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Am 18. Juli 2016 ging ein 17-jähriger Flüchtling mit einer Axt in einem Regionalzug bei Würzburg auf eine chinesische Familie los. Sie waren Zufallsopfer.

Ein Jahr danach

Axt-Attacke von Würzburg: Die Opfer leiden bis heute

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Vor einem Jahr verletzte ein junger Flüchtling in einem Zug in Würzburg eine chinesische Familie schwer mit einer Axt. Die Opfer sind inzwischen nach Hongkong zurückkehrt - aber leiden bis heute. 

Würzburg – Vor genau einem Jahr stürmte ein 17-jähriger afghanischer Flüchtling mit einem Messer und einer Axt bewaffnet durch einen Regionalzug bei Würzburg. Er verletzte fünf Menschen. Auf der Flucht rief er „Allahu Akbar“ (Gott ist groß) und wurde von d er Polizei erschossen. Später reklamierte die islamistische Terrormiliz IS den Anschlag für sich.

Bei vier der Opfer handelte es sich um eine chinesische Familie, die gerade Urlaub in Bayern machte. Eine junge Frau, ihre Eltern und ihr Verlobter wurden schwer verletzt – die beiden Männer schwebten lange in Lebensgefahr. Doch sie überlebten den Angriff, im Herbst konnten sie nach Hongkong zurückkehren. Allerdings nicht in ihr altes Leben. Sie kämpfen noch immer mit den Erinnerungen an die Attacke – und mit den Folgen. Die junge Frau hat ihre Arbeitsstelle verloren, die lange Zeit im Krankenhaus und die nötigen Therapien kosteten einen Großteil der Ersparnisse.

Hilfe hat die Familie aus Deutschland bekommen. Die Gesellschaft für Deutsch-Chinesische Freundschaft (GDCF) hat Spenden für sie gesammelt. Den zweiten Vorsitzenden Hans-Peter Trolldenier hat das junge Paar vor einigen Wochen nach Hongkong eingeladen. Er berichtet, wie sich die beiden zurück in den Alltag kämpfen.

Wann haben Sie die vier Chinesen kennengelernt, die bei dem Anschlag im Zug verletzt wurden?

Wir von der Gesellschaft für Deutsch-Chinesische Freundschaft haben nach dem Anschlag vorsichtig mit ihnen Kontakt aufgenommen. Zunächst über eine chinesische Studentin, die Mitglied bei uns ist. Nach einiger Zeit habe ich die beiden Familien auch selbst im Krankenhaus besucht. Als die ersten von ihnen entlassen werden konnten, haben ich damit begonnen, ihnen Würzburg und die Region zu zeigen. Ich wollte ihnen beweisen, dass wir hier keine bösen Menschen sind.

In welcher Verfassung waren die Verletzten, als Sie sie kennenlernten?

Der schwer verletzte junge Mann lag lange im Koma, sein Zustand hat sich nur langsam verbessert. Seine Verlobte war ebenfalls schwer verletzt, konnte aber früher wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden. Auch ihr Vater lag im Koma, die Mutter hatte leichte Verletzungen. Die Eltern sind bereits im September wieder abgereist, das junge Paar musste länger bleiben. Aus Hongkong kamen die Mutter und die Schwester des Mannes, um ihm beizustehen. Seine Mutter sagte damals, sie werde bleiben, bis ihr Sohn wieder die Augen aufschlägt.

Wie gut haben die Familien zurück in den Alltag gefunden?

Leider gab es Rückschläge, aber ihr gesundheitlicher Zustand hat sich von Monat zu Monat stabilisiert. Der junge Mann hat bereits im November wieder angefangen zu arbeiten. In China gibt es keine Wiedereingliederungshilfen. Das war nicht einfach für ihn. Seine Verlobte hatte bis Jahresende einen Zeitvertrag, er wurde nicht verlängert. Sie hat inzwischen eine neue Stelle gefunden. Sie berichtete mir, dass sie ihren neuen Job schätzt, aber zehn bis zwölf Stunden pro Tag arbeiten müsse – was ihr nicht leichtfällt. Körperlich geht es beiden wieder so gut, dass sie arbeiten können – aber es bedeutet für sie eine große Anstrengung. Die seelischen Wunden heilen natürlich nicht so schnell. Beide sind in psychotherapeutischer Behandlung.

Wie schwer fällt es ihnen, über den Anschlag zu sprechen?

Ich vermeide es, die Axt-Attacke anzusprechen. Dadurch würden die Erinnerungen wieder aufflackern, ich kann das nicht abfangen. Das müssen Psychotherapeuten tun. Aber wir reden über die Therapie, die sie machen.

Waren Sie überrascht über die Einladung nach Hongkong?

Eigentlich nicht, unser Verhältnis war sehr gut. Wir schreiben wöchentlich E-mails, man kann sagen, wir sind Freunde geworden. Schon vor ihrer Abreise in Deutschland hatten sie gesagt, ich solle sie in Hongkong besuchen. Diese Einladung habe ich gerne angenommen.

Wie sehr sind die Familien auf die Spenden angewiesen, die die GDCF für sie gesammelt hat?

Bis wir das Konto im Februar geschlossen hatten, sind rund 15 000 Euro zusammengekommen, die wir nach und nach transferiert haben. Es hat auch staatliche Unterstützung aus Deutschland und Hongkong gegeben. Dieses Geld haben die Familien dringend gebraucht. Zum einen, weil sie monatelang nicht arbeiten konnten, zu Hause in Hongkong aber trotzdem die Rechnungen für Miete und so weiter bezahlen mussten. Hongkong ist eine der teuersten Städte der Welt. Der junge Mann war der Haupternährer seiner Familie. Als seine Schwester nach Deutschland reiste, um bei ihm zu sein, musste sie ihren Job aufgeben. Außerdem haben sie nach ihrer Rückkehr viel Geld gebraucht – für die Nachuntersuchungen und Therapien. Die Kosten werden in China nur zum Teil vom Krankensystem übernommen.

Wie denken die Familien heute über Deutschland?

Natürlich war anfangs alles schrecklich – doch ihr Bild von Deutschland hat sich in den vergangenen Monaten sehr verändert. Sie sind nach dem Anschlag überall sehr freundlich behandelt worden. Von der Würzburger Bevölkerung haben sie ein sehr gutes Bild. Zum Teil wurden sie auch als die Opfer des Anschlags erkannt. Wir waren einmal gemeinsam in einem Restaurant, wo wir einen besonders schönen Tisch bekommen haben und sehr herzlich begrüßt wurden. Das Mitgefühl war nicht aufgesetzt, sondern echt – das haben sie gespürt. Deshalb denken sie heute sehr positiv über Deutschland. Die junge Frau sagte mir neulich, sie könne sich gut vorstellen, noch einmal nach Deutschland zurückzukehren.

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