Ausraster am Spielfeldrand: Darum drehen Eltern durch

Königsbrunn - Am Rande der Wahnsinn: Wenn ihre Kinder kicken, liegen bei den Eltern oft die Nerven blank. Es wird hineingeplärrt, was das Zeug hält, manchmal gehen die Erwachsenen aufeinander los. Benimmfibeln und Sperrzonen helfen nicht immer.

Es kam aus dem Nichts. Ohne Warnung. Ganz gewöhnliche Fußball-Eltern waren sie für Rüdiger Aue, 41, gewesen. Mamas und Papas, die Trikots waschen, Fahrgemeinschaften bilden und an Weihnachten Geschenke für die Trainer besorgen.

Bis zu diesem Samstag. „Und dann rasten die einfach völlig aus“, sagt Aue.

Der Mann ist Jugendleiter beim FC Königsbrunn. Ein gemütlicher Typ mit Baseball-Kappe und Piratenbart. Aber seit jenem Tag ist er mit den Nerven fertig. Bis ins Mark erschüttert. „Ich schäme mich zutiefst“, sagt er. Er wollte sogar hinwerfen.

Samstag, 12. November, die E-Junioren spielen. Acht bis zehn Jahre, Derby, FC Königsbrunn gegen den FC Augsburg. Das Drama beginnt nach der Halbzeitpause. Königsbrunn führt da mit 5:2. Doch Augsburg holt auf, irgendwann steht es 5:5. Dann übersieht der Schiedsrichter ein Foul, und auf einmal steht es 5:6.

Dann geht es ab.

Das Spiel läuft noch, da stürmt der Vater des gefoulten Knirpses den Rasen, weitere Königsbrunner ihm hinterher. Sie attackieren den Schiri, nur verbal zwar, aber mit Wörtern, die Aue nicht wiederholen möchte. Und das alles vor den Kindern. Es folgt: Spielabbruch. Platzverbot. Sportgericht.

Königsbrunn ist kein Einzelfall. Wenn ihre Sprösslinge Fußball spielen, herrscht bei den Eltern an der Seitenlinie oft emotionaler Ausnahmezustand. 69 Fälle von Übergriffen aggressiver Mütter oder Väter landeten in Bayern vorige Saison vor Bezirks-Jugendsportgerichten – bei 73 210 Junioren-Spielen. Klingt nach wenig, aber: „Jeder Fall ist einer zu viel“, sagt Reinhold Baier, Vizepräsident des Bayerischen Fußballverbandes. „Denn das steht völlig dem entgegen, was der Sinn von Sport eigentlich ist – nämlich Freude und Spaß.“

Man hat sich schon einiges einfallen lassen, um tobende Trainer, brüllende Väter und krakeelende Mütter zu bändigen. In Niedersachsen isolieren sie die Eltern in eigenen Sperrzonen – Abstand zum Spielfeld mindestens fünf Meter. In Bayern sollen Verhaltensregeln helfen, Nervenzusammenbrüche am Spielfeldrand zu vermeiden – und den Psycho-Terror an den Kleinen einzudämmen. In den Leitfäden werden die Eltern mit Kollektiv-Parolen auf besseren Benimm eingeschworen. „Wir fordern keine Auswechslung von Spielern“, heißt es darin. Wir, die zappeligen Eltern. Oder: „Nur der Trainer sagt den Kindern, wie sie spielen sollen.“ Sonst keiner.

Rüdiger Aues FC Königsbrunn hat auch eine eigene Verhaltensfibel. Darin stehen so einleuchtende Sätze wie: „Die Mannschaft besteht aus den Spielern und Trainer, nicht aus Eltern.“ Dahinter, in Klammern: Die Eltern haben andere wichtige Funktionen. So.

Gebracht hat das alles, so scheint es, nicht allzu viel. Das E-Junioren-Spiel wird in Kürze vor dem Sportgericht verhandelt. Egal, was dabei herauskommt: „Bei uns werden wir knallhart aussortieren“, kündigt Aue an. Der Trainer hat schon aufgehört, freiwillig. Die Eltern-Rabauken bekommen ein Vereins- und Platzverbot – die Kinder sind nach wie vor willkommen. „Die Jungs können doch nichts dafür“, sagt Aue.

Die Eltern schon. Aber warum verwandeln sich Mami und Papi am Spielfeldrand manchmal in Brüllaffen? Nur weil es die meisten von ihnen nicht selbst zur Profikarriere gebracht haben? So viel ist schon mal klar: Bei Fußball hört der Spaß für viele Eltern auf. Josef Kelnberger, 50, Sportreporter und selbst fußballverrückter Vater, hat das in seinem Buch „Mein Sohn, der Fußball und ich“ anschaulich beschrieben: „Bei den Kleinen, die ihr Schäuflein im Sandkasten mit allen Mitteln verteidigen, ist es so, dass Väter und Mütter größte Anstrengungen unternehmen, diesen kleinen Terroristen Altruismus beizubringen. Lass dem kleinen Philipp doch mal dein Schäuflein, sagt man auf dem Spielplatz. Jetzt nimm dem kleinen Philipp doch endlich mal den Ball weg, sagt man auf dem Fußballplatz.“ Kicken ist kein Kindergeburtstag.

Früher war man da lockerer. Als der Hansi Pflügler, 51, noch ein kleiner Bub war und nach der Schule zum Fußballfeld eilte, hat die Mama immer nur einen Satz zu ihm gesagt: „Wenn’s dunkel ist, bist du daheim.“ Mehr Einmischung gab es nicht. Und auf dem Bolzplatz im Freisinger Stadtteil Vötting hatten eh die Kinder das Sagen. „Wir haben immer alles unter uns ausgemacht“, erzählt Pflügler. „Klar hat man sich da auch mal geärgert, aber irgendwie ging es immer weiter.“

Auch ohne Eltern, die ihn die Karriereleiter hinaufplärrten, ist Pflügler das geworden, was andere mit dem Brecheisen vergebens versuchen: Fußball-Profi und sogar Weltmeister, Rom 1990. Beim FC Bayern München, für den er in der Bundesliga 277 Mal auflief, leitet er bis heute die Abteilung Merchandising und Lizenzen.

Als Privatmann sieht man ihn immer noch am Spielfeldrand, wenn die beiden Söhne kicken. Zugegeben, sagt Pflügler, manchmal halte auch er sich für den besseren Trainer. Doch das schluckt er herunter. Nur bei überehrgeizigen Eltern, da schweigt er nicht: „Die denken immer, ihr Sohn muss es unbedingt zu den Bayern schaffen.“ Das sei der falsche Ansatz: „Man muss den Kindern aber Luft lassen, sonst wird das sowieso nichts“, sagt Pflügler.

Er und Kelnberger kämpfen gemeinsam gegen die Schreihälse an der Seitenlinie: als Schirmherren der „Fairplay-Liga“. Die gibt es seit 2007, inzwischen spielen über 600 Mannschaften nach dem gleichen Prinzip. Es ist ganz simpel: Es gibt keinen Schiedsrichter, alle kleinen Kicker im Alter von sechs bis zehn Jahren regeln die Konflikte unter sich. Die Trainer beider Teams coachen aus einer gemeinsamen Zone heraus. Und für die Eltern gilt: 15 Meter Distanz zum Platz.

Ralf Klohr, 49, aus Herzogenrath in NRW hat’s erfunden – und erklärt: „Wir holen die Kinder aus der Erwachsenen-Realität raus und bringen sie in die Kinder-Realität zurück.“ Die hätten die Kleinstkicker oft verloren – aber sie stehe ihnen zu. Und die pöbelnden Eltern? „Das ist Liebe“, sagt Klohr. „So verrückt sich das anhört: Da werden einfach Emotionen in die falschen Bahnen gelenkt.“

Die Eltern selbst können oft gar nichts dafür. „Es liegt häufig nicht an den einzelnen Personen, sondern an den Rahmenbedingungen“, sagt Babett Lobinger, Psychologin an der Deutschen Sporthochschule Köln. Im Spitzensport geht es nur darum zu gewinnen – um sonst nichts. Sieg oder Niederlage, nur das zählt. Auch der Breitensport gehorcht dem Prinzip Leisten/Nichtleisten. Das lernen schon die Kinder mit den kleinsten Turnschuhen.

Lobinger fragt sich daher: Müssen E-Jugendliche im Fußball nach dem Vorbild der Großen Punktspiele austragen? Viel sinnvoller seien – ähnlich wie im Mini-Handball – Turniere, in denen Mannschaften bunt gemischt spielen. Dort gewinnen am Ende alle – und die Eltern verkaufen friedlich Kuchen.

Ganz anders in Königsbrunn. „Hier haben 50 Erwachsene versagt, so krank ist das alles“, schimpft Fairplayer Klohr. „Ich bin mir sicher, die Kinder hätten das alleine geregelt bekommen. Wir müssen ihnen nur die Chance geben.“ Gerade hat Klohr sein Konzept dem Deutschen Fußball-Bund vorgestellt.

Trotzdem: Auch die Fairplay-Liga scheint nicht das Allheilmittel gegen pöbelnde Eltern zu sein. Eine Studie hat gezeigt, dass zu 59 Prozent immer noch die Trainer alle Entscheidungen treffen. Von ihnen kommen auch alle zwei bis drei Minuten Anweisungen aufs Feld. Kein Lob, sondern Taktik-Regie und Fehlerschelte. Und: Mehr als die Hälfte der Eltern hält nicht genügend Abstand.

Immerhin: Für eine Weile kann dieses Projekt ein Stück heile Kindheit bewahren. „Als mein Sohn fünf Jahre alt war“, erzählt Psychologin Lobinger, „hat er mich mal verwundert gefragt, ob Fußball denn Sport sei.“ Bis dahin hielt er es – für ein Spiel.

Katharina Blum

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