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Elegant: Herzog Franz von Bayern im Park des Schlosses Nymphenburg, wo er Wohnrecht genießt.

SERIE ÜBER LUDWIG II. - TEIL I.

„Er war der auffälligste Wittelsbacher“

Vor bald 125 Jahren starb Ludwig II. Heute starten wir eine Serie über den „Kini“: Ein Gespräch mit seinem Verwandten Herzog Franz von Bayern.

Herzog Franz von Bayern, 77, ist heute das, was Ludwig II. (1845 bis 1886) vor langer Zeit war: Chef des Hauses Wittelsbach. Beide sind über Ecken verwandt, ihr gemeinsamer Vorfahre ist Ludwig I.: Er war der Großvater von Ludwig II. und der Urururgroßvater von Herzog Franz. Ein Gespräch über die Tragik und die Leistungen des „Kini“.

Königliche Hoheit, wann haben Sie begonnen, sich für Ludwig II. zu interessieren?

Das war in den ersten Jahren nach dem Krieg. Als kleines Kind, im Exil während der Nazi-Zeit, wusste ich von ihm nichts. Erst nach unserer Rückkehr hat man uns Kinder langsam mit Bayern vertraut gemacht – was es da so gibt, wie das Land ausschaut. Dazu gehörten die Königsschlösser, die haben mir als Kind schon sehr imponiert. Die Menschen haben das alles noch sehr zwiespältig aufgenommen – auch die Person Ludwigs II. Es waren die vielen Legenden da, die große Beliebtheit im ganzen Land. Aber wie man das eigentlich einordnen soll, das hat niemand so recht gewusst.

Ludwig wurde lange nur als Spinner belächelt. Wie sahen Sie ihn?

Ich war lange unsicher im Urteil. Als Bub im Gymnasium Ettal kümmert man sich ja nicht um solche Dinge. Innerhalb der Familie galt er einerseits als ein Phänomen fast am Rande der Peinlichkeit. Zum anderen hat das Trauma seines Todes in den damals Lebenden noch nachgewirkt.

Die Menschen fanden seine Bauten zunächst schwer zu ertragen, oder?

Viele Leute dachten, das sei eigentlich Kitsch – nur trauten sich die meisten nicht, das zu sagen. Die erste ernsthafte kunsthistorische Auseinandersetzung gab es Ende der 1960er-Jahre mit der großen Ausstellung über „König Ludwig II. und die Kunst“ in der Münchner Residenz. Ich habe damals am Rande mitgearbeitet und bei dieser Gelegenheit das ganze vorhandene Material durcharbeiten können. Da hat sich für mich viel am Bild Ludwigs geändert.

Was waren für Sie die Aha-Erlebnisse?

Da war zunächst die Fülle des Materials. Es gibt rund 5000 Vorzeichnungen und Skizzen zu Projekten von Ludwig, keineswegs nur zu den Schlössern. Er hat unglaublich präzise gearbeitet: Es gibt da keinen Teller, für den nicht ein Entwurf vorhanden ist, den Ludwig dann wiederum kritisiert. Um jedes Detail hat er sich gekümmert: wo ein Page steht, welche Uniform er trägt. Das sind alles handschriftliche Randnotizen. Mich hat überrascht, wie ernsthaft er seine Ideen verwirklicht hat. Und wie ungeheuer fleißig er war.

Ludwig wird heute oft als größenwahnsinniger Märchenkönig etikettiert. Wie empfinden Sie das?

Ein Etikett wird einem Menschen nie gerecht, auch nicht Ludwig – weder seiner Tragik im Leben, noch seiner Tragik im Tod, noch seiner Leistung auf staatlichem Gebiet. Mir kommt gerade die politische Geschichte Ludwigs zu kurz. - Was zeichnete ihn denn als Politiker aus? Auch da trägt Ludwig eine tragische Spannung in sich. Er war durchaus ein König mit Schreibtischpflichten, die er gewissenhaft erfüllt hat. Er hat lange Zeit jeden Tag gearbeitet. Allerdings war er kein Regierer. Die Frage: Wie geht es meinem Land, wie geht es meinen Leuten, was brauchen die jetzt – die war für ihn wohl nicht immer sichtbar. Ich sehe auch nicht, dass er politisch jemals eine Initiative in die Hand genommen hätte, um eine politische Entwicklung zu verhindern oder ins Gute zu wenden. Da gab es nur wenig Regierungsaktivität. Auch das war seine Tragik: Er konnte nur seine Idee des Königtums leben, aber ihm fehlte die politische Energie, um zu regieren.

Worin bestand dann seine politische Leistung?

Ludwig konnte politisch sehr hellsichtig sein, wie der Briefwechsel mit seinem Bruder Otto zeigt. Die beiden jungen Männer haben mitunter instinktiv vorausgesehen, wo Dinge hinführen können. Aber Ludwig zeigte eben nicht unbedingt den Willen, den Lauf der Zeit auch zu beeinflussen. Auch nicht in der Zeit um 1866, als Bayern unter Ministerpräsident von der Pfordten und an der Seite Österreichs in den unglückseligen Krieg gegen Preußen hineingetrieben wurde. Da hätte man sehen müssen, dass das nicht gutgehen kann. Da gibt es aber noch viel zu forschen.

1870, nach dem deutschen Sieg gegen Frankreich, war es Ludwig II., der Wilhelm I. auf Bismarcks Bitte hin die Kaiserkrone antrug. Wie schätzen Sie diesen Vorgang ein?

Bismarck hatte durchaus Respekt für Ludwig. Er hat gespürt, dass da Format vorhanden ist. Beim Kaiserbrief Ludwigs heißt es ja oft, er sei erkauft worden – mit den Goldmark- Millionen als Entschädigung für den unter Geldnot leidenden Ludwig. Der Brief sei somit ein Zeichen äußerster Schwäche. Aber so ganz dumm war es wohl nicht, sich an die Spitze aller zu stellen und noch ein paar Sonderrechte für Bayern herauszuhandeln – bei der Bier- und Branntweinsteuer zum Beispiel oder den Einnahmen aus dem Postund Telegrafenwesen. Hätte sich Ludwig verweigert, hätte ja eventuell auch die Gefahr bestanden, dass Preußen in Bayern einmarschiert.

Wie sehen Sie ihn in der Reihe der Wittelsbacher Herrscher? W ar Ludwig herausragend?

Herausstechend, würde ich sagen: Er ist sicherlich der auffälligste. Als Regent für sein Land und für sein Volk gibt es aber bedeutendere.

Ludwig I. mit seinen Bauten zum Beispiel?

Ja, aber es gab auch schon früher bedeutende Herrscher, im 17. Jahrhundert den Kurfürsten Maximilian, der große Reformen durchführte. Oder ein Jahrhundert später Max III. Joseph, der ganz bescheiden einen immensen Schuldenberg beseitigt hat und seinem Land Wohlstand brachte, wo früher bittere Armut war. Das sind Leistungen, die mir mehr imponieren. 

Wie bewerten Sie die Homosexualität Ludwigs II.?

Sie scheint doch erwiesen zu sein, ohne dass ich jetzt die Details kenne. Ich hoffe, man geht damit genauso normal um, wie mit dem Phänomen als solchem in unserer Welt. Für Ludwig war es ein Problem, das in seiner Zeit unlösbar war. Homosexualität war moralisch verwerflich. Das führte bei Ludwig zu einem starken Gewissenszwiespalt, er muss das als Bedrohung seiner Existenz empfunden haben. Ohne Zweifel stand er da unter einem enormen inneren Druck.

Über Ludwig II. erscheint immer neue Literatur. Arbeiten Sie das alles durch, ist das für Sie eine Pflicht als Chef des Hauses Wittelsbach?

Vieles wird mir zugeschickt, und viele Projekte kenne ich, weil die Forscher ja bei uns wegen der Benutzung des Hausarchivs nachfragen. Die ernstzunehmenden Veröffentlichungen schaue ich mir schon an. Aber lesen kann ich nicht alles von A bis Z. Zum Glück gibt es Inhaltsverzeichnisse, da kann ich mir die Kapitel heraussuchen, bei denen ich glaube, etwas Neues vorfinden zu können. 

Gibt es noch Akten, die gesperrt sind?

Was Ludwigs Tod betrifft, ist alles bis aufs letzte Blatt Papier zugänglich – und durchgesehen worden. Wir verschweigen nichts. - Die Guglmänner fordern schon lange, den Sarkophag zu öffnen und den Leichnam zu untersuchen. Erstens glaube ich nicht, dass sich heute noch irgendetwas feststellen lässt. Ludwig ist gleich nach seinem Tod obduziert worden. Zweitens verbietet mir mein Gewissen, auf einen reinen Verdacht hin die Totenruhe eines bayerischen Königs zu stören. - Wie starb Ludwig? Ich weiß es nicht. Man kann es nicht wissen, trotz aller Untersuchungen. Und es ist wirklich alles geprüft worden.

Aber ein Mord wäre nicht ausgeschlossen?

Letztlich nicht. Die solideste Untersuchung hat Wilhelm Wöbking angestellt, ein ehemaliger Kriminaler und Leitender Oberstaatsanwalt, der seine Ergebnisse ja auch publi- Bei der Ludwig-Ausstellung auf Schloss Herrenchiemsee soll eine Visualiziert hat. Aber letzte Sicherheit kann es nicht geben. Was heute noch auftaucht, sind Aussagen von zweifelhafter Herkunft: Da ist die Großmutter der Tante, die dies oder jenes erzählt haben soll. Das sind nur Gerüchte. Ich wehre mich aber dagegen, dass etwa dem armen Prinzregenten Luitpold ein Mord angehängt wird. Das hat es ja auch schon gegeben.

Stört Sie die Kommerzialisierung um Ludwig II.?

Was mit der Legende und den Baudenkmälern verbunden ist, das gehört dazu. Es stört mich, wenn man nur Geld rausschinden will auf Kosten der Würde des Menschen. Ludwig II.-Tassen oder Ähnliches kann man mit Humor sehen. Aber Filme, die ihn fast ins Pornografische ziehen, wo man sich Ludwig nur bedient, um einen Reißer zu machen – das darf man nicht. Ich meine nicht den Visconti- Film mit Helmut Berger als Ludwig und nicht den Film mit O.W. Fischer. Das sind wunderbare Filme – obwohl sie nicht historisch akkurat sind.

Leidenschaft für Kunst und Wissenschaft – ist das etwas, was Sie auch persönlich mit Ludwig verbindet?

Ja. Mich fasziniert, dass Ludwig ganz eigene Stile kreiert hat. Nehmen Sie Schloss Neuschwanstein, das entgegen Ludwigs Absichten mit Romanik gar nichts zu tun hat. Da ist etwas ganz Eigenes geschaffen worden. Das ist ein Beispiel für die Schaffenskraft eines ungeheuer wachen Geistes. Die von Ludwig angeregten Erfindungen wie die Seilbahn am Alpsee zeigen aber auch sein zwiespältiges Wesen.

Inwiefern zwiespältig? Ein Beispiel: Er erhält einen Brief zur Lösung eines technischen Problems zur Grotte in Linderhof. Drei Seiten lang rühmen sich die Techniker, was für eine technische Neuerung sie da erfunden haben. Und was steht nebendran handschriftlich von Ludwig? ,Ich will gar nicht wissen, wie’s gemacht wird. Ich will nur die Wirkung sehen.‘ Es gibt viele solcher Randnotizen. Das war Ludwig. - Den Plan einer Bahnstrecke nach Hohenschwangau hat er indes verworfen. Ja. Da stoppt er und sagt: Diese herrliche Landschaft darf nicht gestört werden. Und auf einmal haben wir da den Gedanken des Landschaftsschutzes drinnen. Sie sehen: Ludwig ist keine einfache Figur. Da spielen sehr viele Dinge mit – auch viele positive und hellsichtige.

Bei der Ludwig-Ausstellung auf Schloss Herrenchiemsee soll eine Visualisierung von Schloss Falkenstein gezeigt werden. Wie sehen Sie dieses nie gebaute Mega-Schloss?

Ludwig forderte damit die Regierung heraus – das war ein politischer Akt. Man muss sich das vorstellen: Die bayerische Regierung sah den Bankrott kommen und bat Ludwig flehentlich, die Bautätigkeit einzustellen. Und was bekam sie auf den Tisch? Einen neuen Plan für ein riesiges Falkenstein und einen neuen Plan für ein chinesisches Schloss am Plansee. Es ist aber auch eine kunsthistorische Frage, welche Ideen etwa hinter Falkenstein stecken. Ich kenne die Antwort nicht. Sie sehen: Ich habe noch viele Hausarbeiten zu erledigen. Aber noch größer und noch schöner als Neuschwanstein – das sind ganz unzureichende Kategorien. Ludwig hätte nie etwas getan, um sich selbst zu übertreffen. Das waren immer neue Ideen.

Sie bauen derzeit ein eigenes Museum am Fuße von Neuschwanstein. Welche Idee steckt dahinter?

Es ist eigentlich kein Museum, weil es nur wenige Originale zu sehen geben wird. Es ist eher eine Informationsstelle. Wir bekommen gerade von Neuschwanstein-Besuchern viele Anfragen zur Geschichte der Wittelsbacher – so nach dem Motto: Gibt’s die denn eigentlich noch? Wir wollen die Geschichte also weiterführen, wie es der Familie etwa in der Revolutionszeit und in der NS-Zeit ergangen ist, was die Familie seitdem macht und wer sie eigentlich ist.

Sie müssen sich also selbst ausstellen.

(lacht) Nur ein bisschen.

Interview: Robert Arsenschek und Dirk Walter

Die nächste Folge

"Das Staatsverbrechen an Ludwig II. - ein Beitrag des Politikers und Publizisten Peter Gauweiler über Ludwig II.

>> weiter zu Teil 2 der Serie

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