Angst vor der Phantom-Autobahn

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Landshut/München - Das Phantom ist 130 Kilometer lang, zweispurig, mit Standstreifen: Die B 15 neu soll einmal von Rosenheim bis Regensburg führen. Irgendwann. Bis jetzt ist nur ein Teil gebaut.

Der Bund Naturschutz (BN) ist alarmiert: „Autobahn frisst Heimatlandschaft“, lautet das Motto, unter dem die Naturschützer gestern zu einer Ortsbesichtigung in den Raum Landshut einluden. Dort, bei Essenbach, soll die Autobahn-ähnlich ausgebaute B 15 neu einmal auf die Autobahn A 92 (München-Deggendorf) treffen. Die Autobahndirektion Südbayern plant trotz einer Klage der Gemeinde Essenbach den Anschluss als sogenanntes Kleeblatt – um sich die Option eines Weiterbaus Richtung Süden offen zu halten, wie Behördensprecher Josef Seebacher sagt. „Wir planen den nächsten Abschnitt.“ Er würde von Essenbach bis Geisenhausen führen – über die Isar und (per Tunnel) unter einem Naturschutzgebiet hindurch.

Was BN-Chef Hubert Weiger für einen Irrweg hält. „Wir fordern Bundesverkehrsminister Ramsauer auf, das Projekt definitiv zu beenden.“ Die B 15 neu sei „ein drastisches Beispiel für eine nicht mehr zeitgemäße Verkehrspolitik“. Würde sie südlich weitergeführt, wären laut BN hochwertige Schutzgebiete wie die Isarhangleiten bei Landshut oder das Isental bei Schwindegg betroffen. Ausgerechnet das Isental – das ohnehin schon durch die endgültig genehmigte A 94 durchschnitten wird. „Die B 15 neu wäre genauso ein Vandalenakt“, sagt der Dorfener Stadtrat und Anti-A 94-Aktivist Heiner Müller-Ermann.

Der Streit um die B 15 neu ist über 40 Jahre alt. Zwischen Regensburg und Landshut ist die Trasse fast fertig. Südlich davon gibt es nur Uralt-Planungen. Irgendwann einmal soll die Bundesstraße bei Schwindegg (Kreis Mühldorf) auf die A 94 (München-Pocking) treffen. Und, nur ein vages Zukunftsprojekt: Die Straße könnte westlich von Rosenheim auf die Salzburger Autobahn (A 8) treffen.

Könnte, sollte – „die Autobahndirektion denkt in ewigen Zeiten“, lästert der Grünen-Bundestagsabgeordnete Toni Hofreiter. Der Abschnitt der B 15 neu südlich der A 92 sei zwar im Bundesverkehrswegeplan verzeichnet, dort aber nicht in der höchsten Kategorie eingestuft. „Im vordringlichen Bedarf des Bundes gibt es Projekte für 45 Milliarden Euro: Jedes Jahr gibt es aber nur ein bis zwei Milliarden für Neubauten“, sagt Hofreiter, der den Verkehrsausschuss im Bundestag leitet. Wie der Bund Naturschutz appelliert er, die B 15 neu an der A 92 enden zu lassen und den Weiterbau zu beerdigen. Das Kleeblatt der Autobahndirektion sei „reine Geldverschwendung“.

Auch in den Kommunen rechnet man nicht mit dem Weiterbau. Nachdem der Südabschnitt nicht mehr als vordringlicher Bedarf eingestuft sei, gehe „die Wahrscheinlichkeit, dass das Projekt in den nächsten 20 bis 25 Jahren gebaut wird, gegen Null“, sagt Georg Seitz, Sprecher der Stadt Dorfen. Stattdessen will die Stadt eine lokale Lösung – eine Ortsumgehung. Auf die B 15 neu könne man nicht warten, sagt Seitz.

Bis jetzt schlängelt sich nur die B 15 (alt) durch den Korridor zwischen A 92 und A 94 – und auch durch Dorfen. Im Auftrag der Stadt hat ein Fachbüro vier mögliche Routen untersucht – und eine davon ausgewählt. Das Problem: Weil es sich um eine Verlagerung der B 15 (alt) handeln würde, müsste auch hier der Bund zahlen. Ob er das auch tut, ist unklar. Übers Geld sei noch nicht geredet worden, sagt Seitz.

Die Rosenheimer sind da mehrere Schritte weiter: Die Planung ihrer Westumfahrung zwischen A 8 und bestehende B 15 (alt) ist abgeschlossen, am 27. August ist der erste Spatenstich terminiert.

Diese Westumfahrung stehe aber „nicht in Konkurrenz“ zur B 15 neu, hieß es in einem Schreiben der Regierung von Oberbayern aus dem Jahr 1998. Schon damals erklärte die Behörde, dass „in den nächsten 15 bis 20 Jahren im Raum Wasserburg/Rosenheim mit keinen wesentlichen Planungsarbeiten zu rechnen“ sei. Daran hat sich bis jetzt nichts geändert.

von Dirk Walter

Rubriklistenbild: © Kurzendörfer

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