Paukenschlag: Europäischer Gerichtshof fällt überraschendes Urteil zu deutscher Pkw-Maut

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Sie unterstützen Gefangene im Alltag: Laureen Koch und Gerhard Gruber sind ehrenamtliche Gefangenenbegleiter in Stadelheim.

Einblicke aus Stadelheim

Bei wem sich Häftlinge menschliche Zuwendung holen

Sie schenken ein offenes Ohr, Ermutigung und Trost: Oft sind Gefangenenbegleiter die einzigen Bezugspersonen für Häftlinge. Die Arbeit der Ehrenamtlichen ist aber auch für den Justizvollzug eine große Unterstützung – aus diesem Grund.

München – Seit zweieinhalb Jahren sitzt Reinhold Wagner (Name geändert) hinter Gittern. Der Haftalltag ist eintönig, auf Besuch darf Wagner nicht hoffen: Er hat seine Tochter missbraucht, seine Familie will keinen Kontakt mehr zu ihm. Doch einen Lichtblick gibt es: Einmal im Monat trifft er sich mit einer ehrenamtlichen Betreuerin. „Es tut sehr gut, dass man jemanden zum Reden hat, der bloß da ist und zuhört und sich mit einem abgibt.“

Auch Kriminelle brauchen menschliche Zuwendung

Rund 1480 Ehrenamtliche kümmern sich in den 36 bayerischen Justizvollzugsanstalten um diejenigen, die von der Gesellschaft gerne ausgeblendet werden. Sie haben Mörder vor sich sitzen, Drogendealer und Betrüger. Und doch sehen sie in den Gefangenen in erster Linie einen Mitmenschen. „Es geht um ein ganz tiefes, mitfühlendes Zuhören“, sagt Laureen Koch.

Seit sieben Jahren ist sie als Ehrenamtliche in der Münchner JVA Stadelheim aktiv. Zwei Mal in der Woche leitet die 60-Jährige Gruppenangebote zum Thema gewaltfreie Kommunikation – und hat schon mehrfach erlebt, wie vermeintlich harte Kerle und unverwundbare Frauen auf einmal anfangen zu weinen, wenn sie ihre Gefühle in Worte fassen. Auch Gerhard Gruber kennt solch emotionale Situationen. So habe ein Gefangener ihn immer wieder gefragt, ob er wirklich seinetwegen gekommen sei. „Der hat das gar nicht fassen können.“

Ehrenamtler sind eine Stütze für Häftlinge und Justiz

Gruber gehört zu den Ehrenamtlichen, die eine 1:1-Betreuung machen. Das kann im Prinzip jeder, der bestimmte Voraussetzungen erfüllt, etwa in den letzten fünf Jahren nicht selbst im Gefängnis saß. „In Gesprächen, bei Freizeitangeboten oder bei Ausgängen begleiten sie die Gefangenen und bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft“, erklärt Justizminister Georg Eisenreich (CSU). „Dadurch leisten unsere ehrenamtlichen Helfer einen wertvollen Beitrag zur Resozialisierung und sind für unseren Justizvollzug eine wichtige Unterstützung.“

„Wenn man den ganzen Tag hinter Gittern lebt, hat man schon manchmal das Gefühl, von der Welt abgeschnitten zu sein“, erzählt der Leiter der JVA Stadelheim, Michael Stumpf. Den Ehrenamtlichen komme daher eine wichtige Brückenfunktion zu – sie kümmerten sich um die Insassen, auch wenn diese nicht immer einfach seien. „Das sind ja Menschen, die sich nicht immer an die Spielregeln halten, die vielleicht ihr ganzes Leben lang gelernt haben, sich durchzumogeln.“

Manchmal gibt es zu hohe Erwartungen auf beiden Seiten

Auch Carmen Dietenberger, die die Ehrenamtlichen in der JVA Stadelheim betreut, kennt die Fallstricke: So dürften sich die Betreuer nicht manipulieren lassen, teils gebe es auch überhöhte Erwartungen – auf beiden Seiten. Manchem Gefangenen müsse man klarmachen, dass die Ehrenamtlichen ihnen weder Job noch Wohnung besorgen noch das Urteil anfechten. „Sie sind keine Anwälte, keine Dienstboten und keine Sekretärinnen.“

Das Thema Nähe und Distanz spielt ebenfalls eine große Rolle, auch wenn das jeder Ehrenamtliche individuell handhabt. „Ich bin sehr zurückhaltend mit privaten Sachen. Das ist eine Gratwanderung, denn wir wollen ja auch authentisch und ehrlich sein“, sagt Koch. Letztlich gehe es um einen „natürlichen Respekt“ voreinander.

Mitleid hingegen sei kontraproduktiv. „Man darf den Gefangenen nicht nur in der Opferrolle sehen“, betont Dietenberger. Stattdessen müsse man ihm verdeutlichen, dass er nicht nur von seiner Vergangenheit bestimmt sei, sondern noch was aus seinem Leben machen könne. „Bei 60, 70 Prozent kann man was bewegen. Bei manchen ahnt man, da wird es wieder ähnlich ablaufen, wenn er in sein altes Milieu zurückkehrt.“

Ehrenamtliche als Familienersatz

Angst haben die Ehrenamtlichen bei ihren Einsätzen nicht. Brauchen sie auch nicht: Obwohl sie sowohl bei den Gesprächen als auch bei Ausgängen mit den Gefangenen alleine sind, gab es in Bayern noch nie einen Übergriff. Das Ansehen der Ehrenamtlichen unter den Gefangenen ist hoch, betont Dietenberger. „Das sind Zivilmenschen von draußen. Alle anderen, die hier arbeiten, sind Bedienstete der Institution, Vertreter der Staatsmacht.“

Auch Reinhold Wagner lässt nichts auf die Ehrenamtlichen kommen. „Das ist Familienersatz. Es ist eine große Wertschätzung, dass die sich die Zeit für uns nehmen.“ Echte Freundschaften entstehen jedoch selten.

Elke Richter

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