Dorothee Pesch steht im Museum Oberschönenfeld neben einem alten Waschbrett
+
Die Hüterin der verschwundenen Dinge: Dorothee Pesch in der Ausstellung im Museum Oberschönenfeld.

Dorothee Pesch sammelt Gegenstände, die unbemerkt aus unserem Alltag verschwinden

Das Museum der vergessenen Dinge

  • Katrin Woitsch
    vonKatrin Woitsch
    schließen

Das Museum Oberschönenfeld in Schwaben hat die Zeit ein wenig zurückgedreht. Dort sind Dinge zu sehen, die fast unbemerkt aus unserem Alltag verschwunden sind. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin Dorothee Pesch erklärt, was es damit auf sich hat - und welche Gegenstände aus unserer Gegenwart irgendwann im Museum landen könnten.

  • Museum Oberschönenfeld zeigt Dinge, die unbemerkt aus unserem Alltag verschwinden
  • Nicht nur technischer Fortschritt verdrängt Gegenstände aus unserer Welt
  • Auch das Handy könnte eines Tages im Museum landen

An diesem Sonntag wird wieder an der Uhr gedreht und die Zeit eine Stunde zurückgestellt. Das Museum Oberschönenfeld in Schwaben hat die Zeit dauerhaft ein wenig zurückgestellt. Dort sind Dinge zu sehen, die in den vergangenen Jahrzehnten fast unbemerkt aus unserem Alltag verschwunden sind. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin Dorothee Pesch erklärt, was es damit auf sich hat – und welche Dinge aus unserer Gegenwart auch irgendwann im Museum landen könnten.

Hat jeder Gegenstand seine Zeit?

Ja, definitiv. Man merkt ja, dass viele Gegenstände aus unserem Alltag einfach verschwunden sind. Das fällt uns manchmal gar nicht auf. Aber es ist ja die Aufgabe eines Museums, Dinge vor dem Vergessen zu bewahren – und damit auch die Geschichten hinter den Dingen. Wir haben in unserem Museum spannende Beispiele, was so alles aus der Zeit gefallen ist. Ältere werden sich an einiges noch erinnern, junge Menschen kaum noch.

Erzählen Sie doch ein paar Beispiele!

Klassiker wären Wählscheibentelefone, Schreibmaschinen, Kaffeewärmer – all diese Dinge haben unseren Alltag früher einmal geprägt. Sogar die Porzellan-Kaffeekanne ist mittlerweile ja verschwunden. Viele Beispiele gibt es auch beim Wäschewaschen. Bis in die 60er-Jahre hinein war das für die Menschen noch eine große körperliche Anstrengung. Früher musste man noch auf dem Waschbrett schrubben, dann kam der elektrische Wäschestampfer dazu oder die Wäscheschleuder. Auch sie sind längst museumsreif.

Tonbänder: Sie dienten als Speichermedium für Audiosignale.

Gibt es verschwundene Dinge, die nicht durch den technischen Fortschritt verdrängt wurden?

Gibt es, Dinge verschwinden auch durch den gesellschaftlichen Wandel. Blümchen-Badekappen zum Beispiel. Früher gab es in vielen Bädern eine Badekappenpflicht, inzwischen sieht man kaum noch Badekappen. Ein anderes Beispiel aus unserem Museum sind kleine Pfarrer-Spiele, also Spielaltäre und Kindermessgewänder, mit denen die Kinder früher die liturgischen Zeremonien aus der Kirche zu Hause nachgespielt haben. Das kann man sich heute kaum noch vorstellen. Wir haben von einem Mann so einen Spielaltar für unser Museum bekommen. Er wollte als kleiner Junge Papst werden. Daraus ist aber nichts geworden. Die Kinder heute könnte man mit solchen Spielsachen wohl nicht mehr glücklich machen, die Religion spielt in unserem Alltag eine viel kleinere Rolle.

Haben Sie einmal einen Gegenstand bekommen, bei dem Sie selbst recherchieren mussten, was es damit auf sich hat?

Ja, das kommt immer wieder mal vor. Bei unseren Vorstellungsgesprächen zeigen wir immer gerne einen alten Breznhalter und fragen, was das sein könnte. Da müssen viele ganz schön überlegen.

Klick-Fernseher: Mit jedem Tastendruck erscheint ein neues Motiv.

Gibt es einen Gegenstand, bei denen es Ihnen leidtut, dass er verschwunden ist?

Nostalgisch sind wir ja alle ein bisschen. Wir sind nicht traurig um den Gegenstand an sich, weil wir den technischen Fortschritt ja schätzen. Ich zum Beispiel liebe Wählscheibentelefone. Ich mag das Gefühl, einen richtigen Hörer in der Hand zu halten. Im Alltag wäre es mir aber viel zu mühsam, Nummern einzuwählen. Das ist pure Nostalgie.

Das geht vielen Museumsbesuchern sicher ähnlich...

Ja, auf jeden Fall. Die alten Dinge lösen immer Gespräche aus – und wecken Erinnerungen. Und das Museum hat die Möglichkeit, diese Erinnerungen wieder lebendig werden zu lassen.

Spielzeug-Altar: Früher spielten Kinder zu Hause Gottesdienst.

Gibt es einen Gegenstand aus unserer Gegenwart, der wohl irgendwann im Museum landen wird?

Mit Sicherheit. Durch die Digitalisierung erleben wir ja kontinuierlich, wie Dinge verschwinden. Allein das Smartphone ersetzt ja etliche unserer Alltagsgegenstände: den Taschenrechner, das Adressbuch, das Diktiergerät, den Fotoapparat, vielleicht sogar bald das Bargeld und die EC-Karte. Es wird sicher noch vieles verschwinden.

Ist das Handy zeitlos?

Zu unseren Lebzeiten wird es vermutlich noch nicht verschwinden. Aber irgendwann gibt es sicher etwas anderes, das praktischer ist. Vielleicht stecken wir uns in der Zukunft nur noch einen Knopf ins Ohr.

Auch interessant

Kommentare