Die wichtigsten Fragen geklärt

Nach der STIKO-Empfehlung für Astrazeneca: Wie geht es mit der Corona-Impfung in Bayern weiter?

  • Thomas Eldersch
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Seit Dienstag wird das Vakzin von Astrazeneca nicht mehr an Unter-60-Jährige verimpft. Das bringt nicht nur die Impfkampagne durcheinander, sondern wirft auch viele Fragen auf.

München - Das ständige Hin und Her um dem ohnehin schon umstrittenen Impfstoff der Firma Astrazeneca* verunsichert zunehmend die Bevölkerung. Nach der neusten Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) darf das Vakzin nur noch an Menschen über 60 Jahren verabreicht werden. Aber was ist mit denjenigen, die schon eine Erstimpfung bekommen haben? Und wie beinträchtigt die Empfehlung die Arbeit in den Impfzentren und Arztpraxen? Wir klären auf.

Corona-Impfung: Gesundheitsministerkonferenz beschließt Astrazeneca-Stopp für Unter-60-Jährige

Am Dienstag (30. März) trafen sich die Gesundheitsminister der Länder zu einer virtuellen Impfkonferenz (GMK). Das entscheidendste Thema der Ministerrunde war wohl die Empfehlung der STIKO, den Astrazeneca-Impfstoff nur noch an Menschen über 60 Jahren zu verimpfen. Grund für diese Empfehlung war das gehäufte Auftreten der an sich seltenen Hirnvenenthrombose im Zusammenhang mit der Impfung. Bisher gab es in Deutschland 31 Fälle dieser seltenen Krankheit (Stand: 30. März). Die Fälle traten bei Personen im Alter von 20 bis 60 Jahren auf, schreibt das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege (StmGP) in einer Pressemitteilung. Die Minister beschlossen daraufhin, die Impfung* für Unter-60-Jährige vorerst zu stoppen. Aber was bedeutet das für die deutsche beziehungsweise für die bayerische Impfkampagne?

Zunächst betonte der GMK-Vorsitzende und bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) noch einmal, dass das Vakzin von Astrazeneca dennoch ein „hochwirksamer Impfstoff ist“. „Wir brauchen ihn, um angesichts der dritten Welle und gefährlicher Virusmutationen* die Impfungen schnell voranzutreiben.“ Weiter führte der CSU-Politiker aus: „Deswegen empfehlen wir, dass die Länder selbst entscheiden können, die Impf-Priorisierung bei Astrazeneca für die Menschen über 60 Jahren aufzuheben. So können wir der Altersgruppe Ü60 schneller ein Impfangebot machen, was dringend notwendig ist.“ Außerdem beschloss die GMK, dass sich Menschen unter 60 Jahren auch weiterhin nach individueller Einschätzung und ärztlichem Ermessen mit dem Vakzin von Astrazeneca, dass sich jüngst in Vaxzevria umbenannt* hat, impfen lassen dürfen.

Corona-Impfung: Zahlreiche Terminabsagen nach STIKO-Empfehlung

Die plötzliche Neubewertung der STIKO hat die Arbeit in den Impfzentren und Hausarztpraxen in Bayern nicht leichter gemacht. So berichtet der Leiter des Impfzentrums Peißenberg*, Christian Achmüller: „Ich habe am Dienstagabend alle Astrazeneca-Termine, die für Mittwoch geplant waren, storniert und neue mit dem Moderna-Impfstoff vergeben.“ Am Fürstenfeldbrucker Impfzentrum mussten 165 Termine bis Sonntag abgesagt werden. Und Hausarzt Georg Miedl* aus Freising sagt: „Für die Arztpraxen ist die neuerliche Kehrtwende im Umgang mit Astrazeneca eine Belastung. Denn wir müssen jetzt wieder umplanen.“ Als Kritik an der STIKO will er das aber nicht verstanden wissen. „Empfehlungen werden in der Regel mit höchstem Bedacht getroffen.“

Wie es jetzt jedoch mit den Menschen weitergeht, die bereits eine Erstimpfung mit Astrazeneca erhalten haben, ist noch nicht endgültig geklärt. Das Gesundheitsministerium setzt dabei auf die STIKO, die angekündigt hat, bis Ende April eine verbindliche Auskunft zu diesem Thema abgeben zu wollen. „Wir können die Menschen nicht so lange im Ungewissen lassen. Daher brauchen wir bei Zweitimpfungen schnellstmöglich Klarheit“, sagt Gesundheitsminister Holetschek. Für Personen, die noch kurz vor der Neubewertung des Vakzins geimpft worden sind, gibt das Ministerium folgende Empfehlung aus: „Wir rufen alle Menschen auf, die schon mit Astrazeneca geimpft worden sind, auf Symptome wie anhaltende Kopfschmerzen, Kurzatmigkeit und Beinschwellungen zu achten. Sollte es dazu kommen, wenden Sie sich vorsichtshalber an Ihren Arzt. Sicherheit geht vor!“

Corona: Drei Szenarien wie es nach einer Erstimpufng mit Astrazeneca weitergeht

Bei dem Thema Zweitimpfung gibt es also noch keine klare Aussage des Gesundheitsministeriums sowie der STIKO. Der Freisinger Arzt Miedl hält aber drei Szenarien für denkbar. „Die erste Möglichkeit ist, dass man es bei einem einmaligen Schutz belässt und später eine Auffrischung mit einem anderen Impfstoff macht.“ Miedl weiter: „Das zweite Szenario ist, dass die Zweitimpfung mit einem anderen Vakzin stattfindet. Das prüft die Wissenschaft derzeit und arbeitet an entsprechenden Schemata.“ Die dritte Variante ist, abzuwarten, bis es neue Erkenntnisse im Zusammenhang mit dem Vakzin und dem Auftreten der Hirnvenenthrombose gibt. „Möglich, dass diejenigen, die den Impfstoff beim ersten Mal vertragen haben, auch eine Zweitimpfung erhalten könnten. Davon gehe ich aus, dafür gibt es aber bisher noch keine wissenschaftliche Grundlage.“

Ob es wegen der Empfehlung der STIKO jetzt zu einem weiteren Impfstau kommen wird, ist noch nicht klar. Die Ablehnung einer Impfung mit Astrazeneca habe sich aber anscheinend nicht erhöht, so der Chef des Impfzentrums Ebersberg*, Liam Klage. „Wir beobachten weiter, dass rund zehn bis 15 Prozent der Leute nicht mit Astrazeneca geimpft werden möchten. Das hat sich nicht geändert.“ Und Achmüller vom Impfzentrum Peißenberg fügt zum Thema Impfstau hinzu: „Da ist die einzig gute Nachricht, dass im April ohnehin nur vergleichsweise geringe Mengen Astrazeneca-Impfstoff angekündigt wurden.“ Dafür seien für die kommende Woche erhebliche Mengen vom Biontech-Impfstoff* avisiert. Es kann also weiter geimpft werden. (tel) *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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