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Flucht in die Fremde: Mehr als 11 000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind aktuell in Bayern untergebracht. Die meisten von ihnen kamen in völlig überfüllten Schlauchbooten nach Europa – sie haben die Flucht nur mit Glück überlebt.

Nach Attacke von Würzburg

Asylhelfer besorgt: „Die Tat hat viel zunichte gemacht“

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München - Die Axt-Attacke eines 17-jährigen Flüchtlings in Würzburg hat ganz Bayern schockiert. Viele Asylhelfer sorgen sich, welche Folgen der Amoklauf für das Ansehen der Flüchtlinge in ihren Gemeinden haben könnte. Und dass der Amoklauf viel ihrer Integrationsarbeit zunichte gemacht haben könnte.

Iradj Teymurian hat viel telefoniert am Dienstagvormittag. Er hat direkt zum Hörer gegriffen, als er hörte, dass in Würzburg ein 17-jähriger Asylbewerber mit einer Axt auf vier Menschen losgegangen ist und sie schwer verletzt hat. „Das geht uns unheimlich nahe“, sagt er. Mit „uns“ meint er nicht nur die Asylhelfer in seiner Heimatgemeinde Berg im Landkreis Starnberg – sondern alle Menschen, die sich seit Wochen, Monaten oder Jahren für Flüchtlinge engagieren und versuchen, die Menschen in Deutschland gut zu integrieren. „Wir versuchen tagtäglich zu zeigen, dass die Menschen, die zu uns fliehen, Teil unserer Gesellschaft werden können“, sagt Teymurian. „Ich fürchte, die Tat in Würzburg hat viel unserer Arbeit zunichte gemacht.“

Claudia Köhler Sozialreferentin in Unterhaching.

Deshalb hat er so schnell viele Flüchtlingspaten und Asylhelfer angerufen und noch am selben Tag einen Stammtisch organisiert. Um über die Axt-Attacke in Würzburg zu sprechen – und darüber, was sie für Helferkreise überall in Bayern bedeutet. „Wir müssen eine Strategie ausarbeiten“, sagt der 70-Jährige. „Wir müssen noch sensibler werden für Anzeichen, um rechtzeitig gegensteuern zu können.“

Nicht nur in seiner Heimatgemeinde Berg ist Iradj Teymurian dafür bekannt, dass er klare Worte findet. Seit sieben Jahren ist er Asylhelfer. Seine Botschaft an die Flüchtlinge kommt aus tiefstem Herzen: „Wir lieben euch, wir wollen euch einen Platz in unserer Mitte schaffen – aber ihr müsst euch anpassen.“ Diesen Satz hat Iradj Teymurian in den vergangenen sieben Jahren häufig gesagt – gelegentlich mit härteren Worten.

Erst vergangene Woche gab es wieder eine Situation, in der er härtere Worte für angemessener gehalten hat. Ein Flüchtling beschwerte sich bei ihm, dass andere Flüchtlinge in der Unterkunft kurze Hosen tragen. Er wolle nicht, dass seine Frau oder seine Tochter ihre nackten Beine sehen. „So kann Integration nicht funktionieren“, sagt Teymurian. „Jeder darf seinen Glauben und seine Kultur für sich leben – aber angepasst an unsere Kultur hier in Deutschland.“ Das hat er dem Vater ziemlich nachdrücklich gesagt.

Iradj Teymurian engagiert sich im Helferkreis in Berg.

Teymurian kann es sich erlauben, deutliche Worte zu finden, wenn er Flüchtlingen erklärt, wie Integration funktioniert. Denn er ist selbst als 17-Jähriger aus seiner Heimat Teheran allein nach Deutschland gekommen. „Meine Situation war leichter“, sagt er. „Ich hatte mein Abitur – und ich hatte ein Ziel: studieren.“ Aber auch er sprach kein Wort Deutsch, die Kultur war ihm fremd. „Ich weiß, wie hart das Alleinsein ist“, sagt er heute – mehr als fünf Jahrzehnte später. Mehr als zwei Drittel seines Lebens hat er hier gelebt, vor 25 Jahren ist er zum Christentum konvertiert. Wenn Iradj Teymurian sagt, dass Integration funktionieren kann, dann glauben ihm das die allermeisten Menschen. Diese Chance will er nutzen – nach der Attacke in Würzburg mindestens so intensiv wie die vergangenen sieben Jahre.

Er ist längst nicht der einzige Flüchtlingshelfer in Bayern, der am Dienstag sehr besorgt die Nachrichten verfolgt hat. Auch Jost Herrmann, der Asylkoordinator in Weilheim, hat sich gefragt, ob die Flüchtlinge künftig mit mehr Vorurteilen kämpfen müssen – besonders die Afghanen. „Wer sowieso Vorurteile hatte, wird sich nun bestätigt fühlen“, vermutet er. „Alle andere werden hoffentlich nicht pauschalisieren.“

Das hofft auch Claudia Köhler. Sie ist Sozialreferentin und Asylhelferin in Unterhaching (Landkreis München). „Ich habe das Gefühl, die Menschen können gut differenzieren zwischen Fanatikern und Flüchtlingen“, sagt sie. „Wir möchten schließlich auch nicht mit allen Deutschen in einen Topf geworfen werden.“ Doch die Angst, das genau das passiert, ist da, sagt sie. Vor allem bei den Flüchtlingen.

Alle aktuellen Informationen zur Tat von Würzburg finden Sie in unserem News-Blog.

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