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Ohne Hilfe wird es schwer für die Flüchtlinge - doch viele Asylhelfer sind frustriert oder überlastet. 

Kritik an der Bayerischen Asylpolitik

Der Frust der Flüchtlingshelfer

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Penzberg/Landsberied - Die Asylhelferkreise in Bayern schrumpfen. Viele Helfer sind frustriert – denn sie sind täglich mit einem Dilemma konfrontiert: Flüchtlinge, die gut integriert sind, werden abgeschoben. Andere können nicht abgeschoben werden, dürfen aber nicht integriert werden. Mit ihrem Frust wenden sich die Helfer nun an die Staatsregierung.

Roland Sulzmann ist seit anderthalb Jahren Asylhelfer. Seit vergangenes Jahr binnen weniger Tage hunderte Flüchtlinge nach Bayern kamen. Auch in seiner Gemeinde Landsberied im Kreis Fürstenfeldbruck ist damals eine Containeranlage entstanden. Noch heute leben dort 40 Flüchtlinge und warten auf die Bearbeitung ihrer Asylanträge. Sulzmann ist einer von etwa 20 Helfern, die die Flüchtlinge seitdem betreuen, ihnen Deutsch beibringen, ihnen bei der Jobsuche helfen. Doch immer häufiger fragt sich der 55-Jährige, warum er so viel Zeit und Kraft investiert. Er ist frustriert – und nicht der einzige Flüchtlingshelfer in Bayern, dem es so geht.

Der Grund dafür sind nicht die Asylbewerber, sondern die Asylpolitik. Roland Sulzmann kann am besten an einem aktuellen Beispiel erklären, was ihm die Motivation raubt: Seit anderthalb Jahren kümmert er sich um zwei junge Männer aus Pakistan. „Beide sprechen schon gut Deutsch und wollen unbedingt arbeiten“, erzählt er. Es ist ihm gelungen, für sie Jobs zu finden. Beide haben einen Arbeitsvertrag und die Aussicht auf eine Ausbildung. „Ihr Chef ist sehr zufrieden mit ihnen, sie sind pünktlich, fleißig und kollegial.“ Einer der beiden hat nun die Ablehnung des Asylbescheids bekommen. Der andere wartet noch auf den Brief – macht sich aber kaum noch Hoffnungen.

Die beiden jungen Männer haben im Grenzgebiet zu Afghanistan gelebt, in der pakistanische Streitkräfte seit Jahren gegen Taliban und Al Kaida kämpfen. Doch die Bleibechancen für pakistanische Flüchtlinge sind schlecht, die Anerkennungsquote liegt aktuell bei sechs Prozent. „Hätten wir sie deshalb nicht integrieren sollen?“ fragt Sulzmann. Die Bearbeitung der Asylanträge hat anderthalb Jahre gedauert. Anderthalb Jahre sind eine lange Zeit, wenn man die Sprache nicht spricht und zum Abwarten verdammt ist. „Für uns Asylhelfer ist nicht absehbar, wer letztendlich bleiben darf. Wir müssen allen die gleichen Chancen bieten.“ Andernfalls entstehe Missgunst.

Roland Sulzmann, Asylhelferkreis Landsberied

Sulzmann betont: „Ich bin nicht generell gegen Abschiebungen.“ Aber er kann nicht nachvollziehen, dass allein das Herkunftsland für die Entscheidung ausschlaggebend ist. „Es sollte auch berücksichtigt werden, wie sehr die Asylbewerber die Wartezeit genutzt haben, um sich zu integrieren.“ Die beiden pakistanischen Flüchtlinge sind nur ein Beispiel. „Die Fälle häufen sich.“ Für viele Asylanträge, die im Herbst 2015 gestellt wurden, kommen jetzt erst die Bescheide. Dadurch ist es schwer, Arbeitgeber zu finden, die Flüchtlinge einstellen – ohne eine Garantie, wie lange sie bleiben werden. „Und wir Helfer fragen uns natürlich auch, welchen Sinn unsere Arbeit macht. Anderthalb Jahre tun wir alles, um den Menschen den Start in ein neues Leben zu ermöglichen und dann war alles umsonst.“

Roland Sulzmann denkt immer häufiger darüber nach, sein ehrenamtliches Engagement herunterzufahren. Im Landsberieder Helferkreis ist er nicht der einzige. Und auch in anderen Landkreisen lässt die Motivation der Ehrenamtlichen nach. Im Kreis Erding beispielsweise haben sich vier Helferkreise schon komplett aufgelöst.

Auch der Helferkreis in Penzberg im Kreis Weilheim-Schongau bröckelt. Vergangenes Jahr gab es noch knapp 30 Paten, die sich um Flüchtlinge gekümmert haben. Inzwischen sind es noch zehn – obwohl die Zahl der Flüchtlinge gestiegen ist. Das hat einen ähnlichen Grund wie in Landsberied. „Die Helfer sind überlastet“, sagt Anke Ringel. Sie ist eine der Zehn, die übrig geblieben sind – kann aber gut verstehen, warum so viele ihr Engagement zurückfahren. „Bei uns im Landkreis leben etwa 90 Senegalesen“, erzählt sie. Die meisten wegen langwieriger Asylverfahren bereits seit zwei bis drei Jahren. Viele von ihnen sprechen gut Deutsch und hatten Arbeit gefunden. Weil sie aus als sicher eingestuften Ländern stammen, gilt für sie in Bayern allerdings seit Frühjahr 2015 ein Arbeits- und Ausbildungsverbot. Auch Deutsch- und Integrationskurse dürfen sie nicht besuchen. „In unserem Landkreis ist die Situation für sie besonders schlimm“, berichtet Ringel. Die meisten Senegalesen, die bereits einen Abschiebebescheid bekommen haben, besitzen keinen Pass und können nicht in ihre Heimatländer geschickt werden. Sie sind geduldet und in einem ehemaligen Hotel in Pähl untergebracht. „Dort sind sie völlig ab vom Schuss. Sie bekommen nur Sachleistungen, aber kein Geld. Sie können sich nicht mal ein Busticket kaufen.“

Den vollständigen offenen Brief der Flüchtlingshelfer an die bayerische Staatsregierung lesen Sie hier im Wortlaut.

Anke Ringel, Asylhelferkreis Penzberg

Viele der Senegalesen sind trotz Abschiebebescheid noch lange in Deutschland. „Die Menschen werden völlig depressiv“, sagt Ringel. „Wen wundert es, wenn sie in die Kriminalität abzugleiten drohen? Oder anfällig werden für die Lockungen von Fundamentalisten?“ Auch Anke Ringel ist nicht prinzipiell gegen Ablehnungen – aber gegen die Ausgrenzung bestimmter Nationalitäten. „Das schafft nur Neid unter den Flüchtlingen“, sagt sie. „Und auch für uns Helfer ist die Situation extrem belastend – wir müssen die Verzweiflung und den Frust tagtäglich auffangen.“ Ringel kann das Arbeitsverbot nicht nachvollziehen. „Wenn die Senegalesen bis zu ihrer Abschiebung arbeiten dürften, wäre es auch eine Form der Entwicklungshilfe“, sagt sie.

Die Penzberger und die Landsberieder Asylhelfer haben unabhängig voneinander aus ihrem Frust Briefe an Bayerns Staatsregierung gemacht. Hilferufe – bevor noch mehr Helfer hinschmeißen. Roland Sulzmann hofft: „Vielleicht gelingt es uns wenigstens, eine Diskussion anzustoßen.“

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