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Wie abgelenkt war Michael P. von seinem Handyspiel? Der Angeklagte berät mit seiner Anwältin Ulrike Thole.

Prozess zum Zugunglück

Bad Aibling: Fahrdienstleiter chattete vor dem Unglück

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Traunstein - Unfallursache Handyspiel? Beim vierten Verhandlungstag zum Zugunglück von Bad Aibling stand die Frage im Mittelpunkt, wie abgelenkt der Angeklagte Michael P. von seinem Smartphone war. 

Das Spiel geht immer weiter. Neue Waffen, neue Monster, neue Missionen. „Man kann spielen ohne Ende. Bis der Spieler sich irgendwann langweilt“, sagt der Mitarbeiter der Handyspielefirma, die dafür sorgt, dass das Spiel eben nicht langweilig wird. Jener Firma, deren Spiel „Dungeon Hunter 5“ der Angeklagte Michael P. bis kurz vor dem tödlichen Zusammenstoß zweier Züge in Bad Aibling auf seinem Smartphone geöffnet und wohl auch aktiv gespielt hat. Noch zwölf Minuten vor dem Unfall habe Michael P. mit Mitspielern gechattet – das geht aus den Aufzeichnungen der Firma hervor. Hat er deshalb in seinem Stellwerk in Bad Aibling die fatalen Signale gegeben, die zu dem Zugunglück führten, bei dem zwölf Menschen ihr Leben verloren? Weil er abgelenkt war von der Monsterjagd auf seinem Smartphone? Diese Frage stand im Mittelpunkt des vierten Verhandlungstags vor dem Landgericht Traunstein. Klären konnte das Gericht diese Fragen gestern nicht. Ein Sachverständiger konnte wegen Krankheit nicht aussagen.

Das Spiel lief nicht alleine vor sich hin

Auch der extra aus Bukarest angereiste Spielefirma-Mitarbeiter konnte die gewünschten Antworten zum zeitlichen Ablauf und dem Grad der Ablenkung nicht liefern. Michael P. habe am Unglückstag mehrmals mit Mitspielern gechattet, sagte der Zeuge, an dessen Seite eine Dolmetscherin saß. Mit wem und über was sich der Angeklagte an dem Tag austauschte, könne er jedoch nicht sagen. Der Angeklagte sei Mitglied einer Spielergemeinschaft gewesen. Im Einzelspielermodus hätte Michael P. problemlos pausieren können, sagt der Zeuge. Er war sich aber nicht sicher, ob das mit mehreren Mitspielern auch so einfach möglich ist. Für viele Spielaktionen sei aktives Handeln nötig, erklärte er. Das Spiel lief also nicht alleine vor sich hin, während das Smartphone neben Michael P. im Bad Aiblinger Stellwerk auf dem Tisch lag.

„Haben Sie das Spiel auf Ihrem Handy?“, fragte der Vorsitzende Richter Erich Fuchs den Rumänen, als sich dessen Befragung als wenig ergiebig herausstellte. Hatte er. So standen die Prozessbeteiligten schließlich in großer Gruppe um den Richtertisch und ließen sich die Grundlagen des Online-Rollenspiels erklären. Doch auch danach blieb die Erkenntnis, dass die Detailfragen zur Handynutzung besser der erkrankte Sachverständige beantworten solle, der die Daten auf dem Handy des Angeklagten ausgelesen hatte. Auch die Aussage eines Psychologen, der klären soll, wie sehr das Handyspiel die Konzentration des Michael P. eingeschränkt habe, wurde auf Donnerstag verlegt.

Der Nebenklägervertreter Peter Dürr zeigte sich in einer Verhandlungspause enttäuscht von der Aussage des Spielefirma-Mitarbeiters. „Da war wenig Erkenntnisgewinn dabei.“ Wie intensiv Michael P. sein Handy am Morgen des 9. Februar genutzt habe, wird aber bei der Strafzumessung ganz entscheidend sein, glaubt Dürr. Er hofft, dass der Sachverständige die genauen Zeitabstände ermitteln kann.

Mitarbeiter der DB Netz als weiterer Zeuge

Als weiterer Zeuge wurde ein Mitarbeiter der DB Netz gehört, der am Faschingsdienstag zufällig in einem der Unglückszüge saß. Der 57-Jährige hatte die vom Angeklagten gesetzten Ersatzsignale während der Fahrt gesehen. Nach dem ersten Signal bei der Ausfahrt aus Bad Aibling habe er sich noch nichts gedacht. Als das Ersatzsignal, genannt Zs1, aber auch nach der Haltestelle Kurpark aufleuchtete, sei er stutzig geworden. „Ein Ersatzsignal zweimal hintereinander auf dieser Strecke, das habe ich bisher noch nie erlebt.“ Kurz darauf rasten die beiden Züge ineinander. Der DB-Mitarbeiter wurde von der Wucht des Aufpralls durch den Zug geschleudert. Er kam mit einer schweren Brustprellung davon.

Wenn der IT-Sachverständige am Donnerstag aussagt, könnten noch am Freitag die Plädoyers von Staatsanwaltschaft, Verteidigern und Nebenklägern gehalten werden. Ein Urteil könnte dann wie ursprünglich geplant kommenden Montag fallen.

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