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Skrupellose Verbrecher oder Handlanger? Der Dolmetscher übersetzte für Ammar R., Mustaz J. und Mahmod M. (von links) die zehn Seiten lange Anklage. Alle drei stellten sich als Handlanger der Schleuser dar.

Die zwei Versionen einer Tragödie

Tödliche Flucht übers Mittelmeer - Teilgeständnis zu Prozessbeginn

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Drei Männer sollen für den Tod von 13 Flüchtlingen auf dem Mittelmeer verantwortlich sein – zumindest zwei von ihnen als Teil einer internationalen Schleuserbande. Sie sagen, sie seien nur Handlanger gewesen.

Traunstein – Die Liste der Namen ist lang. Einen nach dem anderen liest Staatsanwältin Jennifer Pöschl Dienstagmorgen im Saal des Traunsteiner Landgerichts vor. Mehr als 250 Menschen sollen die Männer auf der Anklagebank in überfüllten Schlauchbooten übers Mittelmeer geschleust haben. 72 Namen sind bekannt, darunter 17 Kinder. Mindestens 13 dieser Menschen sind ertrunken, zwei Kinder werden bis heute vermisst. Der Dolmetscher übersetzt die Anklage synchron für die drei Angeklagten. Sie verstehen, was ihnen vorgeworfen wird: lebensgefährliches Einschleusen von Flüchtlingen mit Todesfolge in 13 Fällen. Keinem der Männer ist anzusehen, was gerade in ihnen vorgeht.

Es ist das erste Mal, dass sich ein bayerisches Gericht mit dem Tod von Flüchtlingen im Mittelmeer befasst. Verantworten müssen sich die mutmaßlichen Schleuser für sechs Fälle. In fünf davon erreichten die Menschen die griechische Küste in Lesbos unversehrt. Ein Schlauchboot, das in der Nacht auf den 20. September 2015 im türkischen Izmir startete, kollidierte aber in der Dunkelheit mit einem Frachtschiff. Am Steuer des Bootes saß damals Ammar R., 24, wie die beiden anderen Männer in einem palästinensischen Flüchtlingslager in Syrien aufgewachsen. Sie kannten sich. In dem Boot saß er als Flüchtling, betont er. Er sei von den Schleusern mit Waffen dazu gezwungen worden, das Boot per GPS nach Lesbos zu steuern, übersetzt der Dolmetscher. Dafür hätte er aber das Geld für die Fahrt zurückbekommen sollen. Stockend erzählt er von jener Nacht. „Wir haben das Schiff nicht kommen sehen.“ Erst 50 Meter vor dem Zusammenstoß sei es in der Dunkelheit aufgetaucht. Alle Flüchtlinge wurden aus dem Schlauchboot geschleudert. Überall hätten Menschen im Wasser geschrien. Erst nach fünf Stunden wurden sie von der griechischen Küstenwache gerettet.

Bis zu 100 Euro pro Flüchtling kassiert

R. gelang es, sich weiter bis nach Deutschland durchzuschlagen. Er lebte in Rüsselsheim, bis er verhaftet und in die JVA Stadelheim gebracht wurde. Dort saßen auch die beiden anderen Männer in U-Haft. Der Fall wird in Traunstein verhandelt, weil der Hauptangeklagte Mustaz J. zum Zeitpunkt der Festnahme in dem Gerichtsbezirk wohnte.

Schlauer wird das Schwurgericht aus seiner Vernehmung am ersten Prozesstag nicht. Mühsam versucht der Vorsitzende Richter Erich Fuchs zwei Stunden lang, von dem Palästinenser Details zu erfragen. Doch die Antworten des 27-Jährigen sind einsilbig und beantworten meist nicht die Fragen. Seine Version der Geschichte deckt sich kaum mit den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Er sei nur Handlanger einer Schleuserbande gewesen, um sich in Izmir das nötige Geld für seine weitere Flucht zu verdienen, beteuert er. Seine Aufgabe sei es gewesen, Flüchtlinge an die Schleuser weiterzuvermitteln. Dafür habe er zwischen 50 und 100 Euro pro Person erhalten. Jene 13 ertrunkenen Menschen habe er aber nicht vermittelt.

„Sie stellen sich hier als ganz kleines Licht dar“

Die Details der Überfahrten, den Zustand der Boote, die Anzahl der Menschen darin – über all das habe er nichts gewusst. Das nimmt ihm die Staatsanwältin nicht ab. „Sie stellen sich hier als ganz kleines Licht dar“, sagte sie. Richter Fuchs ist ebenfalls skeptisch. Auch was die Aussage von Mahmod M. angeht, der laut Anklage mit Mustaz J. zusammengearbeitet haben soll. Er soll von Berlin aus, wo er seit 2014 mit seiner fünfköpfigen Familie lebt, Geld von Verwandten der Flüchtlinge für die Schleusung aus Izmir kassiert und verwaltet haben. Der 34-Jährige streitet das ab. Er habe mit keiner der Schleuserfahrten etwas zu tun, sondern lediglich befreundeten Flüchtlingen geholfen, an ihr in Syrien zurückgelassenes Geld zu kommen. Allerdings wurde er bereits in einem anderen Fall wegen Beihilfe zur Schleusung zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt. So kam die Polizei auch auf die Spur nach Izmir.

Sitzen auf der Anklagebank skrupellose Mitglieder einer internationalen Schleuserbande oder deren Handlanger? Noch ist das unklar. Das Gericht hat sieben Verhandlungstage vorgesehen, um Zeugen zu hören. Unter ihnen auch Überlebende der Schleuserfahrten. Ein Urteil soll Mitte August fallen. Den Männern droht eine Höchststrafe von 15 Jahren.

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