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Arzt Dieter K. wurde nach Frankreich entführt 

Unglaublicher Fall von Selbstjustiz

Tochter tot - Vater lässt Arzt ins Ausland entführen

Lindau - Im Landkreis Lindau ist ein 74-jähriger Arzt entführt und nach Frankreich verschleppt worden. Der Fall ist ein einzigartiges Beispiel für die Selbstjustiz eines verzweifelten Vaters.

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Kosovare gesteht Entführung des Arztes

Der Notruf ging am Samstagabend gegen Mitternacht ein. Ein Zeuge meldete der Lindauer Polizei, dass er massive Blutspuren und Gegenstände wie eine Brille mitten auf der Straße vor einem Haus entdeckt habe. Die Ermittler stellten schnell fest, dass der 74-jährige Dieter K. aus dem Haus verschwunden war, ein alleinstehender pensionierter Arzt. Er war offensichtlich auf offener Straße entführt worden – es könnte das Ende eines Kriminalfalls sein, der im Jahr 1982 begann.

Kalinka, die 15-Jährige, die nach Ansicht ihres Vaters umgebracht wurde.

Damals lebte bei Dieter K. die 15-jährige Kalinka, die seine damalige französische Frau – Dieter K. war insgesamt vier Mal verheiratet – mit in die Ehe gebracht hatte. Eines Tages wurde das Mädchen tot im Haus entdeckt, mit Einstichen aus einer Spritze übersät. Angeblich ein Eisenpräparat zur Bräunung. Offizielle Todesursache war Ersticken nach einem Schock, Dieter K. stand schnell unter Verdacht. Vor allem der leibliche Vater von Kalinka, Andre B., war von der Schuld des Mannes überzeugt. Nachdem die Ermittlungen wegen vorsätzlicher Tötung im Februar 1986 eingestellt wurden, legte er Beschwerde ein und startete nach einer Niederlage sogar ein Klageerzwingungsverfahren – vergebens.

In Frankreich hatte Andre B. mehr Erfolg. Das Schwurgericht in Paris verurteilte Dieter K. 1995 in Abwesenheit zu 15 Jahren Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Doch Folgen hatte das zunächst nicht. Als die französische Justiz im Mai 2003 die Strafverfolgung übernehmen wollte, wurde der Fall von der Staatsanwaltschaft Kempten erneut überprüft, mit zusätzlichen Unterlagen aus Frankreich – und im April 2004 wieder eingestellt. Als Frankreich darauf einen europäischen Haftbefehl erwirkte und die Auslieferung von Dieter K. forderte, lehnte Deutschland ab: Man war schließlich von der Unschuld von Dieter K. überzeugt.

Doch Andre B. gab nicht auf. Er ließ sich frühpensionieren und war wie besessen davon, den mutmaßlichen Mörder seiner Tochter ins Gefängnis zu bringen. „Er ist ein pervertierter Sextäter, der eine Gefahr für die Gesellschaft darstellt“, sagte Andre B. über Dieter K. Er ist überzeugt, dass Kalinka sterben musste, weil der Stiefvater sie zuvor vergewaltigt hatte.

So ganz abwegig war der Gedanke nicht, schließlich hatte sich Dieter K. zwischendurch tatsächlich als Sextäter erwiesen. Der Frauenarzt hatte eine 16-Jährige missbraucht, als sie unter Narkose stand, und wurde dafür 1997 vom Landgericht Kempten zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe sowie einem Berufsverbot verurteilt. Weil er in den folgenden Jahren trotzdem weiter in zahlreichen Bundesländern praktizierte und dafür 300 000 Euro kassierte, wurde Dieter K. im Juli 2007 vom Landgericht Coburg wegen Betrugs zu zwei Jahren und vier Monaten Haft verurteilt. In dem Prozess hatten Patientinnen und Krankenschwestern erneut von sexuellen Belästigungen berichtet. Einer hörte genau zu: Andre B., der den Prozess mitverfolgte.

Ob er damals schon den Plan ausgeheckt hat, den Tod seiner Tochter mit einem perfiden Plan zu rächen? Dieter K. zu entführen und ihn nach Frankreich zu verschleppen, um ihn der dortigen Gerichtsbarkeit auszusetzen? Denn genau das ist offenbar passiert, bestätigt der Kemptener Polizeisprecher Markus Asbach: „So kann man das ausdrücken.“ Nur einen Tag nach der Entführung vergangenen Samstag kam die Nachricht, dass Dieter K. gefesselt und geknebelt in Mühlhausen im Elsaß abgelegt worden war – in einem Hauseingang ganz in der Nähe des Gerichts, gleich hinter der deutschen Grenze.

Bei ihrer Fahndung wurden die deutschen Ermittler in Zusammenarbeit mit österreichischen Kollegen schnell fündig. Ein aus dem Kosovo stammender 38-Jähriger stellte sich selbst und gestand seine Beteiligung an der Entführung, an der noch mehrere Franzosen und Russen beteiligt waren – und der leibliche Vater von Kalinka, Andre B. Der 72-Jährige wurde mittlerweile in französischen Polizeigewahrsam genommen – ebenso wie Dieter K., der nach der Entlassung aus dem Krankenhaus umgehend in Haft wanderte. Ihm drohen nun 15 Jahre Gefängnis. Und auch Andre B. dürfte wegen Entführung und Körperverletzung eine nicht unerhebliche Strafe erhalten, doch das dürfte ihm egal sein. Er hat sein Ziel erreicht.

Den 72-Jährigen wird auch nicht interessieren, was die bayerischen Behörden dazu sagen, dass ein ihrer Meinung nach unschuldiger deutscher Staatsbürger nach einer Entführung in Frankreich eine lange Haftstrafe absitzen muss. „Das könnte noch zu diplomatischen Verwicklungen führen“, mutmaßt Polizeisprecher Asbach.

von Boris Forstner

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