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Rote Karte für die Staatsregierung: Oberbayerns ehrenamtliche Asylhelfer um (v.li.) Jost Herrmann, Lisa Hogger und Bernhard Rieger in der Münchner Karmeliterkirche. 

Ehrenamtlichen-Treffen in München

Asylhelfer unter Druck: Rote Karte für die Staatsregierung

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Den Asylgipfel der oberbayerischen Helferkreise beherrschten die Themen Arbeitsverbot und Wohngeld. Die ehrenamtlichen Helfer fühlen sich unter Druck und wollen politisch mehr mitreden.

München - Bei vielen Asylhelfern ist der Akku leer. „Zwischen Frust und Erschöpfung“, beschreibt Jost Herrmann die Stimmung unter den Ehrenamtlichen. Der Asylkoordinator aus dem Landkreis Weilheim-Schongau gehört zu den Initiatoren des Asylgipfels der Helferkreise in Oberbayern, der am Samstag mit rund 150 Teilnehmern in der Münchner Karmeliterkirche stattfand.

Der Frust der Helfer ist das eine. Unter ihnen herrscht Ärger über die Staatsregierung, vor allem aus zwei Gründen: Das Arbeitsverbot für Flüchtlinge mit niedriger Bleibeperspektive verdamme diese zur Untätigkeit, sagen die Betreuer. Und Flüchtlinge, die ihr eigenes Geld verdienen, kämen durch die unvermittelt geforderten Kosten für Unterkunft und Verpflegung finanziell in die Bredouille. Die rückwirkenden Gebührenbescheide, die die Landratsämter seit einigen Wochen verschicken, lauten häufig auf mehrere Tausend Euro.

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Die Erschöpfung der Helfer ist das andere. Es habe viel Energie gekostet, gegen Beschlüsse der Staatsregierung vorzugehen, Briefe und Petitionen zu verfassen, sagt Asylkoordinator Herrmann. „Dieses Gegeneinander geht auf Dauer nicht“, betont er. Darunter leide die alltägliche Arbeit in den Helferkreisen - viele gäben auf. „Dabei wissen die Behörden genau, dass es ohne uns nicht geht“, sagt Herrmann. Immerhin habe die bayerische Integrationsbeauftragte Kerstin Schreyer (CSU) zugesagt, sich mit den Vertretern der Helferkreise in Zukunft öfter zusammenzusetzen. Außerdem stellte der Verein „Veto“ seine Pläne für einen deutschlandweiten Asylhelfer-Verband vor.

Die Ehrenamtlichen wollen nicht lockerlassen, das wurde bei dem Treffen klar. Denn die verschärften Vorgaben der Staatsregierung hätten nicht den Effekt, dass mehr Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehrten, sagt Herrmann. Stattdessen suchten viele Asylbewerber ihr Heil im Untergrund. „Untertauchen ist in den Unterkünften ein großes Thema“, berichtet Herrmann. Viele Asylbewerber vernetzten sich untereinander, um Wege aus der Untätigkeit zu finden. Wer nicht in Deutschland bleibe, ziehe zum Beispiel Richtung Spanien. Einige hätten sogar davon gesprochen, sich der französischen Fremdenlegion anzuschließen.

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Herrmann stellt „Vertrauensverlust“ fest

Die Enttäuschung der Asylbewerber über ihre verfahrene Situation entlädt sich laut Herrmann zunehmend gegenüber den Helfern. „Es gibt einen Vertrauensverlust“, sagt er. Die Helfer hätten die Flüchtlinge ermutigt, sich mit Deutschkursen und Weiterbildungen eine Perspektive zu schaffen - Bemühungen, die nun durch die Staatsregierung konterkariert würden. „Die Leute fragen uns: Warum finden wir keine Wohnung, warum dürfen wir nicht arbeiten?“, berichtet Herrmann.

Damit wachse der Druck auf die Ehrenamtlichen. Trotzdem: „Es gibt keine Alternative“, begründet Herrmann, weshalb er und seine Mitstreiter weitermachen. Es gehe um den sozialen Frieden im Land und darum, von Europa mitverschuldete humanitäre Krisen aufzufangen. Für dieses Engagement gab es nach dem Arbeitstreffen ein Dankeschön-Konzert von Biermösl-Blosn-Legende Hans Well und seinen „Wellbappn“. „Das war bewegend und ermutigend“, sagt Herrmann. Ihm habe der Asylgipfel gezeigt: „Wir sind viele - und es ist richtig, was wir tun.“

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Josef Ametsbichler

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