Mediziner veröffentlichten Brief

„Hauruck-Aktion“ der Stiko - Neue Impf-Empfehlung sorgt für gewaltiges Chaos in bayerischen Arztpraxen

  • Leyla Yildiz
    VonLeyla Yildiz
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Die neue Impf-Empfehlung der Stiko verbreitet Chaos in bayerischen Arztpraxen. Zwei Verbände machten nun ihrem Ärger mittels eines Briefes Luft.

München - Aus Sorge vor der Delta-Variante des Coronavirus hat die Ständige Impfkommission (Stiko) eine Empfehlung ausgesprochen, die in Bayerns Arztpraxen offenbar für viel Chaos sorgt. Demnach sollen alle Menschen, die bereits eine Impfung mit Astrazeneca erhalten haben, immer als zweite Dosis einen mRNA-Impfstoff, wie Biontech* oder Moderna*, bekommen. Das Ziel: Diese Kreuzimpfung zeigt eine bessere Immunantwort als nach kompletten Impfungen mit dem Vakzin von Astrazeneca. Die Hausärzte zeigen sich über die Empfehlung entsetzt und schrieben deshalb einen wütenden Brief an die Stiko.

Markus Beier, der Landesvorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbandes, kann zu der neuen Empfehlung nur eines sagen: „Mit diesem unabgestimmten Vorstoß hat die Stiko Chaos in unseren Praxen ausgelöst – und dies nicht zum ersten Mal“, erklärte er gegenüber Nordbayern.de. Ohne sich mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU*) und Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU*) abzusprechen, habe die Stiko einfach diese neue Impfempfehlung veröffentlicht.

Nach neuer Stiko-Empfehlung: Impfwillge sind nun verunsichert

Das Problem bei dem Ganzen: Viele der doppelt Astrazeneca*-Geimpften fragen sich nun, ob sich ausreichend geschützt sind und wie viel Sorgen sie sich wegen der Delta-Variante machen müssen. Die anderen Menschen, die nur einmal mit dem Vakzin geimpft wurden, aber nicht zu einem anderen Impfstoff wechseln möchten, sind dringend auf der Suche nach einem Arzt, der bereit ist, die Empfehlung zu umgehen. Alle, die sich an die Empfehlung halten möchten, sind wiederum in Verunsicherung, was sie jetzt machen müssen.

„Mit dieser erneuten Kehrtwende wird das Vertrauen der Patienten in die Impfkampagne unnötigerweise erschüttert, neue Impfhürden im praktischen Impfmanagement werden aufgebaut“, sagt der bayerische Landesverbandsvorsitzende des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Dominik A. Ewald zu Nordbayern.de. Zusammen mit dem Bayerischen Hausärzteverband hat sein Verband einen verärgerten Brief geschrieben und veröffentlicht. Darin verleihen die beiden Verbände der Stiko symbolisch die gesundheitspolitische Zitrone des Monats.

Neue Stiko-Empfehlung sorgt für Chaos: Viele Menschen wollen vor Sommerurlaub geimpft werden

Das Chaos betrifft vor allem die Beschaffung von mRNA-Impfstoffen. „Viele Patienten, die erst in ein oder zwei Monaten für die Zweitimpfung vorgesehen waren, wollen jetzt unbedingt vor dem Sommerurlaub vollständig geimpft werden. Doch wo soll über Nacht der mRNA-Impfstoff für die Zweitimpfungen für mehrere Wochen herkommen?“, fragte Markus Beier laut Nordbayern.de. Seinen Berichten zu folge, fühlen sich nun alle vollständig Astrazeneca-Geimpften als Patienten zweiter Klasse. „Darunter sind vor allem Angehörige der Risikogruppen, die jetzt wissen wollen, ob eine Drittimpfung mit einem mRNA-Impfstoff sinnvoll ist, und wann sie diese erhalten“, erklärte Beier.

Dass solche Empfehlungen immer wieder geändert werden, ist für Dominik A. Ewald verständlich, aber: „Natürlich bedeutet wissenschaftliche Begleitung einer Impfkampagne auch, dass Entscheidungen und Empfehlungen geändert und angepasst werden. Aber dies muss doch mit denjenigen abgestimmt werden, die dies tagtäglich umsetzen müssen.“ Darüber hinaus sehen er und seine Medizinerkollegen es als nicht besonders überraschend an, dass Kreuzimpfungen bessere Immunantworten hervorrufen als welche mit demselben Impfstoff. Das machten bereits einige Studien deutlich. Eine Hauruck-Aktion der Stiko, wie er es nennt, wäre seiner Meinung nach also gar notwendig gewesen.

Schlechte Kommunikation der Stiko stößt Ärzten sauer auf

Haupt-Störpunkt der Ärzte ist das nicht professionelle Vorangehen und die schlechte Kommunikation der Ständigen Impfkommission. „So ist momentan der Schaden größer als der Nutzen. Neben der Doppelbelastung aus Impfkampagne und Versorgung unserer Patienten müssen wir niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte völlig ohne Not Menschen auffangen, die nach der Stiko-Entscheidung verunsichert sind und viele Fragen haben“, so laut Nordbayern.de die Meinung der Ärzte. (ly) *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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