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„Die Nackerten gspiern nackert d’Musi so wunderschee“: Das Motto – frei nach dem Lied „Nackert“ von LaBrassBanda – beherzigen diese barfüßigen, jungen Volksmusik-Fans beim Auftritt ihrer Lieblinge auf dem Trachtenfest des Gauverbands 1 in Ruhpolding im Landkreis Traunstein.

Der Streit um „Labrassbanda“

Der Aufstand der Fußnackerten

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    Marcus Mäckler
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Ruhpolding – Sie kamen, sie ließen das Festzelt beben – und die Trachtenwelt ging trotzdem nicht unter. In Ruhpolding zeigten die Blasmusikrocker von LaBrassBanda, dass Alt und Neu gut zusammenpassen. Die Frage, was Tradition ist und was nicht, ist aber noch lange nicht vom Tisch.

Diese Geschichte muss mit Füßen beginnen, mit nackerten Füßen. Mit vielen unbesockten, die in Haferlschuhen stecken. Mit einigen, an denen bloß Flipflops flatschen. Und mit ein paar, die völlig blank sind, Fiaß, ja Herrschaftszeiten, wie der liebe Gott sie halt schuf. Echte Bayern-Fiaß. Und wie diese Füße so über die blitzblanken Holzbohlen im Festzelt tanzen, packt der blonde Oberfußnackerte auf der Bühne das Mikro. „Auch bei Trachtenfesten kann man super barfuß sein“, ruft er und streckt eine Faust in die Luft.

Der Oberfußnackerte: Stefan Dettl, der trompetende Kopf von LaBrassBanda, beim Konzert in Ruhpolding.

Es ist Mittwochabend, der Mann auf der Bühne ist Stefan Dettl, Trompeter und Gesicht der Band LaBrassBanda, die gerade in Ruhpolding spielt. Es ist nicht irgendein Auftritt, sondern der beim Trachtenfest des Gauverbands 1. Es ist das größte seiner Art in Bayern, ein Heiligtum für die traditionsbewussten Trachtler. Und jetzt kommt da eine Band, von der manche im Vorfeld behauptet hatten, sie stehe für den nahenden Untergang der Trachtenkultur. Auch darum sind einige Fans mit nackten Füßen zum Konzert gekommen – um sich mit der Band, die immer barfuß spielt, zu solidarisieren. Und um den Kritikern zu zeigen, dass Tradition an allem hängt, aber nicht am Schuhwerk.

Altgediente wie Otto Dufter waren es, die die heile Trachtenwelt Ende Juni ordentlich aufrüttelten. Der Ehrenvorsitzende des Bayerischen Trachtenverbands wetterte, die Band passe nicht zu einem Großereignis wie dem Gaufest. Kernbotschaft: Die Burschen sind einfach zu unkonventionell. Stehen in Lederhosen auf der Bühne, aber ohne Haferlschuh. Und dann diese wilde Musik, die, zugegeben, nur leicht ans alpenländische Bläseridyll erinnert.

Ist eine moderne Band wie LaBrassBanda Teil der bayerischen Tradition oder nicht? Die Frage stand plötzlich bedrohlich im Raum.

Was Dufter auslöste, kann er nicht gewollt haben. Mit ein paar Sätzen brachte er junge Trachtler gegen sich auf – und alle, die sich als moderne Bayern empfinden. Sie reagierten mit offener Empörung – und Spott. Die Facebook-Gruppe „Wos dad’n da Otto do sogn“ ist nur ein Beispiel. Dort machen sich die Nutzer über die Ansichten des Traditionalisten Dufter lustig. Nicht allzu böse, aber böse genug.

Hier im Festzelt, wo der Himmel in weiß-blauen Stoffbahnen von der Decke hängt, gibt es so gut wie niemanden, an dem das Thema vorbeigegangen ist. Alte wie Junge. Die mit Tracht und die ohne. Einheimische und Gäste. Alle haben mitdiskutiert, daheim, mit Kollegen, im Verein. Viele haben die Köpfe geschüttelt. Wenzel Karger aus Bergen im Chiemgau kommt aus dem Schütteln gar nicht mehr heraus. Der 21-Jährige ist gelernter Steinmetz und trägt einen dunklen Bart, um den ihn so mancher Alt-Bayer beneiden würde. Dazu ein T-Shirt und die Hirschlederne, handgenäht. Was er am Mittwoch nicht trägt, sind Haferlschuh. Die lässt er auch sonst ganz gerne weg. „Wenn ich mein Brauchtum zeigen will, mach’ ich das eben so.“ Überhaupt hält Wenzel es für falsch, das mit der Tradition zu eng zu sehen. „Zum Schweinsbratenessen setze ich mich auch nicht in der Tracht hin.“

Viele sehen das so. Bayer zu sein, das ist für sie keine starre Form von gestern, sondern ein Lebensgefühl von heute. Andi Hareter, 37, und sein Spezl Gottfried „Goofy“ Garnreiter, 41, aus Bernau am Chiemsee sind seit Jahren LaBrassBanda-Fans. Sie lieben die Musik. Und sie lieben „dieses bayerische Hippietum“, das die Burschen verkörpern. Der Streit, den die Trachtenoberen angezettelt haben, ärgert sie maßlos. Nur deshalb sind sie gekommen: um ihr Bayern zu verteidigen, ihr Lebensgefühl. „Tracht“, sagt Hareter, „muss Spaß machen.“

Volksmusik auch. Nur: Was ist die leibhaftige Volksmusik? Elmar Walter, 35, schnauft tief durch: „Ein heikles Thema.“ Walter kennt sich aus, er ist Chef der Abteilung Volksmusik beim Landesverein für Heimatpflege – und auch ein LaBrassBanda-Fan. Er sagt: „Viele haben Angst, man nimmt ihnen was weg.“ Volksmusik sei für manche wie ein Eigentum, dabei gehöre sie doch eigentlich der Allgemeinheit. Oft gerät er damit zwischen die Fronten: Auf einem Musikantentreffen in Schliersee, das sein Verein organisiert hatte, spielte eine bairische Kapelle einen ungarischen Tanz – hernach bekam er böse Briefe. Der Vorwurf: Der Landesverein pflege die Heimat nicht.

Das erinnert stark an den Zwist um die Dettl-Gruppe. Machen die echte Volksmusik oder nicht? So ein Schwarz-Weiß-Denken lassen Elmar Walter und seine Kollegen aber nicht gelten. Höchstens eine Blaupause: Volksmusik ist die Musik, die die Menschen selbst machen, die ihnen gefällt, die sie mit ihrer Region verbinden, in die sie hineinwachsen.

Da hockst di nieder: Wenzel Karger aus Bergen verzichtet auf Schuhe, die Madln im Hintergrund nicht.

Noch nie gab es ein so breites Angebot für junge Menschen an bayerischer Musik: Die Erfolgsgeschichte von LaBrassBanda spielt eine große Rolle, doch es gibt viele weitere Bands – in diesem Sommer findet fast jedes Wochenende irgendwo im Freistaat ein Festival mit jungen bayerischen Bands statt. Eines der bekanntesten: das „Heimatsound“ in Oberammergau am ersten Augustwochenende. Längst ausverkauft. „Das wird immer populärer“, sagt Elmar Walter. Und je stärker die eine Seite werde, desto stärker halte die andere dagegen. „Das ist wie beim Seilziehen.“

Als staatlich beauftragter Volksmusik-Pfleger muss er den Geschmack von allen abbilden. Und die Regionalität von Volksmusik hervorheben – das klingt leichter, als es ist. Ein Beispiel aus dem Volkstanz: Im Chiemgau gibt es traditionell eigentlich keinen Zwiefachen, das ist der Tanz mit ständigem Wechsel zwischen Dreher- und Walzerrundtanz. Der ist eher in Ostbayern daheim. „Da wird es welche geben, die sagen, das stimmt nicht“, sagt Walter – denn getanzt wird der Zwiefache überall. Er sagt auch: „Der Konflikt besteht nicht zwischen Jung und Alt – es gibt viele junge Traditionalisten, die noch viel strenger sind als ältere.“

Die Strengen – das sind für Christoph Well „Krieger“. Well, Mitglied der legendären Biermösl Blosn, schrieb neulich in der Zeitschrift „Muh“ einen Aufsatz zum Thema. Überschrift: „Vom Landler-Dschihad“. Dschihad – der heilige Krieg. Well stellt für eine Radiosendung im BR eine Musiksendung zusammen, in der spielt er manchmal Hans Söllner gleich nach den Wegscheider Musikanten. Oft hagelt es Kritik: „Damit begehe ich in den Augen und Ohren vieler Volksmusikorthodoxler ein Sakrileg, weil ich ,echte und wahre und gute‘ Volksmusik mit Kabarett, Liedermacherei und ,diesem ganzen zeitgeistigen Unfug‘ vermische“, schreibt Well.

Jetzt sitzt er in seinem verwinkelten Esszimmer in München-Haidhausen, zieht an seiner Zigarette und erzählt von der Zeit, als er sich von der „volkstümlichen Musik im Musikantenstadl-Stil“ und der „fundamentalistischen, orthodoxen Volksmusik der Traditionalisten“ abgegrenzt hat. Leicht war das nicht: Sein Vater ein Musiklehrer, der die Hausmusik pflegte. Seine älteren Geschwister, die noch mit dem Volksmusikanten Wastl Fanderl aufwuchsen. Er selbst spielte als Bub Tanzlmusi und Landler – und fand auch nichts dabei. Dann kam die Biermösl Blosn, und mit der spielten sie einfach das, was ihnen gefiel. Auch mit ausländischen Tönen. „Die Traditionalisten haben damals schon Angst um ihre Pfründe gehabt.“ Das sei heute nicht anders: Durch die Globalisierung wachse die Furcht, Eigenständigkeit und Identität zu verlieren. Well sieht für das Alte keine Bedrohung durch das Neue: Im vorigen Jahr trat er im Circus Krone mit LaBrassBanda auf – mit einem Hip-Hop-Lied, im Text ging es um die bayerischen Milchbauern. Heimatpflege funktioniert für Well auch so.

Ob es nicht einfach Platz für alle geben kann?

Einer, der dieser Idee anhängt, ist Hermann Feil, 47. Er ist Chef des Gebirgstrachtenerhaltungsvereins „D’Miesenbacher“, der die zehntägige Festwoche in Ruhpolding ausrichtet. Neben dem großen Fest vorigen Sonntag, zu dem 8000 Trachtler in weiß-blauer Seligkeit schwelgten, neben Musikertreff und Preisplattln, sollte es zumindest eine Veranstaltung geben, die ein bisschen moderner daherkommt.

Dazu stehen er und seine Vereinskollegen noch immer – und kassieren am Mittwoch großes Lob. „Danke an die Veranstalter“, ruft Stefan Dettl nach so ziemlich jedem Song von der Bühne herunter. Nochmal und nochmal. „Das ist eine ehrliche Truppe“, sagt Feil, während er wie ein Monolith am Seitenausgang steht.

Um ihn herum tanzen sie sich schwindelig – oder werden langsam angesteckt. Wie Alexandra Komm, 47, aus Burghausen. „Ich hab’ bloß mein Kind hergebracht“, sagt sie. Aber dann war sie doch neugierig und blieb. „Man muss sich für solche Bands öffnen.“

Es scheint, als müssten das auch die Trachtenoberen akzeptieren. Denen ist die Sache offenbar ziemlich unangenehm. Otto Dufter will gar nichts mehr sagen. Auch der Landesvorsitzende des Trachtenverbands, Max Bertl, äußert sich nur kurz: „Das ist für mich vorbei und gegessen.“ Schluss, aus.

Wenzel Karger, der Fußnackerte mit dem Bart, hatte gehofft, „dass der Dufter persönlich kommt und dem Dettl ein paar Haferlschuh schenkt“. Otto Dufter kam nicht.

Marcus Mäckler und Carina Lechner

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