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Willkommen beim Stammtisch im Hofbräuhaus! Hier haben wir die Seele unserer bairischen Sprache erforscht: (v.l.) Roland Funk, Experte Sepp Obermeier, Lydia Gütinger, Erika Ehm, Experte Karl Simon, Annemarie Hochwind und Nothburga Kutzner. 

Zum Unesco-Welttag der Muttersprache

Außergewöhnlicher Stammtisch im Hofbräuhaus rettet die herrlichsten bairischen Wörter

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So spricht die Heimat: Zum „Internationalen Tag der Muttersprache“ waren wir mit zwei Bairisch-Profis am Stammtisch im Hofbräuhaus. Dort ist was Außergewöhnliches passiert: Wir haben herrliche Wörter gelernt und die Seele Bayerns entdeckt.

München – Man kann ins Fitnessstudio gehen, um seinen Körper zu spüren. Man kann in die Uni gehen, um seinen Geist zu erweitern. Man kann auf den Wallberg wandern, um die Heimat zu erleben. Oder man geht mit Sepp Obermeier und Karl Simon, den Bairisch-Experten, ins Hofbräuhaus, dann hat man alle drei Dinge auf einmal. Obermeier, der 1. Vorsitzende des Bunds Bairische Sprache, sitzt im Hofbräuhaus am Stammtisch und sagt den überragenden Satz: „Die bayerischen Stammtische entwickeln sich immer mehr zu Trainingsquartieren für Reflexion, Selbstreflexion und philosophische Weite.“ Da bin i Bayer, da derf i’s sein!

Das ist genau der richtige Ort, um am heutigen Unesco-Welttag der Muttersprache mit Obermeier und seinem Kollegen Simon vom Förderverein Bairische Sprache und Dialekte die Seele der bairischen Sprache und vielleicht sogar die Seele dieses schönen Landes zu ergründen.

Der Stammtisch der ehemaligen Angestellten der Tabakfabrik Philip Morris trifft sich alle zwei Monate. Hier setzen wir uns heute einfach dazu. Es gibt Helles, Weißwürste, Rotwein und viel gute Laune. Der Zufall will es, dass der ehemalige Lehrer Karl Simon früher selbst mal Ausbildungsleiter bei Philip Morris war. Vom Stammtisch, der sich schon seit etlichen Jahren trifft, wusste er aber nichts. „Bist du auch nausgschmissn worn“, ruft einer aus der Runde. Das ist ja eine schöne Begrüßung. Immerhin ist sie auf Bairisch – wobei man beim Thema ist. Der Dialekt hat in der Stadt wirklich „nachgelassen“, sagt ein Stammtischler. „Es fällt hier leichter, zu sagen als na.“ Ein altbekanntes Problem: Das Bairische, sagen die Pessimisten, stirbt aus. Aber darum geht es heute nicht: Heute geht es um gute Nachrichten. Um die Schönheit der bairischen Sprache.

Mittendrin am Stammtisch philosophiert Sepp Obermeier schon nach wenigen Minuten über den weichen Verschlusslaut g, der zum Reiblaut ch wird, es ist herrlich ihm zuzuhören, über Zwielaute, Nasalierungen, Diphthonge – und über ein kleines Sprachwunder, das er vor einiger Zeit vollbracht hat. „Ich habe einen Mönch in Windischeschenbach verortet“, erzählt er. „Der Mönch war danach fix und fertig, der hat 45 Minuten nur den Kopf geschüttelt.“

Obermeier hat dem Mönch ein bisschen zugehört und erkannt, dass er punktgenau in der Stadt in der Oberpfalz geboren wurde. Anerkennendes Nicken am Stammtisch. Obermeier ist sowieso ein Teufelskerl. Er sagt: „Wir in der Oberpfalz nehmen sämtliche Stirn- und Nasennebenhöhlen als Resonanzkörper her.“ Beispiele: „An Goudn“, „Sua a Suppe weckt an Doudn auf“, „Noumd“ für guten Abend.

Neben Obermeier sitzt Roland Funk aus München. Er macht das, was immer passiert, wenn sich Oberpfälzer in die Landeshauptstadt trauen – er erzählt einen Witz. Und der geht so: Wie bringt man in der Oberpfalz ein ganzes Dorf zum Bellen? Antwort: Man ruft ganz laut „heute gibt’s Freibier!“ Darauf fragen alle Oberpfälzer: „Wou, wou, wou?“ Hahaha.

Obermeier kennt den Witz, er hat ihn schon ein paar hundert Mal gehört. Er lacht trotzdem höflich mit. Lieber ein Witz über den Dialekt als gar kein Dialekt. Auch das ist so ein Geheimnis: Dialekt macht gute Laune, Dialekt macht neugierig, aber er grenzt nicht aus. Das ist die weltberühmte Liberalitas Bavariae. Jeda derf genau so redn, wiara mog, aber bittschee ned wiara Preiß!

Nothburga Kutzner hat früher auch bei Philip Morris gearbeitet. Erst will sie nicht mitreden, sie komme ja aus Kössen in Tirol, sagt sie. Aber Obermeier gemeindet sie in Sekundenschnelle ein. „Dann sprechen Sie Südbairisch, wenn Sie aus Kössen kommen“, sagt er. Trotzdem gibt es feine Unterschiede. Nothburga Kutzner erklärt: „Wir sagen zum Beispiel Zwickeltag, der Bayer Brückentag.“ Für den Bayer ist ein Zwickel meistens ein Zwei-Euro-Stück oder ein trübes Bier, für den Tiroler ein Stück Stoff, das in ein Kleidungsstück dazwischen eingesetzt wird, zum Beispiel im Schritt einer Strumpfhose. Auch das ist Dialekt: Vielfalt, Fantasie, Bildhaftigkeit.

„Reimdeiter sagen wir zum Richtungsblinker im Auto“

Dann geht es rasend schnell. Jeder Stammtischler will den Dialektexperten Simon und Obermeier einen speziellen bairischen Begriff zurufen. „Reimdeiter“, sagt Erika Ehm aus Rottach-Egern, „sagen wir zum Richtungsblinker im Auto.“ Deiter ist der Deuter und Reim ein altbairisches Wort für Kurve – fertig ist der Kurvenandeuter. Was natürlich viel schöner klingt als Blinker.

Noch so ein magisches bairisches Wort: umara. „In etwa“, sagt Erika Ehm, das ist die Übersetzung. Umara hat gerade mal fünf Buchstaben – aber darin steckt der Charakter eines ganzen Volkes. „Umara 10 – das kann schon um 9 Uhr sein“, sagt Obermeier, „oder erst um 13 Uhr. Im Bairischen ist Entschleunigung ein Wesensmerkmal.“ Simon sagt: „Des is des bairische mañana.“ Mañana ist spanisch und bedeutet „morgen“ oder auch „irgendwann“.

Mit jedem neuen, bairischen Wort kommen wir der Heimat ein bisschen näher

Es ist nur ein Stammtischbesuch, was wir hier machen, aber mit jedem neuen, bairischen Wort kommt man der Heimat und dem Leben ein bisschen näher. Steile, schlaue These von Obermeier: „Das hier ist das Gegenteil von Facebook.“ Das Gegenteil von jenem virtuellen Ort, wo unendlich viel geliked, geposted und geredet, aber nichts gesagt wird.

Eine andere Stammtischlerin wirft ein neues Wort ein. „Gugumma“, sagt sie, „das kenn ich noch von meiner Oma.“ Auf Hochdeutsch: Gurke. Obermeier sagt: „Im Englischen heißt es cucumber.“ Es wäre auch eine Überraschung, wenn ihm nichts dazu eingefallen wäre. Obermeier hat das Fördern und Verbreiten des bairischen Dialekts sowieso auf die Spitze getrieben. Er hat das obermeiersche Simultan-Einschubverfahren entwickelt. Er spricht Bairisch – und schiebt die hochdeutsche Bedeutung sofort nach. Ein Beispiel – das unschöne Götz-von-Berlichingen-Zitat: „Geh greij me dennasd do, woue koa Nosn ned hon! Ach kratz mich doch da, wo ich keine Nase habe!“

Das ist die Königsdisziplin. Er ist Dialektbewahrer und Lehrer in einem. „Wahnsinn“, sagt eine Frau am Stammtisch. Solange es solche Menschen gibt, ist Bairisch längst nicht tot. Im Gegenteil: Mit Männern wie Obermeier und Simon fühlt man sich wie kurz vor Ostern. Eine Wiederauferstehung ist denkbar. Man muss nur fest genug daran glauben.

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Lesen Sie hier zwei Gastbeiträge zum Thema Sprache:

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