Müde stützt sich der Lehrer auf das Pult. Er ist am Ende seiner Kraft. Foto: dpa

Studie zu „Burnout“

Ausgebrannt an der Schule

München - Vorsicht, Klischeefalle: Nimmt „Burnout“ bei den Lehrern wirklich immer mehr zu? Eine neue Studie warnt vor Übertreibungen. Die Pflicht zum Handeln bestehe trotzdem.

Eines stellte der Präsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW), Alfred Gaffal, gleich mal klar: Er wolle nicht, dass der von der bayerischen Wirtschaft finanzierte „Aktionsrat Bildung“ einem „Modephänomen“ hinterher renne. Das Krankheitsbild „Burnout“ sei in aller Munde, aber seriös diskutiert werde wenig. Das soll das neue Gutachten des Aktionsrats unter dem Vorsitz des Bildungsforschers Dieter Lenzen ändern.

„Burnout“ – auf Deutsch: Ausgebranntsein – ist eine relativ neue Diagnose. Erst seit 2004 ist sie von der „World Health Organization“ (WHO) anerkannt. Das ärztliche Kürzel der Diagnose lautet Z73. Burnout ist demnach ein „negativer, arbeitsbezogener Seelenzustand“, gekennzeichnet durch emotionale Erschöpfung, gesunkene Motivation und einem „Gefühl verringerter Effektivität“. Wie viele Lehrer daran leiden, kann auch der Aktionsrat nicht definitiv klären. Die Zahlen, gezogen aus verschiedenen Regionalstudien, schwanken zwischen zwölf und 30 Prozent. Hauptprobleme bei der Diagnose sind andere psychische Störungen – etwa das Chronische Müdigkeitssyndrom, Angststörungen oder gar Depression –, die ausgeschlossen sein müssen. Trotz dieser Schwierigkeiten sind die Z73-Fälle sprunghaft angestiegen.

Allerdings erschwert ein Wildwuchs an Studien, die sehr verschiedene Messinstrumente einsetzten, eine solide Schätzung, bedauerte die Berliner Erziehungswissenschaftlerin Bettina Hannover. Sie hat die Studie für den „Aktionsrat“ maßgeblich erstellt. Am solidesten ist eine Totalerhebung des Kultusministeriums in Baden-Württemberg, an der zwischen 2008 und 2010 über 50 000 Lehrer teilnahmen. Sie erbrachte einen zwiespältigen Befund: Die Zufriedenheit mit dem Beruf ist größer als in anderen Berufsgruppen; gleichzeitig gibt es „ungünstigere Werte“ beim „Ausgebranntsein“. Allerdings wird häufig vergessen: Lehrer sind nicht die Einzigen, die sich „ausgebrannt“ fühlen. Auch Telefonisten, Kindererzieherinnen, Schneider, ja selbst Handelsvertreter klagen laut einer AOK-Studie häufig über „Burnout“. Die Spitzenposition nehmen allerdings Sozialpädagogen und Heimleitungen ein. Es klagen übrigens mehr Frauen als Männer darüber, und eher Ältere (50 bis 59 Jahre alt) als Jüngere.

Wichtig ist das Fazit, das Bettina Hannover zieht: Es gebe „deutliche Zunahmen in der Inanspruchnahme von Fehltagen“. Das heißt, Lehrer machen stärker von der Möglichkeit Gebrauch, Leistungen des Gesundheitssystems beim „Burnout“ in Anspruch zu nehmen und „bei Erleben von Überlastung oder anderer psychischer Beeinträchtigungen dem Arbeitsplatz vorübergehend fernzubleiben“. Das heißt nicht, dass diese Personen dauerhaft ausscheiden; wohl aber, dass sie für einige Wochen oder Monate fehlen – und dass immer wieder. Damit häuften sich Fehlstunden für die Schüler – und „darunter leidet dann die Bildungsqualität“, wie VBW-Präsident Gaffal sagte.

Die Handlungsempfehlungen des „Aktionsrats“ fallen indes schwammig aus. Stichworte wie Stressmanagement, Entspannungsverfahren oder Bewältigungsstrategien wurden gestern diskutiert, sogar der „Aufbau eines betrieblichen Gesundheitsmanagements in Bildungsinstitutionen“– ob das konkret im Alltag einer Schule umsetzbar ist, scheint eher zweifelhaft. Dennoch beharrt Bildungsforscher Lenzen auf solchen Initiativen. „Es aber ein langer Weg, bis das zu messbaren Veränderungen führt.“

Dirk Walter

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