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Pfarrer Reinhard Röhrner aus Laberweinting erzählt mal wieder einen Witz. Die Ministranten Liesa (9) und Bastian (12) schüttelt's durch - vor Lachen.

So lustig kann Kirche sein

Die Auferstehung des Osterlachens

Laberweinting - So lustig kann Kirche sein. Im niederbayerischen Laberweinting pflegt der Pfarrer einen uralten, fast vergessenen Brauch: das Osterlachen.

Vor kurzem hat Pfarrer Reinhard Röhrner, 41, wieder einen erzählt. Mitten in der Kirche, beim Gottesdienst. Es war der von der Frau Meier beim Beichten. Manchmal erzählt er den Witz auch beim Seniorentreffen. Er geht so: Kommt die alte Frau Meier in den Beichtstuhl und sagt: Herr Pfarrer, ich habe gesündigt. Ich habe einen jungen Mann verführt. Sagt der Pfarrer: Aber Frau Meier, das ist doch schon 60 Jahre her. Darauf Frau Meier: Aber ich erzähl’s immer noch so gerne.

Die Gemeinde lachte sich krumm und schief, so laut, wahrscheinlich haben sich die Spatzen auf dem 33 Meter hohen Turm der Pfarrkirche St. Martin erschreckt. Aber vielleicht sind sie es auch schon gewohnt, denn das mit dem Lachen passiert oft hier, in Laberweinting, einer kleinen Gemeinde in Niederbayern, 3400 Einwohner, 25 Kilometer bis nach Straubing. Einer gemütlich verschlafenen Gemeinde, in der die Bäckerei um 12 Uhr noch Mittagspause macht. Hier, wo Glaube und Humor eine außerordentliche Liaison eingegangen sind. Gerade an Ostern.

Andrea Glöbl geht regelmäßig in die Kirche, ihre Kinder Liesa, 9, und Bastian, 12, sind sogar Ministranten. Sie sagt: „Bei uns ist es nicht so ernst: Bei uns in der Kirche wird gelacht und geklatscht.“ Einmal haben sie sogar eine Polonaise durch die Pfarrkirche gemacht. Eine Mordsgaudi.

Pfarrer Röhrner traut sich was

Pfarrer Röhrner, ein freundlicher Mann mit Ohrring, Brille und Hausdackel, sagt: „Lachen befreit.“ Deswegen baut er in seine Predigten immer wieder Witze ein. An Christi Himmelfahrt hat er den erzählt: Beim Kirchgang trifft der Pfarrer einen Bauern, der mit seinem Schlepper durch den Ort fährt. Entrüstet ruft der Pfarrer: Warum arbeiten Sie heut? Es ist doch Himmelfahrt. Der Bauer antwortet seelenruhig: „Naa, ich fahr heut eh ned mit.“

Pfarrer Röhrner traut sich was. „Das, was kompliziert ist, muss man einfach machen“, sagt er. Das ist das Geheimnis einer guten Predigt. Und natürlich eines guten Witzes. Auch am Ostersonntag will er wieder einen in der Kirche erzählen. Er weiß sogar schon welchen, aber dazu kommen wir später. Klar, Röhrner macht das alles nicht, weil er Deutschlands lustigster Geistlicher sein will, sondern auch um einen uralten, früher gerade in Bayern verbreiteten Brauch auferstehen zu lassen. Das Osterlachen.

Der Pfarrer holt seine Schäfchen in ihrem Alltag ab – mit einem großen Klecks Humor. Das ist seine Art für den Glauben zu werben. Seine Kirche soll ein Platz zum Weinen und zum Lachen sein. Jahrhundertelang war es die edelste Aufgabe eines Geistlichen, seine Gemeinde bei der Osterpredigt zu Tränen zu rühren. Zu Tränen der Freude. In gläubiger Gemeinschaft hat man früher die Angst vor dem Tod weggelacht. Gemeinsam hat man sich gefreut, dass der auferstandene Jesus den Tod überwunden hat. „Die Freude ist wesentlich für das, was wir Erlösung nennen“, sagt der Pfarrer aus Laberweinting. Das Osterlachen hat einen tiefen theologischen Kern, Pfarrer Röhrner hat vor ein paar Jahren einen Aufsatz darüber verfasst. Man könne es als ganzheitliche Glaubenserfahrung bezeichnen, schreibt er. Und weiter: „Wer lacht, spürt Lebenslust und ist – so die Hoffnung damaliger Kleriker – empfänglicher für die Osterbotschaft, die den Sieg des Lebens über den Tod, Befreiung und Erlösung der Menschen in Jesus Christus verheißt.“

Vogelwilde Auswüchse des Brauchtums

Aber es sind auch vogelwilde Auswüchse des Brauchtums überliefert, die schon bald scharfe Kritiker der frommen Spaßmacherei auf den Plan riefen. Auswüchse, die den Brauch bei strengen Glaubenshütern in Verruf brachten. Am Ostersonntag anno 1518 soll der Pfarrer im Baseler Münster durch das Mittelschiff gerannt sein – auf allen Vieren und quiekend wie ein Schwein. Andere Geistliche haben geschnattert wie Gänse, es gab sogar welche, die an Ostern – angeblich selbstgelegte – Eier aus ihren Gewändern fischten. Von mancher Kanzel runter wurden gar schwer schweinigelige Witze gedroschen. Thema: der Beischlaf in all seinen Facetten. Irgendwann hatten die Kirchenoberen genug: Sie verboten das Osterlachen, genau wie die „Ostermärlein“, das waren skurrile Anekdoten, die der Pfarrer vortrug, gerne mit Perücke auf dem Kopf und mit Hilfe wilder Grimassen. Gaudi-Alarm im Haus Gottes. Lachen, bis der Teufel weint.

Der österreichische Theologe Karl Veitschegger hat sich ausgiebig mit dem Phänomen des Osterlachens beschäftigt. Martin Luther lehnte den Brauch seinen Nachforschungen zufolge als „närrisch lächerliches Geschwätz“ ab. Der Reformator Johannes Oekolampad (1482-1531) hat sich gar nicht mehr eingekriegt vor Wut über die faxenmachenden Oster-Prediger. In einem Brief an einen Kollegen schimpft er: „Einer schrie immer Kuckuck. Ein anderer legte sich auf Rindermist, tat, als sei er im Begriff, ein Kalb zu gebären. Wieder einer zog einem Laien eine Mönchskutte an, machte ihm dann vor, er sei nun Priester und führte ihn zum Altar. Wieder einer erzählte, mit welchen Mitteln der Apostel Petrus die Wirte um die Zeche betrog.“ Er verabscheue das Treiben dieser Geistlichen. Die knappe Antwort seines Kollegen: Immerhin hindere das Osterlachen die Leute in der Kirche beim Einschlafen.

Humor ist Geschmackssache, Humor ist eine Gratwanderung, schon zu allen Zeiten. Aber Humor im Kirchenschiff ist die Steigerung davon: ein Seiltanz in Gottes heiligen Hallen. Da sollte man Witz-erprobt sein, sonst kann man tief fallen. Der Knackpunkt sei, sagt Pfarrer Röhrner, bloß kein Klamauk und keine Plattheiten. „Sonst besteht die Gefahr, dass man sich immer steigern muss.“ Dass irgendwann ein Möchtegern-Harald-Schmidt oder gar ein Mario-Barth-Verschnitt mit Messgewand am Altar steht. Das soll natürlich nicht passieren, der Geistliche setzt die Witze sowieso dosiert ein. Goldene Regel: nie mehr als einer pro Predigt und immer erst am Ende der Messe. Im Zweifel trennt sich der Pfarrer schon mal von einem Witz, auch wenn er ihn eigentlich prima findet. Man will ja niemanden vor den Kopf stoßen.

Der war lange im Rennen um den Ehrenplatz in der Osterpredigt: „Kommt ein Mann zum Bestatter und sagt: Mein Erbonkel ist verstorben. Er hat mir ein ordentliches Sümmchen vermacht. Als Dank würde ich ihn gerne richtig prunkvoll bestatten lassen. Was könnten sie mir empfehlen? Der Bestatter sagt: Wir hätten da was Außergewöhnliches im Angebot – wir könnten eine Bestattung in Jerusalem organisieren, direkt am Ölberg. Sagt der Mann: Nein, das ist mir zu gefährlich. Da ist schon mal einer zurückgekommen.“ Pfarrer Röhrner sagt: „Der ist vielleicht zu kritisch.“ Im Wirtshaus würde er ihn jederzeit erzählen, aber Ostersonntag in der Pfarrkirche ist dann doch was anderes.

Nicht nur in Niederbayern wird viel gelacht, auch die Bibel kennt berühmte Lachanfälle, erzählt der Pfarrer. Der allerberühmteste steht im Alten Testament. Sara, die Frau Abrahams, traut sich was, als sie erfährt, dass sie mit fast 100 Jahren noch mal schwanger geworden ist: Sie lacht Gott aus. Aber der Allmächtige verzeiht ihr. Sara gebärt einen Sohn. Sie nennt ihn Isaak. Zu Deutsch: Gott lacht. Isaak gilt als Erzvater der Israeliten. Wenn man so will, entspringt das gesamte jüdische Volk dem Lachen Gottes.

Nichts ist anscheinend mächtiger als ein Lachen, dessen Zeit gekommen ist. Sitzt man ein Weilchen mit Pfarrer Röhrner zusammen, dann bekommt man ziemlich schnell gute Laune. Lachen steckt an, Lachen verbindet, vielleicht auch so ein Geheimnis, warum die Menschen in Laberweinting gerne in die Kirche kommen, gerade an Ostern. Und, das muss man jetzt mal sagen, es gibt einfach einen Haufen höllisch guter Religionswitze. Glaube macht Spaß. Glaube darf Spaß machen. Eine befreiende Vorstellung.

Kennen Sie den schon? „Nach dem letzten Abendmahl erscheint der Kellner und fragt: Alles zusammen? Nein, sagt Judas, bitte getrennt.“

Oder den? Der Papst besucht zum ersten Mal eine Sauna und ist begeistert. Er sagt: „So gut hab’ ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Das machen wir morgen gleich noch mal.“ Ein Würdenträger flüstert ihm ins Ohr: „Eure Heiligkeit, morgen geht nicht, da ist gemischte Sauna.“ Darauf der Papst: „Macht nichts. Mit den paar Protestanten werden wir auch noch fertig.“

So, aber jetzt ist Schluss. Wer mehr will, muss am Ostersonntag nach Niederbayern, 84082 Laberweinting, 9.45 Uhr, Pfarrkirche St. Martin, gegenüber vom Pfarramt. Pfarrer Röhrner hat sich was Besonderes ausgedacht. Mehr wird nicht verraten. Nur so viel: Sein Osterwitz ist noch besser als der von Himmelfahrt.

Stefan Sessler

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