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Immer in Kontakt: Berti Meisinger, Missionsdirektorin bei der europäischen Raumfahrtbehörde ESA in Oberpfaffenhofen, sieht auf dem großen Bildschirm, was Alexander Gerst macht. Gerade bereitet er, hier im roten T-Shirt, mit einem Astronauten-Kollegen ein Experiment vor.

Kontakt ins All 

Diese Frau ist Astronaut Gersts irdische Nachbarin

Oberpfaffenhofen –Alexander Gerst ist im Weltraum unterwegs – Berti Meisinger auf der Erde im Einsatz. Mehr als 400 Kilometer trennen die beiden, trotzdem sind sie wie Nachbarn: Sie taktet seinen Tag, er schickt ihr ein Foto vom Starnberger See, ihrer Heimat. Eine Verbindung zwischen zwei Welten.

Neulich hat Berti Meisinger ein Foto aus dem All bekommen. Es sieht aus wie ein abstraktes Bild in Grüntönen. In der Mitte schimmert ein großer, türkisfarbener Fleck: der Starnberger See. Um den See herum sieht man Wälder und Felder, durch die sich die A95 schlängelt, die Autobahn nach Garmisch-Partenkirchen. Berti Meisinger hat sich gefreut über das Bild. Ihre Heimat, aus dem Weltall fotografiert. Von Alexander Gerst, dem deutschen Astronauten auf der Raumstation ISS. In dem Foto steckt Meisinger Geschichte.

Es ist eine Geschichte von zwei Welten. In der einen ist sie Missionsdirektorin bei der europäischen Raumfahrtbehörde ESA – und die wichtigste Ansprechpartnerin für Gerst. Sie plant seinen Tagesablauf. Ihre andere Welt ist überschaubar: Hochstadt bei Weßling, Kreis Starnberg, rund 800 Einwohner. Es ist ein weiter Weg von dort ins Weltall. 415 Kilometer nach oben. Trotzdem spricht Meisinger von der ISS, als wäre es ihr Nachbarhaus. Und Gerst ihr Lieblingsnachbar. „Ich möchte ja, dass der Alex alles hat, was er da oben braucht“, sagt sie. Erst am Abend zuvor hat er sie auf ihrem Handy angerufen, um die nächsten Tage auf der Raumstation zu besprechen.

Berti Meisinger, 56, Perlenohrringe und Perlenkette, steht auf der Besucherbrücke im ESA-Kontrollzentrum. In Oberpfaffenhofen, gut zwanzig Kilometer westlich von München. Das Zentrum sieht aus wie eine kleine Stadt: Häuser, Kreuzungen, Verkehrsschilder. Am Eingangstor lächelt Alexander Gerst auf einem Plakat, in Gebäude 140/4 zeigt Berti Meisinger hinunter in den Kontrollraum. Hier hat ihre Laufbahn begonnen, damals, 1981. „Ich habe immer mehr Verantwortung dazu gekriegt“, sagt sie. „Bis ich dann für die Raumstation gearbeitet habe.“

Der Dialekt verrät ihre Herkunft: Meisinger hat immer in Oberbayern gelebt, abgesehen von ein paar Monaten in Houston, Texas. „Auf die Dauer möchte ich nicht da rüber. Und die Luft war schrecklich“, sagt sie. Würde sie auch ins All fliegen, wenn das ginge? Die Missionsdirektorin schüttelt den Kopf. „Ich setze mich nicht auf so ein Pulverfass. Außerdem ist es auf der Erde so schön – gerade wenn man im Landkreis Starnberg lebt.“ Im Privatleben reicht Oberbayern. Im Beruf ist die Welt nicht genug.

Jetzt zeigt sie auf einen Bildschirm, der so groß ist wie eine Kinoleinwand. Darüber läuft eine Zeitleiste mit Gersts Tagesprogramm. Gleich steht der monatliche Fitness-Test an. In der Schwerelosigkeit bilden sich die Muskeln extrem schnell zurück, deshalb trainieren die Astronauten jeden Tag zwei Stunden. „A Radl hams“, sagt die Missionsdirektorin und lacht.

Im Hintergrund fliegt endlich Gerst auf dem Bildschirm vorbei, wie in Zeitlupe. Der 38-Jährige bereitet ein physikalisches Experiment vor. Meisinger versucht, es genauer zu erklären. Viele Details, viele Fachbegriffe, es bleibt beim Versuch. „Es geht um Magnetfeldmessungen“, sagt sie schließlich. „Einigen wir uns darauf.“

Manche Kritiker bezweifeln den wissenschaftlichen Nutzen der ISS, weil in fünfzehn Jahren keines der mehr als 1200 Experimente bahnbrechende Erkenntnisse geliefert habe. Andere sagen, dass alltägliche Dinge wie Fernsehen oder Wettervorhersagen ohne Raumfahrt nicht möglich wären. Gerst macht auch medizinische Tests auf der ISS, nimmt sich selbst Blut ab. Er soll Dinge herausfinden, die für Patienten in der ganzen Welt interessant sein können. Wie reagiert das menschliche Auge auf Schwerelosigkeit? Wie verändert sich die Haut? Was passiert mit dem Kniegelenk?

Die besten Bilder aus dem Weltall von Astronaut Gerst

Die spektakulärsten Bilder von Astronaut Gerst

Wissenschaftlerin Meisinger findet solche Fragen ohnehin faszinierend. Die Missionsdirektorin steht nun in einem Nachbau des Columbus-Moduls, dem europäischen Forschungslabor auf der ISS. Von außen sieht es aus wie ein Lagertank für Bier. Innen Knöpfe, Kabel, noch mehr Knöpfe. Meisinger steht mit beiden Füßen auf dem Boden, sie schwebt nicht, es ist nur ein Nachbau. Im Columbus-Modul findet ein Teil der Experimente statt, über die sich Oberpfaffenhofen mit etlichen Partnern auf der ganzen Welt verständigen muss.

Denn die bemannte Raumfahrt ist auch ein politisches Projekt, seit jeher. Derzeit sind neben Gerst drei Russen und zwei Amerikaner an Bord der ISS, insgesamt sind 15 Länder beteiligt. „Es gibt zwar immer Diskussionen“, sagt Meisinger. „Aber man muss sich irgendwie einigen.“ Irdische Probleme zählen im All nicht. Man geht Herausforderungen hier pragmatisch an. In Meisingers Büro hängt ein Zettel: „Nützlich zu sein und Gutes zu stiften sind unsere Schuldigkeit und die angenehmste Beschäftigung.“

Meisinger erzählt jetzt von Ende Mai, da haben sie den Lieblingsnachbarn ins All geschossen, vom Raketenstartplatz Baikonur in Kasachstan. Der Amerikaner Reid Wiseman, der Russe Maxim Surajew und der Deutsche Gerst, eingequetscht in eine Sojus-Kapsel. Höchstgeschwindigkeit auf der Umlaufbahn: 28 000 Stundenkilometer. „Natürlich habe ich da gezittert“, sagt Meisinger. „Es kann immer irgendwas passieren.“

Aber auch dieses Mal ist nichts passiert. Meisinger kann sich an keinen gefährlichen Zwischenfall erinnern, den sie direkt miterlebt hat. Im Juni gab es Rauch in der ISS, erzählt sie, aber das war kein wirkliches Problem. „Ham’s dann gelöscht“, sagt sie auf dem Weg vom Columbus-Modul in ihr Büro, durch dessen Fenster ein kleiner Flugplatz zu sehen ist. An der Wand hängen Danksagungen von Astronauten, Urkunden, Auszeichnungen. Manche sind nur mit einem Reißnagel aufgehängt, andere hat sie in einen Bilderrahmen gesteckt. Meisinger hat erst eine Ausbildung gemacht, dann in Holland Luft- und Raumfahrttechnik studiert. Da hatte sie schon rund zwanzig Jahre bei der ESA gearbeitet. Ganz oben an der Wand hängt der Wernher-von-Braun-Preis für ihre Mitarbeit an der Mission STS-99. Sie haben damals, im Jahr 2000, ein radargestütztes Modell der Erde entwickelt. Unter den sechs Astronauten war auch der Deutsche Gerhard Thiele. Meisinger war zwölf Stunden im Kontrollraum, jeden Tag. „Um das Team zusammenzuhalten.“

Vielleicht ist es eine Art mütterlicher Instinkt, der sie antreibt, der ihr Verantwortungsgefühl erklärt, die ständige Erreichbarkeit. Sie hat ihren Traumjob, das ist ihr wichtig. Aber in drei Jahren geht sie in Rente. „Mein Vertrag ist begrenzt, das ist das Problem“, sagt Meisinger. Kein gutes Thema, sie würde gerne weiter arbeiten.

Dann ruft Meisinger in Houston an, es geht wieder um Gersts Bilder aus dem All. In Amerika ist es früh am Morgen, sie muss eine Nachricht hinterlassen. Meisingers Englisch hat eine bayerische Färbung, ist aber fehlerfrei – ihr Ehemann ist Engländer und arbeitet auch bei der ESA. Wenn Meisinger Englisch spricht, klingt das ein bisschen wie Franz Beckenbauer.

Wie es mit der ISS weiter geht, ist nicht klar. Die Chinesen arbeiten an einer eigenen Raumstation, weil die USA sie bisher nicht dabei haben möchten. Und auch in Europa wird immer wieder über Kosten und Nutzen der ISS diskutiert. Über 100 Milliarden Euro hat die Station bisher insgesamt gekostet. Deutschlands Beitrag im letzten Jahr: 772 Millionen Euro. Das klingt einerseits viel. Andererseits sind es für jeden Steuerzahler zehn Euro im Jahr, so sehen es Gerst und Meisinger. So viel wie eine Stunde Tretboot am Starnberger See.

Und ohne Geld wären die Fotos nicht möglich, die Gerst fast täglich ins Internet stellt. Es sind beeindruckende Aufnahmen: der Nil, die Alpen, die Straße von Gibraltar. Andere Eindrücke stimmen nachdenklich, etwa eine Luftaufnahme des Gaza-Kriegs. Explosionen, Rauch. „Mein traurigstes Foto“, schrieb Gerst dazu. Ist der Lieblingsnachbar auch auf politischer Mission im All? Meisinger schüttelt den Kopf. „Nicht in so einer kritischen Umgebung.“

Es ist jetzt Mittag in Oberpfaffenhofen. Auf Meisingers Bildschirm blinkt es. Zwanzig neue Nachrichten, allein während der Führung durch das Kontrollzentrum. Und gleich steht das nächste Meeting auf dem Programm. Kann sie wenigstens nachts abschalten, daheim, in Oberbayern? „Ich schlafe auch jetzt schlecht, weil immer zu viel zu tun ist“, sagt Meisinger. „Man möchte ja was erreichen.“

Die Währung in der Raumfahrt ist Vertrauen. Gerst und Meisinger kennen sich seit eineinhalb Jahren persönlich. Er ist damals nach Oberpfaffenhofen gekommen, um die Leute kennenzulernen, ohne die er auf der ISS nicht überleben könnte. Sie haben sich dann noch zweimal in Köln getroffen, das hat gereicht, um sich künftig aufeinander verlassen zu können.

Noch bis zum 11. November fliegt Alexander Gerst alle 90 Minuten über den Starnberger See und die umliegenden Orte und Dörfer. Bei gutem Wetter kann man auch von dort aus die internationale Raumstation am Himmel erkennen. Berti Meisinger steht dann vielleicht in Hochstadt bei Weßling am Fenster und schaut nach oben. Oder ihr Handy klingelt.

Maximilian Heim

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