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Leben auf engem Raum: Abstand halten ist in den Flüchtlingsh eimen so gut wie unmöglich. Lernen auch. 

Flüchtlinge durch Krise isoliert

Helfer fordern Zutritt zu Asylunterkünften

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Viele Menschen in den Flüchtlingsunterkünften sind seit Ausbruch der Pandemie völlig isoliert. Selbst die Sozialarbeiter dürfen noch nicht wieder in vollem Umfang in die Einrichtungen. Vor allem die Schulkinder bräuchten deren Hilfe aber dringend.

München – Die Innere Mission hat in den vergangenen Wochen einen Antrag nach dem anderen gestellt. Für jede Flüchtlingsunterkunft, die von ihr betreut wird, einzeln. Ohne die Anträge dürften die Sozialarbeiter nicht mehr in die Einrichtungen, erklärt Andrea Betz, die bei der Inneren Mission für den Bereich Integration zuständig ist. Mit Inkrafttreten der Ausgangsbeschränkungen gab es eine Verfügung des Innenministeriums, die allen ehrenamtlichen und hauptamtlichen Helfern den Zutritt in die Flüchtlingsheime verwehrte. „Wir mussten bei der Regierung Ausnahmen beantragen“, erklärt Betz. Doch die waren nur auf wenige Stunden pro Woche begrenzt.

Trotzdem war das besser als nichts, erklärt sie. Denn gerade in Krisensituationen müssten die Flüchtlinge besonders intensiv betreut werden. „Viele haben große Angst, sich anzustecken. Und vor allem die Schulkinder haben ohne Hilfe von außen kaum eine Chance.“ Das Homeschooling ist für sie in den Unterkünften nahezu unmöglich, erklärt Betz. Es gebe kein stabiles Internet, keine Arbeitsplätze, keine Drucker, mit denen sie sich die Aufgabe ausdrucken könnten. „Für sie ist die Schule wegen der Sprache sowieso schwieriger. Es ist unmöglich, dass sie sich nun Stoff selbst erarbeiten.“ Die Kinder, die nun in den Unterricht zurückkehren, würden mit leeren Heften kommen „Sie sind in den vergangenen Wochen abgehängt worden.“ Die Mitarbeiter der Inneren Mission haben die Lehrer kontaktiert und versucht, Hilfen zu geben. „Aber es hat alles viel zu lang gedauert“, erklärt Betz.

Besonders schwer sei es für die Kinder auch deswegen, weil die Hausaufgabenbetreuung der Ehrenamtlichen wegfällt. Denn die dürfen nach wie vor nicht in die Unterkünfte. Eine von ihnen ist Maria Brand aus Erding. In ihrem Landkreis sei die Situation für die Asylbewerber besonders hart, sagt die Rentnerin. Denn dort wird die Sozialbetreuung nicht von Wohlfahrtsverbänden übernommen – sondern vom Landratsamt. Und das habe die Betreuung im März eingestellt. Die Ehrenamtlichen dürfen nicht zu den Flüchtlingen, wurden aber vom Landratsamt aufgefordert, „kreativ zu werden, um die Menschen zu unterstützen“, berichtet Brand. „Bei uns gibt es in den Unterkünften nicht einmal Internet“, berichtet sie. „Wie sollen die Kinder so die Aufgaben aus der Schule erledigen?“ Die erwachsenen Flüchtlinge wurden aufgefordert, die Integrationskurse der vhs nun online weiterzumachen. Auch darüber kann Brand nur den Kopf schütteln. Es gebe von staatlicher Seite kein Konzept, wie man die Flüchtlinge in dieser Zeit unterstützen und schützen kann, findet sie. Viele würden sich aus Angst vor dem Virus seit Wochen nicht mehr aus ihren Zimmern trauen. „Die Angst ist riesengroß.“

Viele Ehrenamtliche schildern dieselben Probleme, seit die direkte Betreuung nicht mehr möglich ist. „Besonders für psychisch belastete Familien ist die Situation grade sehr schwierig“, sagt Christiane Relke aus München. Zu manchen Familien hätten die Helfer gar keinen Kontakt mehr. Die ehrenamtliche Helferin hat auf www.change.org deshalb eine Petition gestartet. Sie fordert die Ausweitung der Notbetreuung für Kinder sowie das hauptamtliche und ehrenamtliche Helfer wieder in die Unterkünfte dürfen. Mit diesem Anliegen ist sie nicht allein. Bis gestern hatten bereits mehr als 21 000 Menschen die Petition unterschrieben.

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