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Neues Glück am Schreibtisch: Fayhaa Bakkour (l.) und Homa Azimi machen bei Wacker Chemie eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement. Einen Bonus haben sie bei der Bewerbung nicht erhalten.

Ausbildungsplätze für Asylbewerber

Neustart in der Fremde

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Burghausen – Nach jahrelanger Berufserfahrung machen zwei Asylbewerberinnen in Bayern eine neue Ausbildung. Integration durch Eigeninitiative.

Sie hatte die Hoffnung schon aufgegeben. Nach einem einschneidenden Erlebnis wollte Homa Azimi eigentlich nichts mehr von deutschen Firmen wissen. Voller Zuversicht hatte die afghanische Asylbewerberin die Antwort auf eine frühere Bewerbung erwartet – und eine Absage erhalten; mit erschreckendem Grund: Auf ihrem Foto trug sie ein Kopftuch – das war für das Unternehmen ein Ausschlusskriterium. „Ich war sehr enttäuscht“, sagt die 27-Jährige. Erst auf Drängen eines Freundes bewarb sie sich noch einmal. Diesmal bei der Firma Wacker Chemie in Burghausen (Kreis Altötting) für einen Ausbildungsplatz – und wurde genommen. „Ich habe eigentlich gar nicht daran geglaubt, dass es klappt“, erzählt sie, gerade so, als hätte sie es immer noch nicht realisiert: Sie ist eine von zwei Asylbewerberinnen in der Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement bei Wacker.

Die andere ist die 34-jährige Fayhaa Bakkour. Sie flüchtete vor gut einem Jahr mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter aus Syrien. „Ich habe damals noch kein Wort verstanden“, berichtet sie. Auch Homa Azimi lernt erst seit eineinhalb Jahren Deutsch – komplett selbstständig. Inzwischen sprechen beide die Sprache fast fließend. Anders wäre es mit dem Ausbildungsplatz nichts geworden. Denn: Einen Bonus bekommen Asylbewerber bei der Einstellung nicht. „Es wird niemand bevorzugt und niemand benachteiligt“, sagt Wolfgang Neef. Der Geschäftsführer des zu Wacker gehörenden Berufsbildungswerks Burghausen (BBiW) verfolgt eine konsequente Linie. „Für jeden Bewerber gibt es denselben Test.“ In diesem hätten die beiden Frauen einfach besser abgeschnitten als ihre Konkurrenten.

Vielleicht hat Homa Azimi und Fayhaa Bakkour die Erfahrung geholfen. Beide haben in der Heimat bereits ein Studium abgeschlossen und waren mehrere Jahre berufstätig – allerdings in anderen Fachgebieten. Die Abschlüsse wurden in Deutschland bislang nicht anerkannt. „Ich war zwischenzeitlich in Dubai schon vier Jahre Personalleiterin“, erzählt die gelernte Betriebswirtin Fayhaa Bakkour. „Meinen allergrößten Respekt“, wirft Wolfgang Neef ein. Es verlange Mut, sich hier noch einmal komplett neu zu orientieren. „Die Motivation der Damen ist bewundernswert“, sagt er und blickt seine Auszubildenden anerkennend an. Noch schwieriger war der Umstieg wohl für Homa Azimi. Sie ist eigentlich Literaturwissenschaftlerin und war bereits über drei Jahre Dozentin an der Universität im afghanischen Herat. „In diesem Bereich zu arbeiten, war immer mein Traum“, erzählt sie. „Vielleicht mache ich damit in zehn Jahren weiter.“ Jetzt denkt sie vorerst um: „Vor zwei Wochen habe ich meiner Mama am Telefon erzählt, dass es hier einfach toll ist. Wir bekommen so viel Respekt und Unterstützung. Ich will mich bei Wacker weiterbilden.“

Und zwar in Richtung Eventmanagement. Dafür übt sie bereits fleißig: Neben ihrer Arbeit engagiert sich die Afghanin ehrenamtlich beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK), in der Kirche und in der Katholischen Arbeitnehmer Bewegung in Altötting (KAB) – und organisiert dort interkulturelle Veranstaltungen. Generell steht die 27-Jährige anderen Kulturen sehr offen gegenüber. „Freilich“, sagt sie und strahlt. Ein bisschen Bairisch spreche sie auch schon. „Das lernt man automatisch“, erzählt sie. „Basst scho.“

Knapp drei Jahre dauert die Ausbildung noch. In dieser Zeit sollen die zwei Frauen möglichst viele Bereiche im Unternehmen kennenlernen. Die Konzentration muss der Arbeit gelten. Das kann manchmal auch schwierig sein, denn die Familien der beiden Asylbewerberinnen wohnen teilweise noch in den Krisengebieten. Fayhaa Bakkours Vater war bis vor kurzem, ihre Schwiegereltern sind noch immer in Aleppo. Homa Azimis Vater war General beim Militär und ist im Gefecht gestorben, die Mutter lebt mit ein paar Kindern noch in der afghanischen Heimat. Immer wenn dort etwas passiert, bangt die Auszubildende um ihre Lieben. Einmal, erzählt sie, musste sie ihren Deutschtest unterbrechen, weil sie vor Sorge nur noch weinen konnte. Sie macht eine Pause. „Das war wirklich schlimm.“ Der jungen Afghanin fällt es schwer, darüber zu sprechen.

Doch die beiden Frauen sind gefestigt. „Natürlich vermisse ich mein Heimatland“, erklärt Fayhaa Bakkour. „Aber das ist das Leben, wir müssen weitergehen.“ Homa ergänzt: „Wir können es nicht ändern.“ Die Beiden sind inzwischen Freundinnen geworden. Vielleicht liegt es daran, dass Homa Azimi neben sechs weiteren Sprachen auch Arabisch spricht. Das verbindet. „Wir verstehen uns gut“, sagt Fayhaa und lacht ihre Freundin an. In den nächsten drei Jahren hoffen sie gemeinsam auf eine Festanstellung nach der Ausbildung – und auf gute Nachrichten von der Familie.

Michael Grözinger

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