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Am vorletzten Prozesstag steht der Angeklagte Michael P. noch einmal im Mittelpunkt. Als die Plädoyers gehalten sind, wendet er sich mit ein paar Worten direkt an die Opfer. 

Angeklagter spricht emotional zu den Opfern

Bad-Aibling-Prozess: Staatsanwalt fordert vier Jahre Haft

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Gefängnis oder Bewährung? Am vorletzten Tag im Prozess gegen Michael P. fordert der Staatsanwalt vier Jahre Haft für den ehemaligen Fahrdienstleiter. Nach den Plädoyers wendet sich der Angeklagte noch einmal an die Opfer des Zugunglücks von Bad Aibling – und zeigt Emotionen.

Als die Nebenklagevertreter das Wort an den Angeklagten richten, kann Michael P. seine Emotionen nicht mehr zurückhalten. Er atmet tief ein, blickt zur Decke, aber dann braucht er doch ein Taschentuch für seine Tränen. Lange hatte er den Prozess um ihn stoisch verfolgt, sich seit der Entschuldigung am ersten Verhandlungstag und seinen persönlichen Angaben nicht mehr geäußert. Aber als Rechtsanwalt Raphael Stanke in seinem Schlussplädoyer ausrichtet, seine Mandanten würden die Entschuldigung annehmen, bröckelt die Fassade.

Der sechste Prozesstag zum Zugunglück von Bad Aibling war der Tag der Plädoyers. Der leitende Oberstaatsanwalt Jürgen Branz forderte eine Haftstrafe von vier Jahren für den Angeklagten Michael P. Der Vorwurf der fahrlässigen Tötung habe sich in vollem Umfang bestätigt. Michael P.s Verteidiger verwiesen auf vergangene Zugunglücke, bei denen die Beteiligten jeweils zu Bewährungsstrafen verurteilt wurden. Sollte das Gericht trotzdem eine Haftstrafe aussprechen, seien maximal zweieinhalb Jahre angemessen.

Staatsanwalt Branz war am 9. Feruar selbst am Unfallort. „Was ich dort gesehen habe, hat sich bei mir in der Seele festgesetzt. Ich muss mich sehr zurückhalten, um nicht emotional zu werden“, sagte er, nachdem er noch einmal ruhig, aber mit Nachdruck die Abfolge von P.s Fehlern dargestellt hatte. Sein Fazit nach der detailreichen Beweisaufnahme: Die Technik vor Ort war in Ordnung, auch das Verhalten aller anderen beteiligten Personen. Fehler habe ausschließlich der Angeklagte Michael P. gemacht.

Seine Aufgabe sei es gewesen, sicherzustellen, dass nicht zwei Züge aufeinander zufahren. „Dabei hat er völlig versagt.“ Er habe den Zugverkehr gedankenlos, ja, gefühlt nebenbei geregelt. Ursache dafür ist nach Branz’ Überzeugung nur die Ablenkung durch das Spielen auf dem Smartphone. Lange wurde im Prozess über nötige Nachrüstungen, das verwirrende Notrufsystem und widersprüchliche Vorschriften diskutiert. „Aber letztendlich hat der Beschuldigte durch seine Handlungen den Tod von zwölf Menschen verursacht. Deswegen ist er schuldig zu sprechen.“

Fotostrecke: Das schwere Zugunglück bei Bad Aibling

Für den Angeklagten spreche, dass sich auch sein Leben durch den Unfall schlagartig verändert habe. Dass die finanziellen Forderungen immens sein werden – „die Schulden kriegt er nicht los“. Und dass er sich zuvor nie etwas zu Schulden habe kommen lassen. Gegen Michael P. sprächen aber die Spielerei am Handy und die massiven Folgen, die seine falsch gesetzten Signale hervorgerufen haben. Deshalb sei eine Freiheitsstrafe von vier Jahren angemessen. Branz blieb damit ein Jahr unter der Höchststrafe.

Michael P.s Verteidiger stützten ihre deutlich niedrigere Strafforderung auf den Aspekt des Handyspielens. Hauptursache für P.s Fehler sei gewesen, dass er den Fahrplan falsch gelesen habe und von einem anderen Kreuzungspunkt ausgegangen sei. „Es ist sicher nicht auszuschließen, dass die Handynutzung dafür mitursächlich war“, sagte Verteidiger Thilo Pfordte. Aber das Handyspiel als Ursache aller Fehler auszumachen, sei zu kurz gedacht. Er wies zudem darauf hin, dass die Verursacher von schweren Zugunglücken aus der Vergangenheit – Warngau, Eschede, Rüsselsheim – alle zu Bewährungsstrafen verurteilt wurden. Der enorme Unterschied zu diesem Verfahren sei „nicht gerechtfertigt“.

Die Vertreter der Nebenkläger verzichteten auf explizite Forderungen zum Strafmaß. Sie zeigten sich uneinig darüber, ob auch die Bahn bei dem Unglück versagt habe. „Ich kann kein Mitverschulden sehen“, sagte Nebenklagevertreter Wilhelm Graue. Friedrich Schweikert ist hingegen der Meinung: „Manche Fehler waren vielleicht nicht maßgeblich für das Unglück, aber es liegen Fehler vor.“ Der Prozess habe viele Fragen aufgeworfen, sagte er nach der Verhandlung. Diese Fragen wolle er der Bahn in einem Schreiben stellen. „Ich hoffe auf Antworten.“

Das letzte Wort ergriff Michael P. Wie zu Prozessbeginn erhob er sich und wandte sich noch einmal an die Angehörigen und Opfer, von denen an diesem Verhandlungstag nur wenige im Saal waren. Er stehe noch immer unter dem Eindruck der Ereignisse. „Ich bin stark davon betroffen“, sagte er stockend. „Ich bin froh um die Erkenntnisse, die in diesem Prozess gewonnen wurden.“ Und er hoffe, dass diese Erkenntnisse auch den Betroffenen auf ihrem Weg weiterhelfen werden.

Worte, die die Nebenklagevertreter mit gemischten Gefühlen aufnahmen. „Mir haben die Worte des Bedauerns gefehlt“, sagt Rechtsanwalt Peter Dürr. „Die entscheidenden Worte: ,Es tut mir Leid‘, sind nicht gefallen“, sagte Friedrich Schweikert. Er halte die Aussage über die gewonnen Erkenntnisse für zynisch – „weil sich der Beschuldigte im Verfahren zur Sache gar nicht geäußert hat“.

Das Urteil soll am Montag verkündet werden.

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