Ein Mann bekommt in der Praxis seines Hausarztes eine Impfung
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Spritze vom Hausarzt: Bayern will den Großteil der Impfungen in die Praxen verlagern.

Kommunen verärgert über Strategiewechsel

Ausbau der Impfzentren in Bayern gestoppt

  • Katrin Woitsch
    vonKatrin Woitsch
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  • Sebastian Horsch
    Sebastian Horsch
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Die Kapazitäten der Impfzentren sollen nun doch nicht weiter ausgebaut werden. Bayern setzt bei seiner Impfstrategie jetzt vor allem auf die Hausärzte. Nicht nur für die Kommunen kommt das überraschend. Das BRK, das die meisten Impfzentren betreibt , hält den neuen Kurswechsel für völlig falsch.

München – Stefan Frey stockt beim Lesen, als er beim letzten Absatz des Schreibens angekommen ist. „Der noch vor Kurzem kommunizierte Ausbau der Kapazitäten bei den lokalen Impfzentren wird aller Voraussicht nach nicht mehr weiter verfolgt“, steht da. Die Mitteilung hat der Starnberger Landrat am Dienstagabend erhalten – genau wie alle anderen Bürgermeister und Landräte in Bayern. Städte- und Landkreistag haben sie nach einer Videokonferenz mit dem Gesundheitsministerium versendet – und damit einen Kurswechsel angekündigt, den die Kommunen nicht kommen sahen.

„Bisher hieß es immer, wir sollen die Impfzentren mit Hochdruck ausbauen“, berichtet Frey. Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) hatte wiederholt einen „Impfturbo“ angekündigt. In Starnberg sind gerade zwei neue Impfzentren im Probebetrieb gestartet. „Wir wollen vorbereitet sein, wenn wir endlich die angekündigten 900 Impfdosen pro Tag bekommen“, sagt der CSU-Politiker Frey. Den Kurswechsel kann er nicht nachvollziehen. „Es wäre schlimm, wenn wir im April endlich mehr Impfstoff haben, aber nicht genug Kapazitäten, um ihn zu verimpfen“, sagt er. „Das können wir unseren Bürgern nicht vermitteln.“

Hintergrund des Schreibens ist der grundsätzliche Strategiewechsel beim Impfen. Ab April sollen auch die Hausärzte impfen dürfen. Bisher war geplant, die Kapazitäten in den bayerischen Impfzentren von derzeit 43 000 auf 110 000 Impfungen pro Tag zu erweitern. Nun soll es laut der Mitteilung doch bei den 43 000 Impfungen bleiben. Selbst dann, wenn – wie das Gesundheitsministerium ankündigt – ab Mitte April mindestens doppelt so viel Impfstoff verfügbar ist. „Gerade im April werden die anvisierten Impfstoffmengen noch nicht dazu führen, dass wir in den beiden Säulen jeden Impfwunsch erfüllen können“, sagte Gesundheitsminister Holetschek unserer Zeitung. Die Impfzentren seien „in der momentanen Phase das Rückgrat der Impfstrategie“. Es sei aber „gut und richtig, jetzt schnellstmöglich die Arztpraxen als zweite Säule in das System zu holen.“

Die Arztpraxen sind ein guter Zusatz, aber nicht für Massenimpfungen ausgerichtet.

Leonhard Stärk, BRK-Landesgeschäftsführer

Diese Strategie hält auch das Bayerische Rote Kreuz für richtig, das die meisten Impfzentren in Bayern betreibt. „Fakt ist aber, dass die Impfungen noch nicht so weit fortgeschritten sind, dass von einem Herunterfahren der Impfzentren die Rede sein darf“, betont der BRK-Landesgeschäftsführer Leonhard Stärk. Alle Bemühungen müssten in verlässliche Impfstofflieferungen gesteckt werden. „Bis heute stand nicht genügend Impfstoff zur Verfügung, um die Impfzentren auf Hochbetrieb zu fahren“, sagt er. Nun würde man mit den 43 000 täglichen Impfungen aber eine Zahl als Maßstab nehmen, die einer Mangelsituation entspricht. Bleibt die Prognose bei 110 000 Impfungen, müssten die Arztpraxen 68 000 stemmen. Dafür seien die Strukturen nicht ausreichend, sagt Stärk. Die Impfungen müssten parallel zum hausärztlichen Betrieb stattfinden, in den meisten Praxen gebe es kleine Wartezimmer. „Die Arztpraxen sind ein guter Zusatz, aber nicht für Massenimpfungen ausgerichtet.“

Auch Landrat Frey ist nicht überzeugt von dem neuen Kurs des Ministeriums. „Wir werden an unseren Plänen erst mal festhalten“, sagt er. Sollte sich herausstellen, dass die Impfkapazitäten wirklich nicht gebraucht werden, werde er die Zentren anders nutzen, kündigt er an. Zum Beispiel für Schnelltests. Andrea Jochner-Weiß (CSU), die Landrätin von Weilheim-Schongau, hingegen hat die Ausbaupläne gestern direkt gestoppt. Aus Angst, nun Mietverträge für Außenstellen abzuschließen, die dann gar nicht nötig sind. Aber auch sie macht sich Sorgen, dass bald endlich genug Impfstoff vorhanden ist, dann aber die Kapazitäten fehlen. Und auch sie ärgert sich über die ständigen Planänderungen. „Das fühlt sich an, wie wenn man beim Mensch-ärgere-dich-nicht kurz vor dem Ziel geschmissen wird.“

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