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Polizeibeamte untersuchen am Tatort nahe Ansbach Spuren.

Tag des Schreckens in Mittelfranken

Amoklauf bei Ansbach gibt noch viele Rätsel auf

Leutershausen- Ein 47-Jähriger aus Ansbach erschießt in einem Dorf willkürlich zwei Menschen und feuert mit einem Revolver wahllos in der Gegend herum. Dann kann er unter dramatischen Umständen festgenommen werden. Der schockierende Amoklauf gibt noch viele Rätsel auf.

Freitag, kurz vor 12 Uhr: Der Ansbacher Bernd G. hat zwei Menschen erschossen, auf andere Passanten im kleinen Dorf Leutershausen wahllos Schüsse abgefeuert, und ist dann 30 Kilometer Richtung Norden gefahren. An einer Esso-Tankstelle in Bad Windsheim stoppt er. Bernd G. betritt den Verkaufsraum, fuchtelt mit einer Waffe herum. Dann legt er die Waffe kurz auf dem Tresen ab – und diesen Moment nutzt eine beherzte Tankstellen-Mitarbeiterin.

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Sie nimmt die Waffe kurzerhand an sich. Dann will G. offenbar fliehen, er verlässt den Verkaufsraum. Doch er wird überwältigt, „von zwei mutigen Mechanikern“, wie Mittelfrankens Polizeivizepräsident Roman Fertinger sagt. Sie stürzen sich auf ihn, fesseln ihn mit Kabelbindern. Sie sind die Helden des Tages. Das Ende eines Amoklaufs, der nur mit Glück nicht noch mehr Opfer gefordert hat.

Begonnen hat es zwei Stunden zuvor. Um 10.02 Uhr wird die Polizei über die erste Bluttat in Tiefenthal informiert. Tiefenthal hat nur 80 Einwohner, es ist ein kleines Dorf, das zu Leutershausen im Kreis Ansbach gehört. Dort steht am Vormittag eine 82 Jahre alte Frau vor ihrem Haus. Anna A. ist im Ort gut bekannt, wie Bürgermeister Siegfried Heß sagt. Im Oktober hätte sie mit ihrem Mann Goldene Hochzeit gefeiert. Dann kommt Bernd G. vorbei. Er kennt die Frau nicht. Warum er von Ansbach mit dem Mercedes Cabrio seines Vaters gerade nach Tiefenthal gefahren ist, weiß die Polizei gestern noch nicht. Fest steht, dass G. die 82-Jährige auf offener Straße vor ihrer Haustür erschießt und dann einfach weiterfährt.

Die Polizei ruft per Rundfunk zur Fahndung auf, warnt vor einem bewaffneten Täter in dem Auto mit dem Kennzeichen AN-W 129. Doch schon um 10.10 Uhr läuft bei der Polizei die nächste Alarmmeldung über eine weitere Bluttat ein. Bei Schloss Rammersdorf, das ebenfalls zu Leutershausen gehört, ist ein Radfahrer auf der Straße erschossen worden. Er ist 72 Jahre alt – und war G. ebenfalls völlig unbekannt. „Es muss von Zufallsopfern ausgegangen werden“, sagt später der Leitende Oberstaatsanwalt Gerhard Neuhof. „Es liegen keine Erkenntnisse über irgendwelche Gesprächskontakte zwischen Opfer und Täter vor.“ Es sei „von einem Amoklauf auszugehen“, sagt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann, bei einer Pressekonferenz am Freitagnachmittag im Ansbacher Landratsamt.

Der Täter lebte allein, war Altenpfleger in Bad Windsheim

Über den Täter kann die Polizei dabei wenig mitteilen: Er ist bisher nicht polizeibekannt und war auch – soweit bekannt – nicht in psychiatrischer Behandlung. Er lebte laut „tz“ allein in einer Drei-Zimmer-Wohnung, war Altenpfleger in Bad Windsheim. „Ich hatte den Eindruck, er könnte mit seinen Aufgaben überfordert sein“, sagt eine Kollegin gegenüber der „tz“. Bernd G. ist Sportschütze, besaß legal zwei großkalibrige Kurzwaffen, einen Revolver und eine Pistole. Er hatte eine Waffenbesitzkarte, aber keinen Waffenschein – letzteres wäre nötig, um die Schusswaffen öffentlich zu tragen.

An diesem Freitagvormittag hat G. mindestens eine Waffe im Wagen. Nach den beiden Morden fährt er noch weiter in der Gegend herum, mittlerweile gejagt von der Polizei, die noch weitere verstörende Meldungen erhält. Um 10.45 Uhr läuft die Nachricht ein, dass G. im nahen Binzwangen (nördlich von Leutershausen) einen Landwirt beschossen hat, aber nur die Scheibe seines Traktors trifft. Der Mann wird durch Glassplitter leicht verletzt. Die Tat wird als versuchter Mord eingestuft. Ein weiterer Autofahrer wird bedroht. Jetzt suchen auch vier Polizeihubschrauber, mehrere Diensthundeführer und Bereitschaftspolizisten nach dem Mann. Um 11 Uhr heißt es, ein Haus in Leutershausen sei beschossen worden.

Um 11.48 Uhr ist die Amokfahrt des Ansbachers fast zu Ende. Ein Tankstellen-Mitarbeiter hat die Warnung vor dem Amokläufer im Radio gehört, er erkennt das Kennzeichen, als der silbergraue Mercedes Cabrio auf das Gelände der Tankstelle einbiegt, laut „Windsheimer Zeitung“ warnt er mit dem Ruf „Vorsicht, Überfall“ seine Kollegen. G. kann überwältigt werden. Polizisten der Inspektion Bad Windsheim, die kurz darauf eintreffen, verhaften ihn. Schon auf der Fahrt zur Kriminalpolizei Ansbach „äußert er sich reichlich wirr, psychisch auffällig“, wie Staatsanwalt Neuhof berichtet. Das ist auch der Grund, warum der Mann noch am Freitag von einem psychiatrischen Gutachter untersucht wird. Er soll entscheiden, ob der Täter in die Psychiatrie oder in Untersuchungshaft kommt.

In Leutershausen ist die Welt aus den Fugen. „Die Anwohner sind schwer verstört“, berichtet Landrat Jürgen Ludwig. Bürgermeister Siegfried Heß hat beide Tatorte besucht. „Am ersten habe ich eine völlig verstörte Familie angetroffen. Wir in Leutershausen sind total schockiert. Das wirft uns komplett aus der Bahn.“ 

dw/ahi/mc/lby

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