser für tödliche Krankheiten bis hin zu Gehirntumoren.

Zumindest in einem Teilbereich, dem der Verbreitung, könnte eine Forschung des Umweltbundesamtes Klarheit bringen: „Ultra-Feinstäube im Umfeld großer Flughäfen“ lautet der Arbeitstitel einer Studie, die 2018 erscheinen soll. Das UBA hat seine Unterabteilung II 4.4. („Experimentelle Untersuchungen zur Luftgüte“) auf das Thema angesetzt. „Wir untersuchen, ob der Flugverkehr zusätzlichen Einfluss auf Ultra-Feinstaub-Verbreitung hat“, sagt Abteilungsleiter Klaus Wirtz. Rund um den Flughafen Frankfurt gibt es dazu Messstationen. Die Forscher messen auch Windrichtungen und -stärke und berücksichtigen Wetterdaten. Diese Studie will auch der Flughafen München abwarten, der die Messungen des Bürgervereins mit unverhohlener Skepsis betrachtet („Arbeit von Laien“). Vorerst gebe es „keine anerkannten Messverfahren und keine Grenzwerte“, warnt Flughafen-Sprecher Horst Jahnke.

Der Bürgerverein, der sein Messgerät mithilfe eines Zuschusses der Stadt Freising gekauft hat, will derweil weitermessen. Derzeit werden Spenden gesammelt, um ein Gerät zu kaufen, das noch feinere Stäube messen kann. Auch die Gemeinde Hallbergmoos will mehr Klarheit zu UFP. „Wir werden auf jeden Fall ein Gerät anschaffen“, sagt der Zweite Bürgermeister Josef Niedermair (CSU), eventuell zusammen mit der Nachbargemeinde Neufahrn. Der Flughafen München erhielt ein Schreiben, dass er die Kosten übernehmen solle.

Dirk Walter

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