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Bett an Bett, Schrank an Schrank: In die Turnhalle der Miesbacher Berufsschule zogen gestern 17 Asylbewerber ein

Neue Heimat in der Turnhalle

Raum-Knappheit: Wohin mit den Asylbewerbern?

München - Die Landkreise haben ihre Not mit der Unterbringung der Asylbewerber. Erste Landräte gehen jetzt dazu über, Turnhallen zu beschlagnahmen. Dabei ist die Zahl der  Flüchtlinge eigentlich nicht hoch.

Feldbetten, Schränke, aufgestellt in Reih und Glied. Drum herum eine Menge Luft. Viel Privatsphäre steht den Asylbewerbern in der Turnhalle der Miesbacher Berufsschule nicht zur Verfügung. Aber immerhin sind sie untergekommen, die neun Pakistani und acht Nigerianer. Am Mittwoch kamen sie in Miesbach an. Zur Begrüßung gab’s Fleischpflanzerl – ohne Schweinefleisch. Für Bürgermeisterin Ingrid Pongratz (CSU) ist die Turnhalle „eine ausgesprochen schlechte Lösung“. Aber den Gemeinden fehlt es an Wohnraum.

Ähnlich ist die Lage im Landkreis Dachau: In Markt Indersdorf werden ein Jahr lang 30 Flüchtlinge in einer Tennishalle untergebracht. Auch vor unorthodoxen Lösungen scheuen manche Landräte nicht zurück: Auf dem Auerberg (1055 Meter hoch) bei Bernbeuren wurden vergangene Woche zehn Syrer im ehemaligen Kreisjugendheim einquartiert. Die Aussicht ist traumhaft, doch besonders glücklich sind die Bürgerkriegs-Flüchtlinge über ihre Wohnsituation nicht – der nächste Ort ist vier Kilometer entfernt.

Unkalkulierbar hoch sind die Asylbewerberzahlen in Oberbayern eigentlich nicht. Ende vergangenen Jahres lebten im größten Regierungsbezirk Bayerns 3900 Asylbewerber auf. In jedem Monat kommen auf Oberbayern weitere gut 400 Flüchtlinge zu. Bis Ende Juli ist die Zahl der Asylbewerber auf rund 5400 gestiegen. 5400 – bei 4,4 Millionen Einwohnern. 2000 davon hat die Stadt München aufgenommen, 3400 verbleiben fürs Land. In den meisten Landkreisen in Oberbayern leben nur gut 100 Asylbewerber, im besonders einwohnerstarken Landkreis München sind es etwas mehr: 360.

Trotzdem sieht zum Beispiel der Fürstenfeldbrucker Landrat Thomas Karmasin (CSU) einen echten Notstand. „Die Situation verschärft sich fortwährend“, sagt Karmasin, der auch Bezirkschef des Bayerischen Landkreistags ist. „Wir sind ständig auf der Suche nach Unterkünften.“ Schulturnhallen indes musste sein Landkreis noch nicht in Beschlag nehmen. Einen Vorschlag, dass der Verteilungsschlüssel bayernintern geändert und mehr Flüchtlinge in Nordbayern unterkommen sollten, möchte Karmasin lieber nicht wiederholen. „In Wahlkampfzeiten macht eine Diskussion über geänderte Verteilungsschlüssel keinen Sinn“, sagt er. Das Prinzip, dass besonders große und wirtschaftsstarke Landkreise prozentual mehr Asylbewerber aufnehmen müssten als schwächere Kreise, sei ja an für sich richtig.

Behauptungen von CSU-Politikern, dass vor allem Sinti und Roma aus Serbien die nach einem Bundesverfassungsgerichtsurteil verbesserten Versorgungssätze ausnutzen und hier Asyl beantragen, haben sich nicht bewahrheitet: Die drei größten Nationalitäten, die in Bayern Asyl beantragen, sind nach Angaben der Regierung von Oberbayern: Russen, Afghanen, Syrer.

Ihr Weg führt nicht immer in die Turnhalle. Rony aus Syrien hat es besser getroffen. Der 25-Jährige, der wegen seiner christlichen Religion flüchten musste, ist in einem Privat-Haushalt in Ottobrunn (Kreis München) untergekommen. Der dortige Helferkreis hatte in einem Gottesdienst Anfang August darauf aufmerksam gemacht, dass der junge Mann eine Unterkunft suche. Monika P. meldete sich. Seitdem bewohnt der Syrer ein 15 Quadratmeter großes Zimmer im Haus der Ottobrunnerin. Die Miete zahlt das Jobcenter. Diakon Karl Stocker, Vorsitzender des Helferkreises, will auch weiter in Gottesdiensten dazu aufrufen, Privat-Unterkünften zur Verfügung zu stellen.

Miesbachs Bürgermeisterin Pongratz hat derweil einen Rundbrief an ihre Bürgermeister-Kollegen geschrieben. Darin bittet sie um Hilfe bei der Suche nach Unterkünften, um die Flüchtlinge „würdiger unterzubringen“.

von D. Walter, D. Dorby und M. Mäckler

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